So ein Dieter Wedel hat gut lachen. Da widmet sich der Großmeister des TV-Mehrteilers der Biografie eines schamlosen Anlagehochstaplers und kommt mit dem zugehörigen Filmschwank nun pünktlich zur Finanzkrise ums Eck. "Gier" (Teil eins läuft am Mittwoch, 20.01., 20.15 Uhr) heißt diese zweiteilige Anatomie des Betrugs - eine Steilvorlage für eine Art Themenabend im Ersten. Nachdem Frank Plasberg die zeitlosen und zeitgeistigen Anwandlungen dieser Untugend "Hart aber fair" (21.45 Uhr) ausdiskutiert hat, weist ein bemerkenswerter Dokumentarfilm (23.30 Uhr) abschließend in eine bessere Zukunft: "Geld für alle!" fordern die Filmemacher Christian Gramstadt und Ulrich Stein, die unter anderem Tobias Schlegl auf die Suche nach einer gerechteren Welt um den Globus schickten. Endlich mal einer, den man fragen kann: Ist der Kapitalismus noch zu retten?
Doch, doch, er ist zu retten, beschwichtigt Tobias Schlegl, der sich seit über zwei Jahren beim NDR-Satiremagazin "extra 3" politische Sporen verdient - "aber nicht in der bestehenden, ungezügelten Form". Denn eins, so sagt der frühere VIVA-Moderator, ist gewiss: "Nach der Krise ist vor der Krise - die nächste Blase platzt bestimmt." Reichen also ein paar Schönheitskorrekturen, lässt sich das zügellose Raubtier namens Kapitalismus mit gutem Zureden und ein wenig Strenge wieder auf den Pfad der Tugend führen? So in etwa: "Wir wollen praktische Beispiele aufzeigen, wie es gerechter, fairer und beständiger funktionieren könnte."
Also mal konkret: 1.500 Euro für jeden von der Geburt bis zum Tod - das wär doch was! Klingt wie eine schöne, linksromantische Utopie, weiß auch Schlegl. Doch der Mann, der sie im Film formuliert, heißt Götz Werner, ist milliardenschwerer Unternehmensleiter einer großen Drogeriemarktkette und hält das Ganze auch noch für finanzierbar. Schlegl ist sich da nicht ganz so sicher und überhaupt: "Ich würde wohl nicht mehr aufstehen, wenn ich 1.500 Euro einfach so monatlich überwiesen bekäme."
Doch es gibt Ansätze, die den 32-Jährigen mehr überzeugten. Auch wenn sie auf den ersten Blick etwas unzeitgemäß wirken. Da feiert die Europäische Union ihr einheitliches Zahlungsmittel und nun das: Regionalwährungen. Im Chiemgau gibt es so ein Modell, den sogenannten Chiemgauer. Der soll den Euro keineswegs verdrängen, erklärt Schlegl, der sich das vor Ort angeguckt hat, sondern ergänzen.
Der Clou: Der Chiemgauer verliert an Wert, alle drei Monate zwei Prozent, was bedeutet: "Man muss das Geld ausgeben, es bleibt im Umlauf. Man kann mit dieser Währung nicht spekulieren, nicht zocken." Und nicht nur das: Weil die kleinen Betriebe, nicht aber die großen Ketten mitmachen, hat die Regionalwährung noch einen weiteren schönen Effekt: "Der Tante-Emma-Laden kann überleben. Mich hat die Idee begeistert."
Buchstäblich nicht ganz so naheliegend war ein weiteres Reiseziel: Kuba. Ausgerechnet der marode Inselstaat, der sich auch unter der Embargolast in den womöglich letzten Tagen des Sozialismus windet, taugt als Vorbild für die Weltwirtschaft? Bedingt, durchaus. "Klar, läuft da einiges verkehrt", räumt Schlegl ein, dem fast die Einreise verweigert worden wäre. "Die Behörden fanden heraus, dass ich mal einen Witz über Fidel Castro in einer Sendung gemacht habe - wer hat das nicht? Da war dann einiges Zureden vonnöten."
Auch vor Ort wurde vonseiten der Staatsvertreter "gemauert und blockiert", selbst die Menschen auf der Straße ließen sich nur zögerlich zu Stellungnahmen bewegen. Die Wirtschaft liegt darnieder, das langjährige Staatsoberhaupt auch. Dennoch, so Schlegl, sei Castro für die Kubaner nach wie vor eine Lichtgestalt. "Egal, wie schlecht es dem Land geht, erkennt die Bevölkerung doch an, was er geschichtlich geleistet hat."
Was man aber sehr wohl lernen könne, ist, dass sich Systeme annähern sollten. Kuba öffnet sich aktuell mehr denn je dem Kapitalismus, wirtschaftliche Impulse werden dringend benötigt. Umgekehrt, befindet Schlegl, herrsche auf dem Inselstaat verglichen zur hiesigen Misere ein wahres Kreditparadies für die Bauern und Kleinbetriebe. Kreditklemme? Nicht auf Kuba.
Wie könnte sie denn nun aussehen, die gerechtere Welt von Morgen? "Geld für alle!" ist ja schon mal ein schönes Motto, lacht Schlegl und fügt an: "Die Verantwortlichen der Krise haben nichts gelernt, da kann man leicht fatalistisch werden. Aber ganz so machtlos sind wir den Bänkern und Managern auch nicht ausgeliefert. Es gibt Alternativen." Wie das Beispiel Regionalwährung zeigt, realisieren sich die nicht ohne Zutun. Indes: Wem es an Motivation und Antrieb fehle, der solle mal wie das Filmteam eine der wöchentlichen After-Work-Partys für Bänker in Frankfurt am Main besuchen.
"Wenn du da bist, dann wirst du persönlich zornig", ereifert sich Schlegl, dem die Bänker auch bei "extra 3" die erklärten "Lieblingsfeinde" sind: "Da wird jedes böse Klischee bestätigt." "Krise, welche Krise?" habe es geheißen. Und dass ein paar Arbeitsplätze in der sogenannten Realwirtschaft flöten gingen? Das sei doch wirklich nicht ihr Problem, fanden die sorglosen Yuppie-Bänker, die dann lieber das Kamerateam attackierten. "Wem da nicht klar wird, dass Veränderungen hermüssen, dem ist nicht mehr zu helfen."