Ohren auf, Augen zu

 - 30.07.2010

Eine Karte der Klänge von Tokio

Von Andreas Fischer
Schwülstig und irritierend: Isabel Coixet malt "Eine Karte der Klänge von Tokio", ohne die Bilder mit einer Geschichte zu füllen.
Regisseurin Isabel Coixet ist selbst erklärter Japan-Fan und schaut mit ziemlich westlichem Blick auf "Eine Karte der Klänge von Tokio".
Regisseurin Isabel Coixet ist selbst erklärter Japan-Fan und schaut mit ziemlich westlichem Blick auf "Eine Karte der Klänge von Tokio".

Meint man es gut mit Isabel Coixet, dann könnte man der spanischen Regisseurin attestieren, eine faszinierende Sinfonie der Großstadt zu dirigieren. Das stete Trommeln, das ständige Zischen, Quietschen, Pfeifen, Knacken, diese ohrenbetäubende Melange der Geräusche: Coixet zeichnet in der Tat "Eine Karte der Klänge von Tokio" und erhebt den Lärm zur Poesie. Allerdings ist das Klangkorsett zu eng geschnürt: Leise Töne haben in der Geschichte eines an der Liebe scheiternden Auftragsmordes keine Chance.

Von wegen brave Fischverkäuferin: Ryo (Rinko Kikuchi) ist eine präzise arbeitende Auftragskillerin.
Von wegen brave Fischverkäuferin: Ryo (Rinko Kikuchi) ist eine präzise arbeitende Auftragskillerin.

Dabei haben Coixets frühere Filme gerade in der Stille ihre Kraft entfaltet. "Mein Leben ohne mich" und "Das geheime Leben der Worte", beide mit der fantastischen Sarah Polley, strahlten eine große innere und äußere Ruhe aus, in der sich die Protagonisten entwickeln konnten. Das fehlt nun. Vielleicht auch deshalb, weil die Spanierin mit den Augen und den Ohren einer Tokio-Liebhaberin nach Japan reiste, um ihren Film zu drehen - mit einem ziemlich westlichen Blick auf die Metropole.

Dort führt die unscheinbare Ryo (Rinko Kikuchi) ein Doppelleben: Sie ist nicht nur Fischverkäuferin, sondern auch Auftragskillerin. Ihr neues Opfer ist der spanische Weinhändler David (Sergi López), dessen Ex-Freundin sich aus Kummer umbrachte. Anstatt den präzise vorbereiteten Mord durchzuführen, landet Ryo in den Armen Davids und zerreißt innerlich. Liebe und körperlicher Lust zerren an ihr genau wie der unbarmherzige Auftraggeber, der von einer Stornierung nichts wissen will.

Einsam in Tokio: Davids (Sergi López) Ex-Freundin hat die Trennung nicht verkraftet. Nun steht der Weinhändler auf der Abschussliste ihres Vaters.
Einsam in Tokio: Davids (Sergi López) Ex-Freundin hat die Trennung nicht verkraftet. Nun steht der Weinhändler auf der Abschussliste ihres Vaters.

Tod und Liebe, Sex und Mord: Coixet bemüht Gegensatzpaare aus dem Klischeearchiv und bebildert sie wie Ansichtskarten. Das sind durchaus originelle Bilder, bunt, sinnlich, ständig in Bewegung. Doch unter der gekünstelt-ästhetischen Oberfläche versteckt sich eine große Leere, die von den seichten Dialogen der grob skizzierten Protagonisten nicht gefüllt werden kann.

Und der Sound? Die Klänge? Die sind zwar zu jeder Zeit präsent, werden aber in die Rahmenhandlung verbannt. Ein alter Soundingenieur, der die Töne der Stadt sucht, erzählt die Geschichte von Ryo und David: Er trifft die junge Frau regelmäßig und lauscht den Berichten ihrer Begegnungen mit David. Doch dabei gibt Ryo nichts von sich preis.

So plätschert der Film in sanften Bewegungen vor sich hin, ohne große Höhepunkte. Die haben nur David und Ryo, deren erotische Alltagsfluchten immer mehr in den Mittelpunkt gerückt werden. Bis zur von einem schematischen Drehbuch vorbestimmten Erfüllung des Schicksals der beiden einsamen Seelen dürfen sie sich noch in schwülstigen Liebeshotels treffen, inszeniert als oftmals ins Peinliche abrutschender Arthaus-Porno für ein zivilisiertes Publikum. So faszinierend Tokio mit den Ohren Isabel Coixets gehört werden kann - so irritierend sieht es mit ihren Augen betrachtet aus.

Eine Karte der Klänge von Tokio(Original: Mapa de los sonidos de Tokyo)
Drama - Alamode - E 2009
Regie: Isabel Coixet - Starttermin: 05.08.2010
Schauspieler:Rinko Kikuchi, Sergi López, Takeo Nakahara
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