Nach "Eiszeit" nun "Die Hölle muss warten": Dem Albumtitel nach zu urteilen, bleiben sich Eisbrecher treu. Aber stimmt das? "Die Hölle muss warten" ist das vierte der Band um Sänger Alexander "Alexx" Wesselsky und Gitarrist Jochen "Noel Pix" Seibert - und das erste bei einem Major-Label. Schleifen Eisbrecher nun die harten Kanten ihres dunklen und deutschsprachigen Rocks zugunsten des Massengeschmacks? Gelingt ihnen nun vielleicht ein Charts-Coup wie zuletzt Unheilig? Alex Wesselsky gibt sich im Interview diesbezüglich gelassen - und plaudert auch über Romantik, die Macht des Fernsehens und Haarprobleme.
teleschau: Ihr letztes Album "Eiszeit" schaffte es unter die Top 5 der Albumcharts. Jetzt kommt der Nachfolger "Die Hölle muss warten" in die Läden. Wagen Sie eine Prognose?
Alex Wesselsky: Fünf plus. Sicher, Musik wird nicht besser, nur weil sie in den Charts ganz oben steht. Wir wissen alle, dass verkaufte Alben und Wertigkeit nicht unbedingt das Gleiche sein müssen. Aber die letzte Platte schaffte es bei einem Indie-Label schon bis auf Platz fünf. Jetzt sind wir bei dem Major-Label Columbia Records aus dem Hause Sony Music unter Vertrag. Und dort sitzen Leute, die - wie ich hoffe - was vom Fach verstehen, deswegen ist es ja wohl Ehrensache, dass da eine Vier, eine Drei, ach, im Idealfall die große Eins steht. Wenn man antritt, dann so gut es geht. Und ein Platz auf dem Treppchen ist immer wünschenswert.
teleschau: Ihrem ersten Album lagen Gratis-CD-Rohlinge als Zeichen gegen den Trend zur Kriminalisierung von Privatkopien bei. Nun sind Sie selbst Teil der Major-Industrie. Führt das zu Vorwürfen aus Fan-Kreisen?
Wesselsky: Ja, ich werde damit ziemlich oft konfrontiert. Im Zeitalter der Social Networks - die ich gerne Antisocial Networks nenne - muss man damit leben, dass man sich permanent auf der eigenen Pinnwand sowohl großem Lob als auch ganz brutalen Vorwürfen ausgesetzt sieht. Als wir verkündeten, dass wir zu Sony Music gehen, ging das große Geschrei los: "Ausverkauf! Verrat! Erst haben wir Unheilig verloren, jetzt kommen Eisbrecher, die Schweinepriester, und machen es genauso."
teleschau: Und was sagen Sie diesen Fans?
Wesselsky: Ich kann die Fans in gewisser Weise verstehen, möchte sie aber auch beruhigen: Man muss diese Unheilig-Neurose überwinden. Wir haben einen Major-Deal bekommen, weil wir sind, wie wir sind. Wir sind Männer um die 40, die veränderst du nicht mehr. Es muss sich niemand Sorgen machen, dass wir nun eine Schlager-Platte abliefern. Die Klaviatur des gelebten Lebens von zwei Jahren ist auf dieser Platte vertont. So haben wir es immer gemacht und so werden wir es weiterhin machen.
teleschau: Textlich werden auf "Die Hölle muss warten" kaum extreme Themen angesprochen. Ein Konsequenz aus den teils heftigen Reaktionen auf "Amok" vom letzten Album?
Wesselsky: Nein. Wir stehen nach wie vor zu dem Text von "Amok", der ja wiederum auch eine Reaktion auf gesellschaftliche Entwicklungen ist. In Gottes Namen, Musik muss auch mal weh tun. Dieses Mal hat es sich nicht ergeben, und ich hatte nicht das dringende Gefühl, so etwas umzusetzen. Es war noch nie unser Anspruch, so etwas zu erzwingen. Hauptsache Provokation? Nein, das interessiert mich nicht. Dafür sind Bands wie Rammstein zuständig. Die haben das zum Programm erhoben und damit ist das Feld mehr als bedient.
teleschau: Andererseits gibt es Zeilen wie "Keine Liebe ohne Leid". Haben Eisbrecher auch eine romantische Ader?
Wesselsky: Hundertprozentig. Und zwar schon seit dem ersten Album. Wir hatten schon immer ruhige Songs. Und natürlich auch eine gewaltiges Maß Pop-Appeal. Wenn wir auf die Bühne gehen, sind wir eine ziemlich knallharte Rocktruppe, da bleibt den Leuten oft der Mund offen stehen. Und Mädchen, die denken, dass da jetzt so eine Romantikertruppe kommt, die werden schnell eines Besseren belehrt. Rockmusik hat immer was mit Eiern zu tun, mit breitbeiniger Attitüde.
teleschau: Kann man diese Attitüde denn mit zunehmendem Alter noch glaubhaft verkörpern?
Wesselsky: Ja klar! Aber ich bin heute 43 Jahre alt und nicht mehr der wilde Revoluzzer, der ich mit 20 oder 25 war. Wir haben andere Dinge zu erzählen, und es ist auch mal wunderschön, einfach einen guten, ruhigen Song zu machen, der emotional ganz woanders langgeht. Warum denn Schiss haben, Herz zu zeigen? Die Mischung macht's! Und Eisbrecher hatten schon immer Popsongs wie "Vergissmeinnicht" oder "Ohne Dich". Auch auf dieser Platte gibt es davon eine gute Handvoll. Wir stehen da drauf. Wir mischen Pop und Rock auf Eisbrecher-Art.
teleschau: Vor ein paar Wochen kam die neue Platte Ihrer Ex-Band Megaherz auf den Markt. Eine gewisse optische Ähnlichkeit zwischen deren Sänger Lex und Ihnen kann man nicht von der Hand weisen ...
Wesselsky: Das liegt daran, dass wir alle ein Haarproblem haben. Nein: Ich finde es selbst seltsam. Und ich muss selber lachen. Ich schau mir Unheilig an - den Glatzkopf mit dem Bart. Dann schau ich mir Lex an, meinen Nachfolger, und immer wieder kommen Leute zu mir und sagen: "Hey, du siehst ja aus wie der ...". Und ich denke: "Alter Schwede, sieht der jetzt aus wie ich oder ich wie der?" Es ist abstrus. Ich laufe, seit ich denken kann, so rum, wie ich rumlaufe, und plötzlich kommen Leute und sagen: "Hey, du kopierst den Stil von diesem Typen, ist doch peinlich". Da kann man nur ein Grinsen aufziehen und entspannt reagieren.
teleschau: Haben Sie im Publikum schon mal ein rosa oder neongrünes T-Shirt entdeckt?
Wesselsky: Wir machen schon immer Rock, und da wir in der schwarzen Szene sehr gut funktioniert haben, ist diese zu einer Heimat für uns geworden. Wir sind immer offen gewesen, aber eines ist klar: Die Farbe des Rock ist seit den Zeiten von AC/DC und Motörhead Schwarz. Und das ist gut so. Mich stört ein buntes Shirt überhaupt nicht. Wir werden aber nie am Merchandising-Stand neongrüne T-Shirts verkaufen.
teleschau: Viele Leute kennen Sie als "Der Checker" aus der gleichnamigen TV-Show. Wer ist bekannter, der Fernsehmoderator oder der Musiker Alex Wesselsky?
Wesselsky: Ganz klar, bekannter ist der TV-Moderator. Das Fernsehen ist nach wie vor eine Macht. Wenn es dir nicht geht wie Unheilig, dann kannst du auch nach 20 Jahren Musikmachen noch ganz entspannt in ein Café gehen, ohne erkannt zu werden. Erst der TV-Moderator Alex Wesselsky hat dafür gesorgt, dass ich zwischen Flugzeug und Ausgang so ziemlich jedem Piloten und Bundesgrenzschützer die Hand schüttele. Die sagen "Hallo, Checker, das ist ja toll." Und nicht "Hallo, Alex von Eisbrecher, das ist ja toll".
teleschau: Erstaunlich ...
Wesselsky: Glauben Sie mir, Fernsehen ist für mich, abgesehen von ARTE, Phoenix und anderen Spartensendern, für die ich gerne Gebühren bezahle, ein Wegschaltmedium. Wenn Sachen wie "Ich bin ein Star, holt mich hier raus" über 40 Prozent Quote einfahren, dann brauchen wir uns darüber nicht weiter unterhalten. Ich nutze meinen Fernseher vor allem dafür, mir meine Wunsch-DVDs anzuschauen. Aber das Fernsehprogramm bleibt bei mir meistens aus.
Eisbrecher auf Deutschland-Tournee:
16.02., Hamburg, Docks
17.02., Dresden, Alter Schlachthof
18.02., Berlin, Huxley's Neue Welt
19.02., Hannover, Capitol
23.02., München, Backstage
24.02., Nürnberg, Löwensaal
25.02., Erfurt, Stadtgarten
26.02., Magdeburg, Factory
29.02., Dortmund, FZW
01.03., Köln, Live Music Hall
02.03., Kaiserslautern, Kammgarn
04.03., Stuttgart, LKA Longhorn

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