Vielleicht wird dieser Tage zum ersten Mal klar, worum es bei K.I.Z. geht. Um die Überhöhung, klar. Aber eben um die Überhöhung als Werkzeug. Nico und Maxim, beide Rapper bei der Berliner HipHop-Gruppe, kandidieren im September bei der Wahl für das Berliner Abgeordnetenhaus. Genauer gesagt, sie kandidieren für "die Partei". Das wiederum ist eine politische Vereinigung, die aus dem Umfeld der Satire-Zeitschrift "Titanic" stammt und unter anderem für das Höchstwahlalter von 50 Jahren und die Einrichtung einer "Sonderwirtschaftszone Ost" eintritt, die mit einer Mauer vom restlichen Bundesgebiet abgetrennt werden soll.
Sie hat einige prominente Mitstreiter im Kader - so kämpften in Hamburg bei der letzten Bürgerschaftswahl Rocko Schamoni und Heinz Strunk um Stimmen. Ganz ernst ist das alles nicht zu nehmen, und doch kann längst nicht jeder darüber lachen. Das verbindet die Partei mit der Band, die dieser Tage mit "Urlaub fürs Gehirn" ihr viertes Album veröffentlicht.
K.I.Z. sind eine beliebte Band. Vor allem aber sind sie eine Band, die ihre Anhängerschaft aus den verschiedensten Schichten rekrutiert. Bei einem K.I.Z.-Konzert treffen HipHop-Kids mit Straßen-Credibility auf Weißbier trinkende Party-Gymnasiasten und Punks, im Publikum stehen Akademiker und Bauarbeiter einträchtig nebeneinander.
Das Quartett veröffentlichte früher auf dem legendären HipHop-Indie Royal Bunker und ist heute beim Unterhaltungsmulti Universal unter Vertrag. Sido war auf einer ihrer Platten zu hören - er rappte in "Das System (die kleinen Dinge)" über die überschaubare Größe seines Geschlechtsteils -, aber auch Bela B. von den Ärzten konnte als Duettpartner gewonnen werden. Rap-Seiten berichten über die Berliner ebenso wie die Feuilletons großer Tageszeitungen.
Das ist einigermaßen bemerkenswert, weil sich die Arbeitsweise der Band in den letzten Jahren nicht wirklich veränderte. Motor der Songs ist stets der Tabubruch. Die Mittel: Geschlechtsteile. Körperflüssigkeiten. Gewalt. Und die Songs finden gerne in sozialen Milieus statt, mit denen der Durchschnittshörer sonst nicht in Berührung kommt. Das kann die Asi-Kneipe am Eck sein, aber auch die Jugendgang-Szene am Kottbusser Tor in Berlin. Oft genug handelt es sich bei den Texten aber auch um durchaus schön ausgearbeitete Fantastereien: In "Straight Outta Kärnten" etwa erzählten K.I.Z. die Geschichte des Lovers von Jörg Haider - kein Jahr nach dem tödlichen Autounfall des Kärntner Rechtspopulisten ein hübscher, posthumer Tritt in den Allerwertesten. "Biergarten Eden" schließlich, das im letzten Jahr ausschließlich übers Internet veröffentlicht wurde, war eine süffisante und punktgenau zur Weltmeisterschaft veröffentlichte Hymne auf die Kombination von Fußball und Nationalstolz - die Ärzte hätten's nicht besser hinbekommen.
Gleichzeitig zeigte der Song: K.I.Z. versteht nicht jeder. "Sind das jetzt Nazis oder Linke", fragte ein ratloser Internet-User ob Textzeilen wie "Immer wenn 'ne Mutter einen blonden Knaben gebärt, verlässt ein neuer Volkswagen das Werk". Maxim muss lachen, spricht man ihn auf die bisweilen etwas eigentümliche Rezeption des Songs an. "Ich finde das super, wenn die Leute denken, dass wir Nazis sind" - und bezeichnet sich und Nico folgerichtig als "die SA der Partei". Dass solche Gedanken völlig absurd sind, erkennt man natürlich rasch, wenn man sich ein bisschen mit K.I.Z. beschäftigt: So riefen die Berliner im Februar 2010 mit einem Youtube-Video zur Teilnahme an der antifaschistischen Demonstration "Dresden nazifrei" auf. Und, wenn man aus dem Programm ihrer "Partei" alles entfernt, was mit Spaß zu tun hat, landet man auch bei Forderungen und Ideen, die irgendwo zwischen jenen der Linken und der SPD liegen.
Dennoch: Die Band vermeidet es, derlei fassbare Ideologien zum Teil ihrer Kunst zu machen. "Ich muss nicht irgendwelche Werte, die sich irgendjemand anders ausgedacht hat, vertreten oder verteidigen oder Jugendlichen mit meiner coolen Hip-Hop-Musik einpflanzen", sagt Maxim, wenn man ihn fragt, ob die Band so etwas wie einen gesellschaftlichen Auftrag habe.
Und so ist auch "Urlaub fürs Gehirn" wieder eine hübsche, angemessen ruppige Rallye durch allerhand Pöbeleien. Bester Track: "Doitschland schafft sich ab". Die These des Songs: Nicht wie im (fast) gleichnamigen Bestseller der Immigrant, sondern die Frau ist die eigentliche Wurzel des Übels und der schlimmste Integrationsverweigerer in diesem Land. Über den Songtitel-Paten indes können K.I.Z. zwar Witze machen - aber nicht lachen. Thilo Sarrazin, so sagt Maxim, sei nicht lächerlich, sondern gefährlich. Der dürfte nicht in die "Partei". Denn da würde der Spaß aufhören.
K.I.Z. auf Deutschland-Tournee
06.10., Leipzig, Conne Island
07.10., Würzburg, Posthalle
08.10., Stuttgart, Longhorn
11.10., München, Backstage
12.10., Mannheim, Maimarktclub
14.10., Osnabrück, Hyde Park
16.10., Köln, Live Music Hall
18.10., Gießen, Hessenhalle
19.10., Lindau, Club Vaudeville
10.11., Hamburg, Docks
11.11., Flensburg, Max
12.11., Dresden, Reithalle Straße E
14.11., Magdeburg, Factory
15.11., Neu -Isenburg, Hugenottenhalle
22.11., Nürnberg, Löwensaal
23.11., Saarbrücken, Garage
24.11., Erfurt, Centrum
25.11., Bremen, Schlachthof
26.11., Dortmund, Westfalenhalle 2