13.01.2012

Gonjasufi - Mu.zz.le

Von Thomas Mehringer
Herausfordernd: HipHop, Soul und Funk verschmelzen bei Gonjasufi erneut zu einem komplexen Gedanken- und Gefühlsgebäude.

Angenommen, Gedanken wären nicht frei, Emotionen blieben gefesselt - alles Immaterielle könnte dem Körper, der Seele nicht entfliehen. Wie ein Maulkorb, der alle Empfindungen lähmt. Sumach Ecks alias Gonjasufi versucht auf dem Mini-Album "Mu.zz.le" (zehn Tracks, 24 Minuten Spieldauer) alle diese Zwänge abzulegen und sich Gehör zu verschaffen - auch wenn seine Musik dort entsteht, wo erstmal niemand sie hört.

Auch sein zweites reguläres Album, der Nachfolger zum hochgelobten Debüt "A Sufi & A Killer", entstand in der Abgeschiedenheit der Mojave-Wüste, zu Hause im eigenen Studio, umgeben von seiner Familie. Selbige ist eine hart erarbeite Errungenschaft in Ecks Leben - er wuchs als koptischer Christ mit äthiopisch-mexikanischen Wurzeln auf, hat am College den Islam studiert und später in den 90-Jahren relativ erfolglos versucht, in der HipHop-Szene seiner Geburtsstadt San Diego Fuß zu fassen. Was blieb: die Drogensucht. Ecks setzte sich in der Zeit weiter mit der asketisch gelebten Orientierung des Islam, dem Sufismus, auseinander und entkam so den dunklen Kapiteln seines Lebens.

Spirituell erleuchtet nahm er im Jahr 2010 sein Debüt mit dem Produzenten Flying Lotus auf, der als "Retter des HipHop" gepriesen wird. Sein Manifest, der Grundsatz seiner Lehren, findet sich auf "A Sufi & Killer" wieder. Und diese sind musikalisch wie thematisch äußerst herausfordernd - und so auch noch nicht gehört.

Gonjasufi macht auf "Mu.zz.le" weiter, wo er auf "A Sufi & Killer" aufgehört hat: transzendental, bewusstseinserweiternd, spirituell. Sein Groll erhebt sich gegen den leeren Schein, gegen alle Eitel- und Nichtigkeiten. Längst vergessener HipHop, psychedelischen Soul und stolpernden Funk verortet man auf "Mu.zz.le" - so richtig sicher ist man sich nicht. Einzige wahrnehmbare Neuerung: eine engelsgleiche Damenstimme, die in gleicher verzerrter Gonjasufi-Art die Backing-Vocals beisteuert. Und gerade, weil die Experimentierfreude hier schon aufhört, kann "Mu.zz.le" kein besseres Album als das Debüt sein. Muss es auch nicht, da es trotzdem ein Meilenstein ist: "Mu.zz.le" ist die schleichende Wahrheit, die sich nur langsam in der Gesellschaft ausbreitet. Aber irgendwann erreicht sie alle.

Informationen zur CD
Titel:Mu.zz.le
Band/Interpret:Gonjasufi
Genre:Hiphop/Soul/Funk
Label:Warp
Vertrieb:Rough Trade
EAN-Code:0801061022327
Veröffentlichung:20.01.2012
Bewertung:ausgezeichnet