Chemnitz statt Berlin. Kraftklub schreiben sich vorne wie hinten "Mit K" und sind schon vor Veröffentlichung ihres Debüts gleichen Namens richtig bekannt. Das ist drei Umständen geschuldet. Die ersten beiden sind Songs, man könnte Hymnen sagen. Eine heißt schlicht "Zu jung" und begutachtet die Ungnade der späten Geburt, die andere lässt dem Hauptstadt-Hype die Luft raus. "Ich will nicht nach Berlin" bescherte den Brüdern Felix und Till Kummer und ihren drei Bandkollegen eine erfolgreiche Teilnahme an Stefan Raabs "Bundesvision Song Contest". Sie erreichten für Sachsen Platz fünf und ihr Konzert Mitte Dezember im Berliner Astra Kulturhaus war dennoch ausverkauft. Und das ist auch Grund Nummer drei. Die fünf Jungs, alle Anfang 20, absolvierten im vergangenen Jahr so viele Konzerte, dass ihnen selbst schwindlig wurde. Den Hype haben sich Kraftklub auch hart erarbeitet. Frontmann und Rapper Felix Kummer - der Künstlername lautet Brummer - lässt sich beim Interview in Berlin entschuldigen. Er hat keine Stimme und die Reste derselben würde er gerne fürs anschließende Konzert zusammenkratzen. Zum Gespräch kommen aber sein Bruder Till sowie der Gitarrist und Sänger Karl Schumann.
teleschau: Habt Ihr erwartet, dass Euer Anti-Berlin-Song so einschlägt?
Karl Schumann: Das Komische ist ja, viele Berliner sehen das wie wir und mögen das Lied. Unser Frontmann Felix hat Zitate verwendet. Es laufen hier halt komische Leute rum (grinst).
teleschau: Jetzt spielt Ihr in Berlin. Ist das eine Herausforderung auf der Tour, werden Eier fliegen?
Till Brummer: Nein, die Leute haben ja ein Ticket gekauft und wissen wofür. Wir hassen Berlin ja nicht. Aber bei uns war es zum Beispiel so: Unser Management und das Label sitzen hier, und für die war es gleich selbstverständlich, dass wir auch hierher ziehen müssen. Wir finden, mit dem Auto sind wir in zweieinhalb Stunden da, sind gerne in der Stadt, möchten aber nicht hier wohnen.
teleschau: Basieren Felix' Texte meist auf Zitaten?
Schumann: Das Meiste ist uns oder Freunden passiert, ja.
teleschau: Besteht bei Texten immer Einigkeit beziehungsweise ist Felix da auch kritikfähig?
Brummer: Muss er ja. Wir sind fünf Leute, eine Band. Es ist vor allem ziemlich ironisch, was er textet. Ich finde, er trifft den Ton ganz gut.
Schumann: Besprochen werden lediglich Ideen, bei denen er selbst unsicher ist. Das sind die Stellen, an denen wir unseren Senf dazugeben. Aber wir kennen uns alle schon so lange, deshalb stimmen meistens die Ansichten von vornherein überein.
teleschau: Euer Album beinhaltet eine große Portion Wut und klare Aussagen. War es Zeit, dass mal wieder einer brüllt?
Brummer: Es gibt einfach wenig, worüber man sich aufregen kann. Deswegen gibt es vielleicht auch so wenig Wut.
teleschau: Aufregen kann man sich doch über vieles.
Brummer: Sicher, nur sind das alles so Kleinigkeiten. Uns geht es gut.
Schumann: Auch wenn wir für "das Loser-Ding" stehen, wollen wir eigentlich keine Message anbringen.
teleschau: Wie geht es den Leuten im Osten?
Schumann: Wenn man Chemnitz erwähnt, sagen alle Kackstadt.
Brummer: Dabei wachsen im Osten die hübschen Frauen am Baum.
Schumann: Und die Städte sehen besser aus. Im Westen, das ist mir beim Touren aufgefallen, gibt es ganz, ganz hässliche Städte.
teleschau: Aber die Tatsache, dass Ihr Euch angeblich im Fitnessclub kennen gelernt habt, besagt, dass in Chemnitz nichts los ist.
Schumann: Man will ja fit bleiben und stärker werden ...
Brummer: ... und Mädchen kennen lernen, die einen mit Bierbauch und dünnen Ärmchen keines Blickes würdigen.
teleschau: Wie ist das jetzt?
Brummer: Jetzt geht es mit Bierbauch und dünnen Ärmchen, jetzt machen wir ja Musik. Aber da kamen wir erst im Fitnessstudio drauf. Da japsten wir, alle ziemlich starke Raucher, auf den Laufbändern und haben dabei Musikvideos gesehen, bis wir beschlossen, das müssen wir auch machen.
teleschau: Ihr nennt Chemnitz lieber Karl-Marx-Stadt. Das klingt nach Pose, denn diese Epoche bis 1990 liegt vor Eurer Wahrnehmung.
Brummer: Das steht bei uns allen noch im Ausweis. Aber zugegeben, es ist weniger DDR-Verbundenheit, es klingt einfach cooler.
teleschau: Haben Euch Eure Eltern ein Pro-Osten-Gefühl mitgegeben?
Brummer: Meine Eltern haben immer gemacht, worauf Sie Bock hatten, waren selbständig. Früher war meine Mutter beim Radio, jetzt hat sie ein Yogastudio. Mein Vater hat Musik gemacht. Ich denke, im Westen ist das schon öfter der Fall, dass man 30 Jahre im selben Werk arbeitet und dann kommt die Rente. Zu meiner Kindheit kann ich sagen: Wir waren immer nur in Polen im Urlaub, und es war trotzdem cool.
Schumann: Hätten wir jetzt studieren wollen, wären wir wahrscheinlich auch weggezogen ...
Brummer: Wir haben gerade einen Riesenvorteil durch die Musik. Dadurch sind wir in einer Position, in der wir leicht reden können. Diesbezüglich ist die Szene dort sehr klein, du musst zusammenarbeiten.
teleschau: Habt Ihr erst mit der Bandgründung vor zwei Jahren angefangen, Musik zu machen, oder schon vorher?
Schumann: Schon vorher. Ich hatte mit Till, Max und Steffen eine Indie-Band. Erst coverten wir Songs, dann schrieben wir eigene - mit englischen Texten, die keinen Sinn ergaben. Wir kommen ja aus dieser Gegend, in der es kein Englisch gibt. Deshalb haben wir uns für Rap entschieden, weil das auch auf Deutsch gut klingt.
teleschau: Zofft Ihr Euch oft oder seid Ihr eher eine dieser friedlichen Harmoniebands?
Brummer: Wir sind Brüder, Felix und ich streiten den ganzen Tag!
Schumann: Und wir streiten immer mit, aufgeteilt in zwei Parteien unterschiedlicher Zusammensetzung.
teleschau: Denkt Ihr gerade weiter als bis morgen?
Brummer: Wir sind auf Tour, da denken wir überhaupt nicht ...
Schumann: Wir gehen täglich in unseren Backstage-Raum und schauen den Zettel an, den Malte, unser Tourbegleiter, aufgehängt hat. Da steht Interview, Interview, Soundcheck ...
Brummer: Eigentlich nur Befehle. Ansonsten überlege ich, in welchem Waschsalon ich meine Klamotten sauber kriege.
teleschau: Gibt es da noch keinen Hotelservice?
Brummer: Das ist eine gute Idee.
Kraftklub auf Deutschland-Tournee:
21.01., Haldern, Rock im Saal
25.01., Kiel, Orange Club
04.02., Osnabrück, Kleine Freiheit
11.04., München, Ampere
14.04., Dresden, Reithalle
17.04., Hamburg, Markthalle
18.04., Frankfurt, Batschkapp
20.04., Karlsruhe, Substage
21.04., Köln, Live Music Hall
05.05., Berlin, Astra