"Meine Pläne ändern sich jede Minute!"

 - 04.11.2011

David Garrett veröffentlicht mit "Legacy" ein reines Klassikalbum

Von Claudia Nitsche
David Garrett arbeitet viel und gern, ganz gleich, ob er sich dem Crossover oder der reinen Klassik hingibt. Unkreative Tage mag er nicht, auch keine Pläne und Vorsätze. Er definiert seine Vorhaben täglich neu ...
Beethoven statt Nirvana: Auf seinem neuen Album "Legacy" wendet sich Stargeiger David Garrett der reinen Klassik zu.
Beethoven statt Nirvana: Auf seinem neuen Album "Legacy" wendet sich Stargeiger David Garrett der reinen Klassik zu.

Er startete seine Karriere im gleichen Alter wie Mozart. Geboren als David Bongartz in Aachen, hatte der heute 31-Jährige schon mit vier die Geige unterm Kinn. Bereits als Teenager spielte er Klassik-Alben und stand auf großen Bühnen: David Garrett galt als Wunderkind. Später fing er an, Genres zu vermischen, adaptierte bekannte Rock- und Popmelodien, spielte schon mal Nirvana oder Metallica auf der Geige. Mit "Legacy" wendet sich der Echo-Preisträger nun nach erfolgreichen Crossover-Alben wieder der reinen Klassik zu, spielt Beethoven und Werke von Fritz Kreisler. Für ihn eine selbstverständliche Sache, wie er im Interview erklärt.

David Garrett macht keine Unterschiede zwischen Klassik und Popmusik: "Eine tolle Melodie ist immer noch eine tolle Melodie."
David Garrett macht keine Unterschiede zwischen Klassik und Popmusik: "Eine tolle Melodie ist immer noch eine tolle Melodie."

teleschau: Wäre angesichts Ihres neuen Klassikalbums "Legacy" das Faust-Zitat "Zwei Seelen schlagen ach in meiner Brust" die richtige Überschrift?

David Garrett: Gar nicht. Eine Seele, ein Musiker. Den meisten Menschen ist es nicht bewusst, oder sie haben es vergessen, dass ich in den letzten Jahren auch immer Klassik gemacht habe.

David Garrett ist gerne kreativ und produktiv, "auch wenn es natürlich Tage gibt, an denen ich faul auf der Couch liege."
David Garrett ist gerne kreativ und produktiv, "auch wenn es natürlich Tage gibt, an denen ich faul auf der Couch liege."

teleschau: Warum ist ein Klassikalbum nicht "langweilig"?

Garrett: Weil Musik Emotion ist, egal, ob sie vor 200 Jahren geschrieben wurde oder heute. Eine tolle Melodie ist immer noch eine tolle Melodie. Klassische Musik hat im Laufe einer langen Zeitspanne gezeigt, dass sie nicht langweilig ist.

"Das Schlimmste, was einer Geige passieren kann? Wenn einer scheiße drauf spielt." - David Garrett liebt sein Instrument über alles.
"Das Schlimmste, was einer Geige passieren kann? Wenn einer scheiße drauf spielt." - David Garrett liebt sein Instrument über alles.

teleschau: Wie kann man klassische Stücke verstehen?

Garrett: Da muss man nichts verstehen. Man fühlt es, und sollte nicht versuchen, seine Gefühle zu analysieren oder Musik zu erklären. Das wäre pedantisch. Es gibt in klassischen Stücken genauso einen Refrain, den hört man sogar öfter als in einem Popsong. Vielleicht haben Leute, die keinen Zugang dazu finden, eben deshalb Hemmungen, weil sie eine Bedeutung in die Musik hineinzuinterpretieren versuchen.

teleschau: Man kann sich diesem Genre also ohne Vorkenntnisse nähern?

Garrett: Ja, und man sollte niemanden dabei bevormunden. Wichtig ist bei der Annäherung, dass ich dem Zuhörer auf gleicher Augenhöhe begegne, ihn respektiere und ihm Musik vorspiele, ohne etwas drum herum zu erzählen. Besonders junge Leute haben die Gabe zuzuhören - fühlen sich aber andererseits verarscht, wenn sie von oben herab behandelt werden. Mit 17, 18 besitzt man einen gewissen Stolz. Und Kinder haben erst recht eine wunderbare Lebensphilosophie, eine Neugier, die uns Erwachsenen meist abhandenkommt.

teleschau: Sie selbst wurden schon als kleiner Junge als sehr reif bezeichnet. Wollten Sie schnell erwachsen werden?

Garrett: Nein, ich wollte nur ernst genommen werden, weil ich etwas zu sagen hatte. Das fängt damit an, dass man sich selbst ernst nimmt. Schließlich gibt es auch genug Erwachsene, die nicht ernst genommen werden oder Kinder, die mehr zu sagen haben als mancher Politiker. Wenn du eine Aussage hast, die wichtig ist, werden andere auch zuhören.

teleschau: Sie haben Ihre durchaus kostspielige Ausbildung an der New Yorker Juilliard School selbst finanziert.

Garrett: Ich habe mir den Arsch dafür abgearbeitet.

teleschau: Warum erhielten Sie keine Unterstützung von zu Hause?

Garrett: Weil meine Eltern dafür nicht bezahlen wollten. Sie waren dagegen, dass ich in den USA studiere. Ich habe es ihnen, zumindest im Nachhinein, nicht übel genommen. Wenn man etwas machen will, tut man es, egal wie die Umstände sind und welche Hindernisse sich in den Weg stellen. Hindernisse sind wichtig. Dadurch erfährst du, was dir wichtig ist. Für diese Sache wollte ich kämpfen.

teleschau: Gibt es in Ihrem Leben nicht zunehmend weniger Hindernisse?

Garrett: Das kommt auf die Lebenseinstellung an. Ich setze bewusst welche, arbeite mit Leuten zusammen, die mich herausfordern und deren Ansprüchen ich gerecht werden will. Schließlich will ich mich musikalisch wie menschlich immer weiterentwickeln.

teleschau: Ist es im künstlerischen Bereich schwierig, jemanden zu finden, der Ihnen überhaupt das Wasser reichen kann?

Garrett: Oh nein, gar nicht. Es geht nicht darum, das Wasser zu reichen. Der bescheuerteste Gedanke hat etwas Wahres in sich. Wenn ich mit jemandem arbeite, dessen Meinung ich nicht teile, dann hat es doch etwas Schönes, die eigene Perspektive anzupassen und Kompromisse auf meine Art einzugehen. Ich arbeite gerne mit Leuten, die ganz andere Ansichten haben. Ob ich danach etwas davon mitnehme, ist eine andere Sache.

teleschau: Würden Sie sagen, dass Sie ein freies Leben führen?

Garrett: Ja, weil ich mir Freiheit nehme. Die definiere ich aber nicht dadurch, dass ich alleine auf einer Klippe stehe, sondern dadurch, dass ich Menschen um mich herum habe, die mich respektieren und umgekehrt. Ich möchte mich nicht zensieren, es geht mir um hundertprozentige Ehrlichkeit, die ich dem anderen entgegenbringen darf, auch wenn sie unangenehm sein sollte. Ehrlichkeit wird sehr oft unterschätzt.

teleschau: Zum Thema Stress: Wie gehen Sie mit den vielen Terminen um?

Garrett: Ich habe Spaß daran, es ist mein Lebensziel, Musik zu machen. Wenn nur einer im Saal ist, der an einem Konzertabend Spaß hatte, habe ich meine Aufgabe doch erfüllt. Wenn ich einen verändere, ist das ein Erfolg, auch wenn ich die Person bin.

teleschau: Erschöpft Sie die Arbeit manchmal?

Garrett: Natürlich, aber man spürt nur, dass man gearbeitet hat, wenn man erschöpft ist. Das ist ein schönes Gefühl. Bisher hatte ich immer noch Energie, mich für eine Sache in meinem Bereich zu begeistern und etwas für meinen Beruf zu tun. Da kenne ich keine Müdigkeit.

teleschau: Wodurch definiert sich ein gutes Jahr?

Garrett: Ich blättere den Kalender nicht nach Monaten durch. Was ich in einem Jahr erlebt habe, lässt sich gar nicht mit dem Verstand erfassen. Ich frage mich eher, ob ein Tag ein guter Tag war - und versuche ihn produktiv zu gestalten. Auch wenn es natürlich Tage gibt, an denen ich faul auf der Couch liege. Auf die schaue ich aber nicht begeistert zurück. Lieber ist mir, wenn ich etwas Kreatives geschafft habe oder jemandem eine Freude machen konnte.

teleschau: Definieren Sie Ziele für Ihre Zukunft?

Garrett: Täglich. Jährliche Vorsätze wirft man über den Haufen. Meine Pläne ändern sich jede Minute! Ein Plan ist jedoch nur so gut wie das Ergebnis, und das sehe ich ja immer mit anderen Augen.

teleschau: Was ist das Schlimmste, was einer Geige passieren kann?

Garrett: Das Schlimmste, was einer Geige passieren kann? Wenn einer scheiße drauf spielt.

David Garrett auf Deutschland-Tournee:

12.04.2012, Hamburg, O2 World

13.04.2012, Dortmund, Westfalenhalle

14.04.2012, München, Olympiahalle

16.04.2012, Nürnberg, Arena

17.04.2012, Leipzig, Arena

18.04.2012, Hannover, TUI-Arena

20.04.2012, Halle/Westfalen, Gerry-Weber-Stadion

21.04.2012, Düsseldorf, ISS Dome

01.05.2012, Frankfurt, Alte Oper

02.05.2012, Berlin, Philharmonie

03.05.2012, Hamburg, Laeiszhalle

05.05.2012, Düsseldorf, Tonhalle

07.05.2012, Stuttgart, Beethovensaal

08.05.2012, Leipzig, Gewandhaus

09.05.2012, München, Philharmonie

15.05.2012, Köln, Philharmonie

13.11.2012, Oberhausen, König-Pilsener-Arena

16.11.2012, Köln, Lanxess-Arena

17.11.2012, Berlin, O2 Arena

19.11.2012, Frankfurt, Festhalle

24.11.2012, Mannheim, SAP-Arena

25.11.2012, Stuttgart, Schleyerhalle

27.11.2012, Erfurt, Messehalle

28.11.2012, Bremen, ÖVB-Arena