Bundespräsidentenwahl

 - 30.06.2010

Stimmen von Bremer Delegierten aus Berlin

Von Tina Hayessen
Berlin. Die Delegierten aus unserem Verbreitungsgebiet waren überrascht von der Länge der Bundesversammlung – nicht von ihrem Ausgang.
Christian Wulff wird von der Bundesversammlung zum Bundespräsidenten gewählt.
Christian Wulff wird von der Bundesversammlung zum Bundespräsidenten gewählt.

„Wulffs Sieg trifft unsere Erwartungen“, sagte selbst der Bremer FDP-Landesvorsitzende Oliver Möllenstädt. Er ist einer der vier FDP-Abweichler, die vor der Wahl des Präsidenten erklärt hatten, für Joachim Gauck zu stimmen. „Dass es drei Wahlgänge gebraucht hat, ist dagegen spektakulär“, betonte Möllenstädt und wunderte sich über die Zurückhaltung der CDU/CSU-Wahlleute, die offenbar wie er für Gauck votierten, sich allerdings nicht zu erkennen gaben. „Dass es so viele Abweichler gibt, die ihre Entscheidung vorher nicht angekündigt haben, bringt natürlich Planungsschwierigkeiten mit sich. Allerdings ist es das gute Recht jedes Wahlmannes, sich nicht zu seiner Wahl zu äußern. Es ist eine geheime Wahl, jeder kann selbst entscheiden, ob er ankündigt, wen er wählen wird“, so das Fazit des FDP-Mannes.

Staffeldt: Keine weiteren Abweichler

Sein Kollege, der FDP-Bundestagsabgeordnete Torsten Staffeldt, hatte sich für Christian Wulff entschieden. Dass es neben den vier bekannten Abweichlern weitere FDP-Wahlleute gegeben haben könnte, die den schwarz-gelben Kandidaten nicht gewählt haben, schloss er kategorisch aus. „Ich bin mir da sicher. Bei uns muss sich keiner verstecken, wir akzeptieren es, wenn jemand eine andere Meinung hat“, sagte er. „Es ist offensichtlich ein Problem der CDU/CSU.“ Den Ausgang der Präsidentenwahl betrachte Staffeldt als „Chance, die Querelen innerhalb der Partei auszudiskutieren und beizulegen“.

Auch Axel Troost, Ex-Landesvorsitzender der Linken in Bremen, schritt gestern in Berlin zur Wahlurne – dass er das so oft machen musste, überraschte ihn ebenso wie die meisten seiner Parteigenossen. „Dass Schwarz-Gelb so schlecht abschneidet, hätte ich nie gedacht“, bilanzierte er nach dem dritten Wahlgang. „Auch Rot-Grün hat sich verzockt. Ich bin froh, dass unsere Kandidatin, Frau Jochimsen, für viele Leute sprechen konnte – für uns waren die beiden konservativen Kandidaten allerdings unwählbar.“ Im dritten Wahlgang hatte sich die überwiegende Mehrheit der Linken der Stimme enthalten.

„Ein dritter Wahlgang, wer hätte damit gerechnet?“, fragte auch die SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Sybille Böschen. Die vielen schwarz-gelben Abweichler wertete sie vor allem als Erfolg für Joachim Gauck. „Er hat es geschafft, die Menschen zu mobilisieren – nicht nur Politiker.“ Auch in der Bevölkerung habe Gauck großen Anklang gefunden, betonte sie. Die ungewöhnlich lange Prozedur trotz einer komfortablen schwarz-gelben Mehrheit sah sie als Gewinn für die Demokratie an, weil die Politik gezeigt hätte, das sie eben nicht berechenbar sei.

Beck: Gauck hat angeeckt

Die Bremer Bundestagsabgeordnete Marieluise Beck sieht das ähnlich. „Es gab eine Debatte in der Bevölkerung, das ist entscheidend“, so die Grünen-Politikerin. „Oft wird ja die Präsidentenwahl kaum wahrgenommen, das war diesmal anders. Und das ist gut so.“ Dass Joachim Gauck wesentlich mehr Stimmen bekam als die der rot-grünen Wahlleute, überraschte sie indes sehr. „Bei allem Respekt für Herrn Gauck – damit hatte wohl niemand gerechnet.“ Das gute Abschneiden des parteilosen Kandidaten habe bewiesen, dass nicht nur glattgeschliffene Politiker anerkannt würden. „Gauck hat angeeckt, besonders bei der Linken. Das hat ihm aber keineswegs geschadet, sondern ihn nur umso glaubwürdiger gemacht“, freute sich Beck.

Als einer der ganz wenigen, die nicht an einen Sieg Christian Wulffs im ersten Wahlgang geglaubt hatten, outete sich der CDU-Bundestagsabgeordnete Andreas Mattfeldt. „Ich habe es mir gedacht. Es ist bei großen Volksparteien normal, dass es Abweichler gibt“, erklärte er die fehlende absolute Mehrheit beim ersten Versuch, die sich im zweiten Wahlgang wiederholte. Das müsse sich nicht gegen den Kandidaten richten. Oft spielten auch Faktoren wie Neid oder der Wunsch, jemandem einen Denkzettel zu verpassen, eine Rolle, so Mattfeldt. „Dennoch ist Christian Wulff mit großer Mehrheit zum Bundespräsidenten gewählt worden. Dazu gratuliere ich ihm und weiß, dass er diese Aufgabe großartig erfüllen wird“, sagte Mattfeldt.



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