Ein Holocaust-Überlebender erzählt

 - 27.01.2012

Mit den Nazis kam das Ende der Kindheit

Von Gesa Wicke
Bremen. Grigori Skoblov hat den Holocaust überlebt, als einziger seiner Familie. Elf Jahre alt war er, da überfielen die Nazis sein jüdisches Heimatdorf in der heutigen Ukraine. Sie töteten Skoblovs Eltern und alle Geschwister. Er selbst überlebte, das hatte er der Mutter versprochen. Heute wohnt Grigori Skoblov mit seiner Frau in der Vahr. Verbittert ist er nicht - im Gegenteil.
Grigori Skoblov verlor durch einen Überfall der Nazis auf sein Heimatdorf seine gesamte Familie. Heute lebt er in der Vahr.
Grigori Skoblov verlor durch einen Überfall der Nazis auf sein Heimatdorf seine gesamte Familie. Heute lebt er in der Vahr.

Ich habe meiner Mutter versprochen zu überleben." In großen geschwungenen Lettern steht dieser Satz auf dem Fotoalbum, das vor Grigori Skoblov auf dem Küchentisch liegt. Es ist ein Album, das von glücklichen Zeiten erzählt. Von Familienfesten im Shtetl, von Ausflügen und langen Sommerabenden inmitten ländlicher Idylle: damals in den Dreißigern - bevor die deutschen Truppen in Russland einfielen. Im Sommer 1941 erreichen Hitlers Soldaten Skoblovs Heimatdorf Sirotino in der heutigen Ukraine. Elf Jahre alt ist er da. "Das war das Ende meiner Kindheit", sagt Skoblov heute und lächelt traurig. Mit Hemd und blank geputzten Schuhen, das weiße Haar adrett nach hinten gekämmt, sitzt der 82-Jährige am Küchentisch seiner kleinen Zweizimmerwohnung in der Bremer Vahr.

Der Mut ist größer als die Angst

Aus dem unbeschwerten Schuljungen Grigori wird mit Ankunft der Nazis "ein kleiner Mann", wie Skoblov es ausdrückt. Ein kleiner Mann, der fortan um sein Überleben kämpft, auch um das der Eltern und Geschwister. Und der am Ende doch nur sich selbst retten kann. "Natürlich hatte ich Angst, sehr große Angst", sagt der alte Herr heute, "doch was hätte ich tun sollen?" Am Ende ist der Mut größer als die Angst: Grigori weigert sich, den leuchtend gelben Judenstern an seiner Kleidung zu tragen.

Immer wieder schleicht er sich heimlich fort, organisiert Lebensmittel wie Brot und Kartoffeln und steckt sie der Mutter zu, wenn niemand es merkt. Das alles, damit seine kleinen Geschwister in jenen Schreckenstagen von 1941 nicht verhungern müssen. Fast alle Häuser im Shtetl stecken die Nazis an, wenig später dann auch die Gebetsbücher der drei Synagogen Sirotinos. "Die mussten wir Kinder auf den Marktplatz schleppen und ins Feuer werfen", erinnert sich Grigori Skoblov. Auch die Älteren werden zur Zwangsarbeit gezwungen, müssen die Dorfstraßen pflastern, stundenlang, Tag für Tag - und bekommen dafür bloß dünne Suppe als Lohn.

Wer irgend kann, versucht zu fliehen. Familien mit Pferd und Wagen ziehen gen Osten, bloß weg von den Nazis, so schnell wie möglich. Grigoris Eltern sind einfache Bauersleute und haben bloß eine Kuh. Weit kommen sie mit ihr nicht. Für ein paar Tage findet die Familie Unterschlupf bei Verwandten ganz in der Nähe. Doch das Haus der Tante, die ihnen Obdach gewährt, ist übervoll - verängstigte Familien in allen Zimmern. "Es wimmelte nur so von Kindern, die alle schrecklichen Hunger hatten und kaum etwas anzuziehen", sagt Grigori Skoblov. Am Ende kehren seine Eltern mit ihm und den Geschwistern notgedrungen zurück ins heimische Shtetl. Kurz darauf errichten die Nazis dort ein Getto und deportieren alle Jungen und Männer von Sirotino. Der Anblick der riesigen Vergasungsautos mit ihren mächtigen Abzugsrohren vorn und den grausamen Klapptüren hinten - er hat sich tief in Gregoris Gedächtnis gebrannt. Er wird jenes Bild wohl niemals wieder loswerden. Auch, wenn er den furchtbaren Autos entkommen kann: "Ich war eben nur ein kleiner Mann, ich konnte mich leicht verstecken."

Es ist bereits Herbst, der erste Schnee schon gefallen, da erschießen Hitlers Soldaten in Sirotino weitere 316 Menschen: Frauen, Alte, Kinder. Ihre Leichen werfen sie in ein Erdloch, nur wenige Kilometer außerhalb des Shtetls. Grigori Skoblov überlebt auch dieses Massaker. Gemeinsam mit zwei kleinen Mädchen versteckt er sich auf dem Dachboden eines verlassenen Hauses. Grigoris kleiner Bruder, der schafft es nicht rechtzeitig dort hinauf. Die Nazis holen ihn, bevor er die Leiter erklimmen kann. Die anderen drei Kinder indes harren ganz still dort oben aus, bis zum Abend. Dann endlich hat das Schießen der Maschinenpistolen ein Ende und Stille liegt über dem Shtetl. Schreckliche Stille.

"Da bin ich runtergeklettert und habe nachgeschaut, ob vielleicht irgendwo noch Menschen sind", erinnert sich Skoblov. "Aber da war niemand mehr - nirgends." Bis heute fällt es ihm schwer, über diesen Moment zu sprechen. Es ist ein Moment, der dem alten Mann Tränen in die Augen treibt, die er verstohlen wegzwinkert, und der seine Stimme brüchig werden lässt. Die Erinnerung, die Qual, der Schmerz, all das ist dann auf einmal wieder ganz nah. Auch seine anschließende Flucht gen Westen und wie er sich durchkämpfen muss, ganz allein durch die russischen Wälder irrt, tagelang und stets in der Angst, von den Deutschen entdeckt zu werden. Halb erfroren ist er und hungrig. Doch er gibt nicht auf, er hat es seiner Mutter versprochen.

Nach dem Krieg schließlich zieht es Grigori Skoblov nach Leningrad, ins heutige St. Petersburg. Sein Onkel Sjama lebt dort, der einzige Verwandte, der ihm geblieben ist. In Leningrad trifft er auch seine spätere Frau Esfir. "Über 50 Jahre sind wir heute verheiratet", sagt Skoblov, nicht ohne Stolz. Es ist sein Glück, dass ihm diese Frau begegnet ist. Zwei Kinder haben die beiden und eine Enkeltochter. Die Familie hilft Grigori Skoblov, das Geschehene auszuhalten. Denn eigentlich möchte der alte Mann nur eines: "Ein ganz normales Leben." Mit der Zeit hat er gelernt, das Erlebte im Alltag zu verdrängen. Die schrecklichen Bilder nicht ständig hochkommen zu lassen, sein bescheidenes Leben zu genießen, so gut es eben geht. Auch jetzt, am Küchentisch in der Vahr, da sieht er sich lieber die schönen Fotos aus dem Album von früher an, als über Gefühle zu sprechen.

Zuhören, um zu verstehen

Die Fotos aus der Zeit, als das Leben noch frei und unbeschwert war. Davon erzählt Skoblov gerne, driftet ab, verheddert sich in Anekdoten. "Grigori, das tut doch nichts zur Sache", ermahnt ihn Ehefrau Esfir und tätschelt ihm sanft den Unterarm. Man muss ihrem Mann Zeit lassen, langsam spricht er, leise und mit Bedacht. Doch wenn Skoblov erzählt, wird bald schon klar: Der einzige Weg, auch nur annähernd zu begreifen, was damals passiert ist, ist zuzuhören. Für die Nachkommen hat Skoblov seine Geschichte aufgeschrieben, fein säuberlich in einer dicken roten Kladde. Die Kinder haben geweint, als sie darin lasen. Ob sie ihn wirklich verstehen - verstehen wollen - der alte Herr weiß es nicht. Er hat es trotzdem alles festgehalten. Auch seinen Entschluss, 1993 nach Deutschland zu emigrieren. Obwohl er eigentlich niemals einen Fuß hineinsetzen wollte, ins Täterland. Doch Zorn und Groll sind mit der Zeit verblasst, er hat seinen Frieden gefunden, hier in Bremen. Überhaupt könne man die Vergangenheit ja nicht ewig wachhalten, sagt er und: "Mein Schwiegersohn ist Deutscher - und der ist ein guter Mensch."

STICHWORT 27. JANUAR:

Der 27. Januar ist in Deutschland seit 1996 Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Das Datum erinnert an den Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz 1945 durch die Rote Armee.






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