Spionage

 - 03.09.2009

21 Bremer sollen für die Stasi gearbeitet haben

Von Rainer Kabbert
Bremen. „Bremen war bei der wissenschaftlich-technischen Spionage wie ein Quelle-Katalog“, sagte Müller-Enbergs von der Stasi-Unterlagenbehörde im Gespräch mit dem WESER-KURIER. Im Fokus des Interesses: Krupp Atlas Elektronik.

Bremen. „Bremen steht auf einem Abstiegsplatz“, lästert Helmut Müller-Enbergs. Zumindest, was die Inoffiziellen Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit im Länder-Ranking betrifft. Nur das Saarland, erläuterte der wissenschaftliche Mitarbeiter der Berliner Stasiunterlagenbehörde von Marianne Birthler, hatte weniger Spione zu bieten.

Unwichtig war es aber nicht, was willige Bremer der Hauptverwaltung Aufklärung nach Ost-Berlin lieferten. „Bremen war bei der wissenschaftlich-technischen Spionage wie ein Quelle-Katalog“, sagte Müller-Enbergs im Gespräch mit dieser Zeitung. Im Fokus des Interesses: Krupp Atlas Elektronik. Das Kombinat Carl-Zeiss-Jena brauchte ein Feuerleitsystem für Kampfpanzer: Bremer lieferten. Das Rostocker Kombinat für Schiffbau wünschte ein Minenräumsystem: Bremer lieferten. Begehrt waren auch zivile Technologien wie Meerwasserentsalzungssysteme, etwa in Form von Blaupausen.

Wer lieferte? Müller-Enbergs, der gestern in der Konrad-Adenauer-Stiftung über Aktivitäten der Staatssicherheit referierte, nennt zumindest Decknamen: „Aldo“ war dabei, ebenso wie „Otto“ oder „Mark“ (Jahrgang 1951). Im Rennen um die Führung im technischen Fortschritt verschafften Hanseaten der DDR Sparpotenziale: Was Atlas Elektronik bereits entwickelt hatte, musste im Osten nicht erst mühsam erforscht werden.

Müller-Enbergs, der auch die Stasi-Verbindung des Ohnesorg-Todesschützen Kurras aufdeckte, geht von 21 Bremern aus, die bis zuletzt bei Spionage-Chef Markus Wolf unter Vertrag standen. Davon galten sechs als relevante Quellen. Eine Person konnte nicht enttarnt werden: Mit „Anton“ ist die Stasi besonders konspirativ vorgegangen. Jahrgang 1945, verheiratet, „zentrales Objekt des gesellschaftlichen Lebens“. Im Untersuchungszeitraum 1949 bis 1988 waren maximal 200, eher 160 Bremer als Stasi-Zuträger unterwegs, bilanziert der Politologe. Wobei die Stasi auffällig viele Informanten an der Bremer Universität anwarb.

Die DDR hatte nicht nur Interesse an Spitzentechnologie. Im Visier waren auch Parteien und Gewerkschaften. Eine Spitzenquelle war „Lieske“, der mit 22 Jahren geworben wurde, 26 Jahre dabei blieb und es bis zum Chef der Bremer Straßenbahn brachte. Er lieferte Informationen über den ÖTV-Hauptvorstand. Angezapft wurden auch Politiker wie Herr „Kreis“, der in den 70er Jahren im Senat und seit 1980 selbstständig war. „Der war erst in der ,Anwärmphase’“, sagt Müller-Enbergs. Eine DDR-Bürgerin im Westen diente als Lockvogel, es entwickelte sich ein „biochemischer Prozess“, eine Zuneigung zur Kontaktperson.

Das Stasi-Interesse an Bremen lässt sich auch in nackten Zahlen darstellen: In der sogenannten Rosenholz-Datei waren 450 gebürtige Bremer verzeichnet, 345 Personen, die in Bremen arbeiteten, und 600, die hier wohnten. Aber das waren beileibe nicht alles Agenten, sondern auch Menschen, auf die die Stasi aufmerksam wurde.





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