Filet-Steak statt Gulasch

 - 20.05.2011

Günther Maria Halmer spielt im BR-"Tatort: Gestern war kein Tag" (So., 05.06., ARD, 20.15 Uhr), in "Sonntagsvierer" (Do., 23.06., ARD, 20.15 Uhr) sowie in "Utta Danella - Liebe mit Lachfalten" (Fr., 27.05., 20.15 Uhr, ARD)

Von Rupert Sommer
Vielleicht die beste Rolle des Vielspielers: Günther Maria Halmer glänzt als nicht ganz leicht zu durchschauender Demenzkranker im neuen "Tatort" aus München.
"Spinnt er, oder spinnt er nicht": Bei der Untersuchung durch einen Arzt beginnt Max Lasinger (Günther Maria Halmer) im sehenswerten "Tatort: Gestern war kein Tag" (ARD, 05.06.) zu tanzen.
"Spinnt er, oder spinnt er nicht": Bei der Untersuchung durch einen Arzt beginnt Max Lasinger (Günther Maria Halmer) im sehenswerten "Tatort: Gestern war kein Tag" (ARD, 05.06.) zu tanzen.

Ein alter Mann, hochgewachsen, mit stolzen Zügen und einem Blick, in dem immer wieder der Schalk aufblitzt, wird auf der Polizeistation untersucht. Der Amtsarzt bittet ihn, sich zu drehen. Diese Einladung lässt sich der ehemalige Glasermeister Max Lasinger (Günther Maria Halmer) nicht nehmen. Wild fuchtelt er mit den Armen - verharrt aber auf der Stelle. Die etwas ratlose Frage, ob er sich nun gedreht habe, kontert er souverän: Ja, das schon - aber eben so schnell, dass man es nicht sehen konnte.

Günther Maria Halmer spielt im neuen BR-"Tatort" Max Lasinger, der aufgrund von Demenz rund um die Uhr betreut werden muss.
Günther Maria Halmer spielt im neuen BR-"Tatort" Max Lasinger, der aufgrund von Demenz rund um die Uhr betreut werden muss.

"Spinnt er, oder spinnt er nicht - spielt er, oder hat er Alzheimer?", sagt Günther Maria Halmer über seine Rolle eines mutmaßlich schwer Demenzkranken im neuen BR-"Tatort: Gestern war kein Tag", den das Erste am Sonntag, 5. Juni, 20.15 Uhr, zeigt. Über der Frage, wie er den gelegentlich sehr störrischen, auch verletzenden Alten anlegen sollte, brütete der Schauspieler lange. "Wir mussten jede einzelne Szene darauf abklopfen, ob man plötzlich vermuten könnte: Max ist ganz schön wach und raffiniert", erzählt er. "Häufig wussten wir das beim ersten Blick ins Drehbuch selbst nicht ganz genau - und mussten uns von Fall zu Fall hangeln." Herauskam eine darstellerische Meisterleistung, die zu den besten Rollen in der Filmografie des viel beschäftigten, heute 68-jährigen Rosenheimers zählt.

Ganz leicht fiel es Halmer, der seine Karriere an den Münchner Kammerspielen begann und dort von Helmut Dietl für den charmanten Serienklassiker "Münchner Geschichten" entdeckt wurde, nicht, die Demenzkranken-Rolle im neuen "Tatort" anzunehmen. "Zögern musste ich schon", gibt er offen zu. "Ich habe meine Frau und meine Managerin gefragt, ob ich das spielen soll." Immerhin gehen die Anforderungen diesmal deutlich weiter als etwa bei seichter Freitagabendunterhaltung, die das Schauspielurgestein durchaus auch im Portfolio hat.

"Dass ich mich zum Kasperl mache, kommt gar nicht in Frage", sagt Günther Maria Halmer (rechts, mit Johanna Gastdorf) und betont sein Mitspracherecht beim Drehen.
"Dass ich mich zum Kasperl mache, kommt gar nicht in Frage", sagt Günther Maria Halmer (rechts, mit Johanna Gastdorf) und betont sein Mitspracherecht beim Drehen.

"In einer Szene muss ich im Klo die Hosen runterlassen", erinnert sich Halmer. "Da fragt man sich schon: Wie sieht das denn aus, wenn ich plötzlich in Unterhosen dastehe? Kann ich das machen, oder verliere ich dann nicht nur als Mensch, den ich darstelle, sondern auch als Schauspieler meine Würde?" Durchgerungen hat er sich dann doch - ein kluge Entscheidung.

Halmer sieht das inzwischen genauso. "Ich möchte bei meiner Arbeit nicht immer nur in guten Klamotten als Sieger dastehen", bilanziert er heute. Regisseur Christian Görlitz, Jahrgang 1944 und ehemaliger Psychologiestudent, habe ihm eine verantwortungsvolle Herangehensweise ausdrücklich zugesichert: "dass wir dem Max auf jeden Fall die Würde lassen und uns auf keinen Fall über ihn lustig machen." Dass sich Halmer intensiv mit seinen Rollen beschäftigt, gerne und leidenschaftlich mit den Regisseuren debattiert und am Set auch mal Widerworte gibt, ist für ihn indes eine Selbstverständlichkeit und nicht nur der Souveränität des Alters geschuldet.

"In Max steckt auch ein großes Schlitzohr. Es war uns wichtig, dass es nicht zu ernst und niederschmetternd wird", sagt Günther Maria Halmer (rechts, mit Miroslav Nemec) über den verwirrten Ex-Glasmeister.
"In Max steckt auch ein großes Schlitzohr. Es war uns wichtig, dass es nicht zu ernst und niederschmetternd wird", sagt Günther Maria Halmer (rechts, mit Miroslav Nemec) über den verwirrten Ex-Glasmeister.

"Da ich mich ernsthaft mit meinem Beruf beschäftige, kann ich kein bloßer Vollzugsbeamter sein", sagt er. "Eine Rolle kann man nicht nur nach dem Text im Drehbuch spielen. Bei der Musik ist das anders, da gibt es vorgeschriebene Noten. Doch bei der Interpretation einer Rolle gibt es viel mehr Spielraum, und da möchte ich schon mitreden. Wenn das nicht geht, bin ich der Falsche für die Rolle."

Wenn sich Halmer mit einer neuen Aufgabe angefreundet hat, dann kennt er auch die Figur, die er spielen wird, in allen Facetten. Deshalb legt er beispielsweise selbst mit fest, was seine Charaktere vor der Kamera anziehen werden. Notfalls auch gegen Widerstände aus den Fernseh-Redaktionen. "Jemand, der immer nur brav folgt, ist auch kein guter Schauspieler. Bei aller Diplomatie muss man darauf schauen, dass man der Figur treu bleibt", betont er.

"Sonntagsvierer" lautet der Titel einer neuen Komödie mit Günther Maria Halmer (zweiter von rechts) im Ersten, die am Donnerstag, 23.06., 20.15 Uhr, ausgestrahlt wird. Halmer spielt an der Seite von Klaus Wildbolz (zweiter von links), Walter Hess (links) und Herbert Leiser.
"Sonntagsvierer" lautet der Titel einer neuen Komödie mit Günther Maria Halmer (zweiter von rechts) im Ersten, die am Donnerstag, 23.06., 20.15 Uhr, ausgestrahlt wird. Halmer spielt an der Seite von Klaus Wildbolz (zweiter von links), Walter Hess (links) und Herbert Leiser.

"Dass ich mich zum Kasperl mache, kommt gar nicht in Frage", sagt der kantige Bayer brüsk. Schnell fügt er jedoch verbindlich an: "Aber ich bin kein Egomane, der nur seine eigenen Vorstellungen durchzieht. Ich sehe natürlich auch die Schwierigkeiten der Produzenten - und weiß, was für Vorgaben die erhalten, wenn es zum Beispiel um eine Komödie für den Freitagabend gehen soll."

Konsequenterweise lässt sich Halmer, der mit seiner Frau etwas zurückgezogen im Chiemgau lebt, aber sehr froh ist, dass es die Autobahn nach München gibt, nicht so gern vor die goldenen Karren der Promi-Existenz spannen. "Schauspielerei gibt's für mich nur in der Rolle. Das Privatleben ist etwas ganz anderes", beteuert er. "Manche denken, es ist wichtig, dass man den ganzen Öffentlichkeitsrummel mitmacht. Ich sehe das anders. Wenn mir etwas zu seicht ist, halte ich mich fern."

Leichte Komödie: "Sonntagsvierer" zeigt das Erste am Donnerstag, 23.06., 20.15 Uhr. Günter Maria Halmer spielt hier gemeinsam mit Melanie Wieninger.
Leichte Komödie: "Sonntagsvierer" zeigt das Erste am Donnerstag, 23.06., 20.15 Uhr. Günter Maria Halmer spielt hier gemeinsam mit Melanie Wieninger.

Die Abneigung gegenüber dem Blitzlichtgewitter und den Reporterkameras sitzt dabei tief. "Ich war bei vielen Veranstaltungen und habe festgestellt, dass mich die meisten langweilen", erzählt Halmer. "Man redet nur Schrott und schaut sich immer nur um, ob einen jemand Wichtiges bemerkt. Und dann fährt man heim - und merkt erst, was für eine fade Nummer der Abend war."

Wichtiger ist ihm die Einschätzung seiner Lebenspartnerin ("Meine Frau ist viel klüger als ich. Sie ist auch sehr streng mit meinen Rollen"), auf die er stark zählt: "Als sie den Max im 'Tatort' gesehen hat - musste sie viel lachen", berichtet Halmer. "Sie fand den Mann und sein gesamtes Auftreten komisch." Immerhin gelang Halmer das Kunststück, den Ernst der Rolle spielerisch abzufedern. "In Max steckt auch ein großes Schlitzohr. Es war uns wichtig, dass es nicht zu ernst und niederschmetternd wird. Man muss ihn auch mögen - und schmunzeln."

Sich mit dem knorrigen Glasermeister, der im Film viele Halmer-Züge trägt, anzufreunden, war dann offensichtlich doch kein allzu großes Problem mehr. "Es war eine dankbare Rolle - das muss ich fairerweise zugegeben", resümiert er und wählt für die Schauspieler-Arbeit einen interessanten Vergleich: das Kochen. "Aus einem sehr schlechten Fleisch kann man mit viel Einsatz ein gutes Gulasch machen", so Halmer. "Kaum einer hält das aber für etwas Besonderes. Ein Filet-Steak zu braten, geht ganz einfach - und alle halten dich für einen tollen Koch. Max ist das Filet-Stück."

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