Erster Offshore-Windpark geht ans Netz

 - 27.04.2010

Röttgen gibt Startschuss für Nordsee-Strom

Von Krischan Förster
Norddeich·Borkum. Die Fahrt dauert zwei Stunden, selbst mit einem schnellen Katamaran wie der 'Wind Force I'. Und der bringt es immerhin auf 25 Knoten (45 km/h) in der Spitze. Dort draußen, rings um Deutschlands ersten Nordsee-Windpark ist nämlich nichts als Wasser. Heute geht 'Alpha Ventus' offiziell ans Netz. Die Tatsache, dass dann erstmals auf der offenen See erzeugter Strom ins Festland-Netz eingespeist wird, lockt Prominenz aus Politik und Wirtschaft zum Festakt nach Norden. Bundesumweltminister Norbert Röttgen wird symbolisch den Startknopf drücken, mit ihm feiern die Vorstandschef von EWE, E.ON und Vattenfall.
Windkraftanlage in der Nordsee
Im Sommer wurde das erste Windrad im Offshore-Windenergiepark "alpha ventus" aufgestellt.

Neun Jahre ist es bereits her, dass erstmals der Bau eines Offshore-Windparks ins Auge gefasst wurde, als Testfeld für die vielen Milliarden-Projekte, die noch folgen sollen. Irina Lucke hört das Wort 'Testfeld' nicht gern. 'Das hört sich so nach Abenteuerspielplatz an. Wir haben hier aber einen richtigen Windpark gebaut', sagt die 37-Jährige. Als Projektleiterin der EWE war die studierte Umweltwissenschaftlerin von der ersten Stunde an dabei, als es 45 Kilometer nördlich von Borkum ernst wurde. Wenn sie jetzt auf der 'Wind Force I' um 'Alpha Ventus' herumfährt, ist sie sichtlich stolz. 'Wir haben hier Pionierarbeit geleistet', sagt sie.

Noch nie, auch nicht im Ausland, wurden je solch gewaltigen Anlagen fern der Küste und in 30 Meter tiefem Wasser errichtet. Der Durchmesser der dreiflügligen Rotoren übertrifft mit 126 Metern locker die Flügellänge eines Airbus A380, des derzeit größten Passagierflugzeugs der Welt, und sie kreisen mit 80 Metern pro Sekunde um die Nabe. An ihrem höchsten Punkt ist die Blattspitze 155 Meter über dem Meeresspiegel und nur zwei Meter niedriger als der Kölner Dom. Der von einer einzigen Fünf-Megawatt-Turbine erzeugte Strom reicht für die Versorgung von 4100 Haushalten. Zwölf davon stehen in einem Gebiet so groß wie 500 Fußballfelder.

Lange Planungszeit

Es hat lange gedauert, bis es soweit war. 2001 war der Windpark genehmigt worden, erst im Juni 2006 gründeten die drei Energieriesen EWE, E.ON und Vattenfall die Deutsche Offshore-Testfeld und Infrastruktur GmbH, kurz DOTI, um 'Alpha Ventus' zu bauen und zu betreiben. Da war Irina Lucke schon dabei. Doch weitere 14 Monate vergingen, bis der Bau inmitten von Wind und Wellen begann. 'Wir haben ständig versucht, dem Wetter einen Schritt voraus zu sein. Manchmal haben wir auch gewonnen', lacht die gebürtige Oldenburgerin, die kurz vor Beginn des Offshore-Projekts aus Hamburg zur EWE stieß.

Oft aber auch nicht. Manche Schwierigkeiten hatten Planer und Ingenieure vorausgesehen, andere tauchten erst vor Ort auf. Unerwartet war die große Wassertiefe kaum ein Problem. Eher schon die knappe Zeit auf See und die fehlende Technik. 'Es gab viel zu wenig geeignete Spezialtonnage auf dem Markt', berichtet DOTI-Geschäftsführer Claus Burkhardt. Auch die komplexe Logistik wurde offenbar unterschätzt. So mussten alle Komponenten zunächst ins niederländische Eemshaven verschifft, dort vormontiert und dann ins Baufeld transportiert werden, wo in Spitzenzeiten bis zu 350 Arbeiter und 25 Schiffe im Einsatz waren.

So langte es im Sommer 2008 nur zum Bau des Umspannwerks, dann mussten die Arbeiten wegen des früh einsetzenden Herbstwetters eingestellt werden. Besser lief es erst beim zweiten Anlauf im vergangenen Jahr. Denn da konnten nicht nur drei sogenannte Jack-up-Bargen frisch von der Werft eingesetzt werden, sondern auch 'Thialf', das größte Kranschiff der Welt. Mit einer Hebekraft von 14000 Tonnen völlig überdimensioniert und mit einer Tagescharter von 400000 Dollar am Tag eigentlich viel zu teuer. Am Ende der Saison aber standen die zwölf Windanlagen, das Budget musste allerdings kräftig aufgestockt werden. Gut 250 Millionen Euro hat das Gesamtvorhaben am Ende gekostet, etwa 60 Millionen mehr als ursprünglich geplant.

'Wir waren vielleicht ein bisschen blauäugig und haben sicher manche Probleme unterschätzt', räumt Burkhardt ein. Stolz sind sie dennoch. 'Das Ganze war doch ein richtig sportliches Unterfangen', sagt Irina Lucke, die sich als einzige Frau, noch dazu in maßgeblicher Position, in einer rauen Umgebung behauptet und sich schnell Respekt erworben hat. 'Ich bin mit zwei großen Brüdern aufgewachsen', sagt sie. 'So schnell lasse ich mich nicht verschrecken.'

Offshore-Boom verzögert sich

'Alpha Ventus', da sind sich alle einig, ist nur der Anfang. Wesentlich größere Projekte werden folgen. Weitere 50 Kilometer weiter draußen hat die BARD-Gruppe vor wenigen Wochen mit dem Bau ihres ersten Windparks begonnen. Von den geplanten 80 Anlagen der Fünf-Megawatt-Klasse sollen die ersten 50 bereits in diesem Jahr installiert werden. BARD erledigt, anders als die DOTI-Leute, die gesamte Logistik in Eigenregie - mit einer anderen Technik, mit eigener Fertigung und mit eigenen Schiffen. Sie können nur in begrenzten Umfang von 'Alpha Ventus' profitieren, sagt Burkhardt. 'Jeder muss und wird seine eigenen Erfahrungen machen.' Auch die Finanzierung sei nicht zuletzt wegen der allgemeinen Finanz- und Wirtschaftskrise ins Stocken geraten. Eine Milliarde Euro für einen Park mit 80 Anlagen könnten nicht einmal die großen Energiekonzerne am laufenden Band bezahlen. Die Stromerzeugung aus Offshore-Windparks soll bis 2030 von heute 60 Megawatt auf 25000 Megawatt anwachsen. Der Ansturm auf der Nordsee wird auch kommen, nur später als gedacht.

In unmittelbarer Nähe zu 'Alpha Ventus' sind allein drei neue Windparks geplant. 'Hier werden sich in weniger als zehn Jahren 400 Windräder drehen', ist auch Irina Lucke sicher. Sie hat bereits ihren nächsten Job vor Augen: Wenn die Oldenburger EWE ab 2011 ihr erstes eigenes Projekt startet, den Windpark 'Riffgat' vor der Emsmündung, wird Irina Lucke wieder die Projektleitung übernehmen.

Claus Burkhardt bleibt dagegen bei 'Alpha Ventus'. Dort werden nicht nur mehrere Forschungsvorhaben fortgesetzt, die die Auswirkungen der Offshore-Giganten auf die Meeresumwelt untersuchen. Der Windpark muss jetzt im Betrieb auf Zuverlässigkeit, Effizienz und Kostenminimierung getrimmt werden. 'Diese Aufgabe wird genauso groß wie der Bau selbst.'



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