Als Pflichtfächer tauchen in dem Dokument zum Beispiel Frustverdrängung, Anpassungsfähigkeit, Unterwürfigkeit, Heuchelei, Ellenbogenmentalität und schauspielerisches Talent auf. Petzen und Spicken vervollständigen im 'wahlfreien Unterricht' den 'heimlichen Lehrplan' der Schule, der all jene Eigenschaften und Tätigkeiten umfasse, die zum Überleben in der Schule brauchbar seien und dort oft heimlich trainiert würden, wie es unter den 'Bemerkungen' heißt.
Das Zeugnis sei mit diesen Angaben erheblich aussagekräftiger, denn es sage aus, ob der Schüler tatsächlich imstande sei, mit Zwang, Fremdbestimmung, Manipulation, Diskriminierung, Langeweile und Frustration, wie sie in Schulen alltäglich sei, zurechtzukommen.
Was auf den ersten Blick ganz spaßig wirkt, hat für die Organisatoren des Bildungsstreiks einen sehr ernsten Hintergrund. 'Wir wollen selbstbestimmt lernen', rief die 18-jährige Merle Drell am Lugenstein ins Mikrofon, wo die Schüler mit ihrem Demonstrationszug einen Zwischenstopp einlegten.
Es müsse Schluss damit sein, dass den Schülern die natürliche Freude am Lernen genommen werde. Es dürfe nicht sein, dass Fehler mit schlechten Noten bestraft werden. 'Aus Fehlern soll man doch lernen', so die Dörverdenerin, die nach eigenen Angaben aus Frust die Schule kurz vor dem Abitur verlassen hat.
In einem Thesenpapier, das auf der Rückseite des Zeugnisses abgedruckt ist, erläutern die Organisatoren den Hintergrund des gestrigen Schulstreiks. Leider würden Schüler in der Schule nicht als vollwertige Menschen behandelt. Durch den Schulzwang bekomme die Schule ihre Kundschaft nötigenfalls zwangsweise zugeführt.
Sie müsse sich nicht bemühen, kundenfreundlicher zu werden, ganz gleich, wie schlecht das sei, was den Schülern geboten werde, wie unerträglich, quälend, beängstigend, stressig, lebensfern, erschöpfend, traumatisierend, verletzend die Quälerei sei, die einige tagtäglich an Schulen erleben müssten. 'Dass das Schulsystem in Deutschland so resistent gegen Veränderung ist, braucht dann kaum zu verwundern: Es ist einfach darauf angelegt, Schule hat faktisch ein Monopol inne', heißt es in dem Flugblatt.
'Grauer Einheitsbrei mit Esszwang'
Die Schulstreik-Organisatoren fragen in ihrem Flugblatt, ob die konstatierte Fremdbestimmung tatsächlich das Interesse und die Motivation zu lernen steigere. Oder ob sie eher zu Abwehrreaktionen gegen das Lernen führe? Und ob Lernen aus eigenem Interesse nicht dazu angetan sei, ein Kinderspiel daraus zu machen, auch komplexere Themen zu begreifen?
Wenn Schule zukunftsfähig werden möchte, so heißt es in dem Flugblatt weiter, müsse sie im Grunde aufhören, Schule zu sein. Sie müsse vielmehr ein Lernort werden, ein Ort, an dem es Angebote gibt und die Schüler unterstützt werden bei jenen Dingen, die ihnen für ihr Leben wichtig sind. Schule müsse vom Menschen aus denken und sich nicht über diesen stellen. Schule dürfe nicht mehr wie grauer Einheitsbrei mit Esszwang sein, sondern müsse wie ein kostenloses Buffet werden.
'Die Schule der Zukunft soll ein Ort der Möglichkeiten sein, der Lernbegleitung und -unterstützung bietet und nicht Gleichmacherei und Zwang. Richtiges Lernen funktioniert schließlich nur, wenn ein Eigeninteresse vorhanden ist. Schule als Ort, der die Individualität der Menschen immer außen vor lässt, gehört in den Mülleimer der Geschichte', so Aaron Lahl, Mitorganisator des Schulstreiks.
Bei der Kundgebung vorm Rathaus begründete David Hofer den Schulstreik. Kultusministerin Heister-Neumann sei nicht bereit gewesen, gegenüber dem Landesschülerrat von ihren Positionen abzurücken. Der habe daher die Gespräche mit der Ministerin abgebrochen, sodass nun jeder Schüler selber in der Pflicht stehe, für seine Rechte einzutreten, so der Kreisgeschäftsführer der Verdener Jusos und Schüler der 13. Klasse am Gymnasium am Wall.
Nach der Demo wärmten sich einige der Teilnehmer im Jugendzentrum auf, wo am Nachmittag verschiedene Workshops rund um das Thema Schule und eine Diskussionsrunde stattfanden.



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