Es ist voll an diesem sonnigen Morgen. Zwei Gruppen von jeweils rund 20 Besuchern warten, dass es losgeht. Gerd Meyer von der Internationalen Friedensschule macht sich mit seinen Anhängern auf den Weg, zwei weitere Gruppen sind schon unterwegs. Es sind auffallend viele junge Leute, die Mirko Wetzel von der Landeszentrale für politische Bildung in wenigen Augenblicken über das Außengelände und durch das monströse Bauwerk aus Stahl und Beton führen wird.
"Gerd, lehne das Tor bitte an", verständigen sich Wetzel und Meyer. Alles sei noch improvisiert. "Wir machen hier im Grunde eine Baustellenführung", sagt Führer Wetzel. Deshalb sei es notwendig im Inneren einen Helm aufzusetzen.
Doch vorher berichtet Wetzel seinen Zuhörern allerlei Interessantes über das Mammutbauwerk. Dass "Valentin" als gigantische verbunkerte Werft zur Endmontage des damals neu entwickelten U-Boot-Typs XXI vorgesehen war, erfahren sie. Und dass die Nationalsozialisten auf diese Weise das Blatt im Seekrieg gegen die Alliierten wieder wenden wollten.
Fasziniert und fassungslos
Anhand von Fotos, die während des Baues aufgenommen wurden, zeigt Mario Wetzel, wie präzise diese verbunkerte Werft geplant worden war. "Es ist nichts überflüssig, es war eine rational durchgeplante U-Boot-Fabrik", sagt Wetzel. Er selbst und die Besucher sind fasziniert und fassungslos zugleich darüber, dass es im Zweiten Weltkrieg gelungen war, den Betonklotz mit seinen über 400 Metern Länge, über 90 Metern Breite und teilweise über 30 Metern Höhe in nicht einmal zwei Jahren zu errichten. Dafür mussten Tausende Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene rund um die Uhr schuften. Die genaue Zahl der Opfer ist bis heute nicht bekannt. Doch Historiker gehen von mindestens 2000 aus. "Namentlich bekannt sind etwa 1100", erläutert Wetzel. Einem älteren Herren fährt ein Schauer über den Rücken. Er rechnet: "Das sind zwei bis drei am Tag." Die Fotos aus einer Serie der Kriegsmarine vermitteln einen Eindruck von der riesigen Baustelle. Aber sie zeigen noch mehr: Der
Fotograf, der den "Valentin"-Bau festhielt, konnte ungeniert die Gesichter von KZ-Häftlingen ablichten - sonst ein Tabu im Dritten Reich.
Die Besichtigung des Bunker-Inneren fällt relativ kurz aus. Dort wo sich bis vor einigen Monaten noch das Marinedepot der Bundeswehr befand, herrscht jetzt Leere. Diesen Teil möchte die jetzige "Valentin"-Eigentümerin, die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, gewerblich vermieten. Für die Gedenkstätte indes ist der Ruinenteil interessant. Bis auf die Kresnik-Produktion "Die letzten Tage der Menschheit", kleineren Führungen und Filmdrehs ist der größere Teil des Bunkers seit 1945 sich selbst überlassen worden, informiert Wetzel und "Heute befindet sich darin Nord-/Westdeutschlands größte Fledermauskolonie".
Einer der Besucher schaut besonders intensiv in das Bunker-Innere. Es ist Harald Kleine, gebürtiger Vegesacker und langjähriger Polizist in Blumenthal. "Ich habe hier als Kind gespielt", sagt der 65-Jährige. Für ihn und seine Schulkameraden sei "Valentin" der ideale Spielplatz gewesen, die sogenannte Bunkerwildnis zwischen Klotz und Weserdeich zum Beispiel.
Der Zugang dort ist bis heute nicht gestattet und nach Angaben von Wetzel noch immer lebensgefährlich. Keiner wisse, was dort noch an Bomben- und Granatenblindgängern im Boden liege. Mario Wetzel macht eine weit ausholende Handbewegung: "Überall im Gelände sind noch Relikte vom Bau zu sehen."
Viele Nordbremer kennen das einige Betonstücke, die zwischen Büschen und Sträuchern zu sehen sind. Aber was ist da genau zu sehen? "Dort liegt der Rest einer Betonmischmaschine. Es war eines der härtesten Kommandos für die Menschen." Die Taktfrequenz sei so hoch gewesen, dass es immer wieder kleinere Sabotagen gab - für die Zwangsarbeiter die einzige Möglichkeit zu verschnaufen.
Wer an einer Führung durch den "Denkort" interessiert ist, kann sich unter www.denkort-bunker-valentin.de oder unter Telefon 0421/36 12555 bei der Landeszentrale für politische Bildung anmelden.




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