Seit der Abschaltung des alten Wasserwerks Anfang dieses Jahres ist der Grundwasserspiegel so enorm gestiegen, dass sich kleine Seen auf den Wiekhorner Wiesen bilden, dass Bäume und Büsche kein Laub mehr tragen oder dass es braun ist wie im Herbst. Die Graft nähert sich ihrem Ursprungszustand an - in diesem Maße hatte das niemand erwartet, die Politik schlägt Alarm, die Verwaltung mauert.
"Wir wollten das eigentlich bis zum Jahresende beobachten, so war es mit der Stadtverwaltung und der SPD abgesprochen. Aber jetzt müssen wir schnell reagieren", betont Heinrich-Karl Albers (CDU), Vorsitzender des Planungsausschusses. Er redet offen über das Dilemma, nachdem unter anderem Roswitha Ahrens-Groth von der SPD mit weiteren Bürgern eine Eingabe wegen der Versumpfung an den Rat der Stadt gegeben hatte. "Es ist aber Quatsch, dass der Bau der Grafttherme damit zu tun hat", sagt Albers. Ahrens-Groth wollte genau diese These sowie die Abschaltung des Wasserwerks von Fachleuten untersuchen lassen. Für die Verwaltung richtete Rathaussprecher Timo Frers auf Nachfrage lediglich aus, dass eine Vorlage für die Ratssitzung am 4. Oktober gefertigt wird. Bis dahin gilt: "Im Vorfeld gibt die Untere Wasserbehörde im Fachdienst Umwelt keine Einschätzungen ab." Albers dagegen spricht in seinen schlimmsten Befürchtungen schon von Mückenplagen.
Man muss kein Fachmann sein, um zu erkennen, dass abseits der Hauptwege in den Graftanlagen etwas nicht stimmt. Seitdem die dortigen Pumpen abgestellt sind, gleicht die Umgebung einer Moorlandschaft. "Es ist ein Drama", sagt Albers. Alle hätten gedacht - und die Verwaltung hat es laut Albers auch so dargestellt -, dass der Grundwasserspiegel nur um 40 Zentimeter ansteigen würde. "Es sind aber wohl 1,50 Meter", behauptet Albers und ebenso sehen es die Sozialdemokraten. Um 2,50 Meter müsse nach Ansicht von Albers der Grundwasserspiegel abgesenkt werden, damit die Graftanlagen nicht zu dem werden, was sie einst waren: ein Moorgebiet. "Aber das kostet", weiß Albers.
Sumpf südlich des Schlosses
Südlich des ehemaligen Schlosses war das Gelände schon immer sumpfig. Der päpstliche Nuntius, Bischof Giovanni Commendone, schrieb 1560 in einem Reisebericht über Delmenhorst: "Hier ist eine schöne Burg, mit einer niedrigen Mauer aus Stein, und ein hoher starker Erdwall soll drinnen an der Seite sein, denn eine Meile weit von der Südseite her kann man sie nicht belagern wegen der Sümpfe ..." Stadtarchivar Werner Garbas weist auf die entsprechenden Namen der Ortsteile im Süden der Stadt hin. Moorkamp zum Beispiel, aber auch Brendel weist aufs Moor hin. "Der Name kommt daher, dass dort früher Torf abgebrannt wurde", erzählt er. So wurde das Moor zurückgedrängt und bewohnbar gemacht. Doch jetzt scheint das Moor zurückzukehren.
Was nicht überrascht, wie Hydrogeologen, also Fachleute für Wasserläufe in der Erde, anderer Wasserwerkbetreiber im Gespräch mit unserer Zeitung bestätigten. Da sie keine exakten Messergebnisse aus Delmenhorst kennen, wollen sie nicht unbedingt mit Namen zitiert werden. "Aber eines ist klar: Wenn die Wasserförderung gestoppt wird, stellt sich der ursprüngliche Zustand wieder ein", sagt einer von ihnen. Er weist auch darauf hin, dass der Wasserförderer nicht dazu verpflichtet ist, Ausgleich zu bezahlen, wenn durch den erhöhten Wasserstand Schäden zu beklagen sind.
Anfang dieses Jahres wurde die Trinkwasserförderung in der Graft eingestellt. Zuvor lief sie in den Wasserwerken in der Graft und in Annenheide, jetzt wird nur noch in Annenheide gefördert. Wie stark der Grundwasserspiegel in der Graft nun angestiegen ist, können auch die Stadtwerke Delmenhorst nicht exakt beantworten. "Mit der Unteren Wasserbehörde Delmenhorst ist vereinbart worden, dass vorerst bis Jahresende ein abgesprochenes Messprogramm durchgeführt wird", erklärt Sprecherin Britta Fengler.
Das dauert zu lange, beklagen sich die Landwirte, die das Weideland südlich der Graft entweder besitzen oder von der Stadt gepachtet haben. "Die Weiden sind nicht befahrbar, sie bringen so keine Erträge, teilweise schwimmen da die Enten drauf", sagt Bernhard Wolff, Geschäftsführer des Kreis-Landvolkverbands Oldenburg. Die Wiesen werden in der Regel für Rinderhaltung genutzt oder gemäht, um so Futter für die Tiere zu gewinnen. Doch daran ist im Moment kaum zu denken. Dass es wegen der Stilllegung des Wasserwerks Veränderungen geben könnte, war klar. Dass die Landwirte ihre Flächen gar nicht mehr nutzen können, allerdings nicht.
"Die Flächeneigentümer sind gar nicht begeistert", sagt Wolff. Er ist deswegen heute in Delmenhorst, um mit der Verwaltung über das Problem zu reden. Und darüber, wie die Einnahmeverluste aufgefangen werden können. Allerdings gehen alle Beteiligten wohl davon aus, dass momentan ein Extremzustand zu beobachten ist, die Grundwasserstände müssen sich erst nach und nach regulieren, sodass die Wiesen in Zukunft zwar weiterhin feucht, aber durchaus zu bewirtschaften sind. "Die Altvorderen haben uns erzählt, dass die Wiesen vor der Wasserförderung in der Graft auch genutzt werden konnten, so wie jetzt war es also nicht", sagt Wolff.
Auch andere Anlieger der Wiekhorner Wiesen haben mit den Wassermassen zu kämpfen. Für die am Burggrafendamm beheimateten Kleingärtner erzählt Christof Selchow, dass man nur einen Spatenstich tief graben müsse, um auf Grundwasser zu stoßen. "Das ist ganz schlimm. Gemüse wächst da gar nicht mehr." Als es nach der Schneeschmelze losging, seien zunächst die Kirschbäume abgestorben, danach andere Pflanzenarten. "Der Boden ist wabbelig wie Moor", sagt Selchow - und wer einen Schritt abseits der Wege wagt, weiß, was er meint. Besonders zwei große, alte Buchen hinter den Kleingärten machen das Problem sichtbar. Ihr Laub ist so braun, wie es im Oktober schon mal vorkommt, im August aber sollte es satt grün sein. "Wir haben keine Zeit, es muss schnell was passieren", fordert Albers. Er betont aber auch, dass es keine Schuldigen in dieser Angelegenheit gebe und dass alle vom Ausmaß überrascht worden seien.




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