Delmenhorst. Mit Baseballschlägern bewaffnet sollen sich rund 20 Leute auf einen jungen Punker gestürzt haben, der mit seiner Freundin gegen 2 Uhr nachts an der Kneipe Ecke Lange und Orthstraße vorbeigekommen war. Während die Gruppe das Mädchen beiseite gestoßen haben soll, ließen sie angeblich von dem jungen Mann auch nicht ab, als er bereits am Boden lag. Sie sollen mehrfach auf seinen Kopf eingetreten haben. Das jedenfalls schreibt die Zeitung "taz". Sie beruft sich auf den Bericht der Freundin des Opfers, der inzwischen aus einem Delmenhorster in ein Bremer Krankenhaus verlegt wurde, um besser versorgt werden zu können.
Erst gestern Abend gelang es der Polizei, den Punker ausfindig zu machen. Es soll sich um einen 21-jährigen Delmenhorster handeln. Die Beamten schließen nicht aus, dass es sich bei den möglichen Tätern um Besucher des Liveauftritts von "H.E.R.M" handeln könnte.
Peter Piskalla ist der Besitzer der Kneipe "Die Szene". Er sagt, dass keiner der verbreiteten Vorwürfe stimme, alles sei total überzogen. "Vor der Kneipe war keiner auf der Straße, es gab keine Leute mit Baseballschlägern, da war kein Krankenwagen." Zumindest der letzte Punkt scheint unstrittig zu sein - der stark verletzte Punker ging offenbar erst am nächsten Tag zum Arzt.
Piskalla erzählt, dass eine Gruppe Punks vor seinem Laden aufgetaucht sei, "einer hatte ein langes Küchenmesser in der Hand". Trotzdem sei es zu keinen Auseinandersetzungen gekommen. Die Polizei wurde gerufen, als sie kam, war aber wohl alles ruhig. Dass bei ihr keine Anzeige eingegangen ist, überrascht nicht, denn weder Mitglieder aus der Neonazi- noch aus der linken Szene vertrauen der Polizei und meiden jeglichen Kontakt.
Piskalla gibt zu, dass "Kategorie C" in seinem Laden gespielt hat. "Für mich sind die nicht rechtsradikal, die sind wie die ,Böhsen Onkelz'." Die haben sich nach eigenen Angaben von ihren früheren rechtsradikalen Inhalten distanziert. Doch andere finden, dass "Kategorie C", die sich zurzeit unter dem Namen "H.E.R.M." auf Balladenkneipentour befindet, keine gewöhnliche Rockband ist. In Bremen wurde ein Auftritt Ende November 2011 verboten, vor Gericht unterlag die Gruppe, als sie dagegen anging. Ingo Kramer, Vizepräsident des Bremer Verwaltungsgerichts, nannte dem WESER-KURIER unter anderem diesen Grund: Die Band sei durch gewaltverherrlichende Texte sowie durch Songs mit neonazistischem Bezug bekannt.
Piskalla betont aber, dass "Die Szene" keine rechte Kneipe sei. "Ich bin nicht rechts, nicht links, nicht Mitte. Das war eine Privatveranstaltung, da ist mir egal, wer reinkommt." Es gehe für ihn als Geschäftsmann schließlich darum, Geld zu verdienen. "Aber wenn hier einer den rechten Arm hebt, fliegt er natürlich raus. Zu meinen Gästen gehören auch Ausländer, da geht sowas überhaupt nicht." Auch wehrt er sich dagegen, dass er immer noch als Präsident des Motorradclubs "Red Devils", die angeblich den "Hells Angels" nahe stehen, bezeichnet wird. "Ich bin nicht mehr in einem Rockerclub", sagte er gestern im Gespräch mit unserer Zeitung.
"H.E.R.M." hatte sich wie stes große Mühe gegeben, den Auftritt so geheim wie möglich zu planen - der Verfassungsschutz wusste trotzdem davon. Und informierte die Delmenhorster Polizei, wie die gestern Abend in einer Erklärung einräumte. Zivile Einsatzkräfte hätten am Sonnabend aber keinen "Auftritt der Gruppe 'Kategorie C - Hungrige Wölfe' feststellen" können.
Zuvor hatte die Berichterstattung für Betriebsamkeit im Rathaus und bei der Polizei gesorgt. Inzwischen hatte die Polizei im Internet ein Video entdeckt, auf dem der Auftritt der Rechtsrock-Band in Delmenhorst festgehalten ist. Auf dem Facebook-Auftritt von "H.E.R.M." hatten sich bis Sonntagabend allein sieben Leute gemeldet, die den Auftritt gesehen hatten. Einer berichtet sogar von einem "blöden Spinner mit seiner Freundin". Das könnte sich auf den Verletzten und seine Freundin beziehen, weil die beiden wohl das Publikum störten.
Hartmut Nordbruch, Sprecher des Breiten Bündnisses gegen Rechts, reagierte schockiert: "Ich finde den Vorfall höchst bedenklich. Wir müssen erhöht wachsam sein, was in Delmenhorst passiert." Für den 4. Februar soll angeblich das nächste Konzert der Band in Delmenhorst geplant sein. Doch dem widersprach Piskalla gestern: "Da wird hier definitiv nix passieren."


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