Sturmflut schnitt Gehöfte in Hasbergen von der Außenwelt ab und war der Auslöser für den Bau von Sperrwerken

 - 11.02.2012

50 Jahre nach der Katastrophe

Von Kai Purschke
Als Jahrhundert-Flut ging sie in die Geschichte ein, die Katastrophe von 1962. Von der Nordsee drängten die Wassermassen in die Ochtum, die in der Nacht zum 17. Februar zu einem kilometerbreiten Strom geworden war. Hasbergen wurde vor 50 Jahren zu einer Insel, zahlreiche Gehöfte waren von der Außenwelt abgeschnitten. Im Nordwesten Deutschlands hatte die Flut gar mehr als 300 Todesopfer gefordert, etwa 75000 Menschen das Dach über dem Kopf genommen und Schäden in Milliardenhöhe angerichtet. Falls diese Katastrophe auch etwas Gutes hatte, dann war es die mit angespülte Erkenntnis, Sperrwerke errichten zu müssen.

Delmenhorst. Bis zum oberen Rand der Hasberger Friedhofsmauer stand das Wasser. Wellen peitschten gegen die Mauer, gelangten an einigen Stellen darüber und rissen auch einzelne Brocken heraus, Grabsteine fielen deshalb um. "In der Nacht kam das Wasser über die Straße. Es war das höchste Wasser wir je erlebt haben", schrieb ein Hasberger Kind einige Wochen später in seinem Aufsatz über die Sturmflut. Es war nur eine von vielen Schilderungen, die Kurt Müsegades damals gesammelt hat. Der heute 88-Jährige hatte 1974 die Ortschronik des Dorfes unter dem Titel "Ein Jahrtausend Gemeindegeschichte" verfasst. Er erinnert sich: "Ich hätte zwölf Jahre nach der Flut auch die Erwachsenen fragen können, habe aber den Kinderaussagen von damals mehr Glaubwürdigkeit geschenkt." Denn Müsegades, der Chronist, war auf Aussagen anderer angewiesen, da er selbst nie in Hasbergen gelebt hatte. "Aber sie wollten unbedingt, dass ich ihre Geschichte aufschreibe", erzählt Müsegades und grinst

verschmitzt. Er weiß, dass seine Schönemoor-Chronik, die er zwei Jahre zuvor verfasst hatte, in Hasbergen einen guten Eindruck hinterlassen hatte.

Seinen Angaben nach war das Wasser "etwa einen halben Meter hoch durch die Hasberger Straßen gestrichen". Vereinzelt war es zwar auch in Häuser eingedrungen. Aber Müsegades betont mehrfach, dass die Flut nicht mal eine der schlimmsten gewesen sei, die Hasbergen ertragen musste. Was die Kinder damals freilich ganz anders sahen: "Um halb eins nachts klatschten die Wellen gegen den Hühnerstall. Bei Wichmann und Runge sind Schweine ertrunken. In der Pastorei stand das Wasser 38 Zentimeter hoch in der Wohnstube."

Auch der Schohasberger Heiko Stubbemann, damals 15 Jahre jung, erinnert sich an jene Nacht und den folgenden Tag, an dem das Wasser zwar ruhig aber nicht verschwunden war. "Das hat mich geprägt", sagt der Landwirt heute, der auch Vorsteher des Ochtumverbands ist. Und: "Wenn man einmal drin stand, dann lässt einen das Wasser nicht mehr los." Die Erlebnisse von damals hatten sein Interesse an Wasser und Deichen geweckt und bis heute wachgehalten. Aber während er als Junge in jener Nacht nicht groß über die Gefahren nachgedacht hat, wurde ihm später klar: "Wenn man sieht, was für eine Gefahr das war, hatten wir Glück gehabt." Das vielzitierte Glück des Tüchtigen, denn Stubbemann und sein damals vier Jahre älterer Bruder Dietrich hatten alle Hände voll zu tun, um die Katastrophe von Haus und Hof abzuwenden. Wegen des Sturms hatte keiner schlafen können, nachts um drei seien sie dann raus. "Da kamen schon die ersten toten Schweine aus Hasbergen hier angetrieben", schildert Stubbemann. Und

auch er habe "nur ans Vieh" gedacht. "Man nimmt sich selbst dann gar nicht mehr so wichtig", erzählt der 65-Jährige. So rannten die beiden Brüder damals zuerst in den tiefsten Stall, schlugen einen Stein aus dem Mauerwerk, sodass das Wasser abfließen konnte. Vor den Kellerfenstern gruben sie kleine Deiche, um die Flut aufzuhalten. "Man ist ums Haus gegangen und hat das Nötigste gemacht", sagt Stubbemann. Seinen ganzen Mut hatte er auch zusammengenommen, um am 17. Februar 1962 seinen Nachbarn zu helfen. Das waren zwei über 80-Jährige, deren Hof noch tiefer lag als der der Stubbemanns. Ihnen wurde das Essen stets gebracht, nur am Tage der Flut kam die damalige Gemeindeschwester Hanna nicht bis ans Haus. Der 15-jährige Heiko Stubbemann half: Er setzte sich aufs Pferd, das immerhin bis zur Hälfte im Wasser stand, und Ross und Reiter wateten los. "Sie hatten Tränen in den Augen", erinnert sich der Landwirt, der auch am folgenden Tag per Pferd das Essen zu den alten Menschen gebracht hatte.

Hilfe war eben willkommen im Ausnahmezustand. Und Hilfe kam: Schon in der Nacht waren die Soldaten ausgerückt, laut Zeitungsberichten waren über 2000 von ihnen im Katastropheneinsatz. "Als sie da waren, hatte man schon mehr Mut", erzählt Zeitzeuge Stubbemann. Den Stubbemanns etwa hatten die Soldaten geholfen, 300 Zentner Kunstdünger hochzutragen. Und auch in den von Müsegades zusammengetragenen Schulaufsätzen sind die Aktionen der Soldaten erwähnt: Sie hatten mit Schlauchbooten Schweine aus den Ställen geholt, Sandsäcke gestapelt und Sand vor Türen geschaufelt. In höchster Not hatte sich dann die Molkerei Delmenhorst hilfesuchend an die Bundeswehr gewandt: Wegen der überfluteten Straßen und Wege konnte in Hasbergen keine Milch angeliefert werden. Die Zeitung berichtete: "Am Sonntagmorgen fuhren Molkereiangestellte und Soldaten in Schlauchbooten zu den einzelnen Gehöften und holten über 2000 Liter Milch ab."

In Delmenhorst hatten an dem damaligen Sonnabend um 7.20 Uhr die Luftschutzsirenen geheult, der Katastrophenschutz trat zusammen. Busse aus Delmenhorst mussten Bürger der Gemeinde Berne in Richtung Hude evakuieren, in der Stadt Delmenhorst wurden 500 Notunterkünfte bereitgestellt. Um 19.05 Uhr an besagtem Sonnabend wurde laut eines Zeitungsberichts das THW Delmenhorst aus Hamburg angefordert, gut zwei Stunden später "verließen zwei Fahrzeuge mit 25 Männern die Stadt". Die Schäden, die die Flut und der Orkan direkt in Delmenhorst angerichtet hatten, hielten sich in Grenzen. Geknickte und entwurzelte Bäume, herabgewehte Dachziegel sowie zerrissene Stromleitungen und einige "eingedrückte Fensterscheiben und Reklamebeleuchtungen" hatte die Presse damals registriert.

Registriert wurde dagegen von den Verantwortlichen, was die Jahrhundert-Flut schonungslos offengelegt hatte: Die Schutzvorrichtungen reichten nicht. Starke Deichschäden und unzählige Deichbrüche standen zu Buche."Also wurde der Bau von Sperrwerken angekurbelt", erzählt Ochtumverbandsvorsteher Stubbemann. Sperrwerke in den Mündungen von Hunte, Ochtum und Lesum sollten den Wasserzulauf in diese Nebenflüsse verhindern. Die Idee war zwar anfangs noch auf Widerstand gestoßen, blieb aber letztlich als einzige Lösung übrig. Am 18. November 1968 hatten Bremen und Niedersachsen dann die notwendige Vereinbarung unterzeichnet. In Betrieb genommen wurden die drei Sperrwerke, deren Bau rund 650000 D-Mark gekostet hatte, am 1. Oktober 1979.

Anlässlich der Sturmflut und ihrer Auswirkungen auf Hasbergen gibt es zwei Ausstellungen. Am morgigen Sonntag werden ab 17.30 Uhr in der St. Laurentius-Kirche Hasbergen die von Dietmar Bödeker zusammengestellten Bilder und Texte (wir berichteten) gezeigt. Sie werden bis Ende März auf der Empore des Gotteshauses zu sehen sein. Außerdem beginnt morgen um 18 Uhr in Hasbergen ein Gottesdienst, der sich mit der Sturmflut von 1962 befasst. Auch das Stadtarchiv blickt darauf zurück. Die Ausstellung wird am Montag, 13. Februar, um 14 Uhr in der Stadtbücherei eröffnet und ist während der Öffnungszeiten dort bis zum 23. Februar zu sehen.





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