Delmenhorst. Volker Thomas reflektierte den Einsatz der internationalen Armeen in Afghanistan durchaus kritisch und räumte ein, dass ausländische Soldaten nicht in der Lage seien, in Afghanistan Frieden zu schaffen. Schlüssel zum Erfolg seien vielmehr die Entwicklung des Landes sowie eine "gute Regierungsführung".
Im voll besetzten Saal des Soldatenheimes erläuterte der Referent auf Einladung des Delmenhorster Standortältesten Klaus-Dieter Betz sowie der Delmenhorster Sektion der Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik die geografische sowie die ethnische und religiöse Situation in Afghanistan. Umgeben von Atommächten als Nachbarn gliedere sich das Land in schwer zugängliche Wüsten und Gebirgsregionen, aber auch in Ebenen und fruchtbare Landesteile. Das Gebiet um Kundus, in dem die Bundeswehr aktiv sei, sei so etwas wie die Kornkammer Afghanistans, klärte Volker Thomas seine Zuhörer auf. Und in Masar-i-Sharif, einer sich rasant entwickelnden Stadt, seien Wohnungen zirka doppelt so teuer wie in Delmenhorst.
Dennoch müsse in weiten Teilen des Landes von Strukturen ausgegangen werden, wie man sie sich in Westeuropa als "mittelalterlich" vorstelle. Für den durchschnittlichen Afghanen stehe vorne an die Familie, dann komme der Stamm sowie die Ethnie und schließlich die Religion. Spannungsreich sei vor allem das Verhältnis von sunnitischen Paschtunen und schiitischen Hazara. Die Zentralregierung in Kabul spiele eine untergeordnete Rolle. Im Alltagsleben stehe für viele Menschen der Kampf um Essen und Unterkunft im Vordergrund.
Unterstützung und Stabilisierung
Die Aufgabe des ausländischen Militärs sei es nun, Unterstützung für die Stabilisierung des Landes mit seinen auseinanderdriftenden Interessenslagen zu leisten. Gute Regierungsführung und die Entwicklung der Infrastruktur des Landes seien Grundvoraussetzung, um Afghanistan dauerhaft auf eigenen Füßen stehen zu lassen. Zwingender Bestandteil zur Umsetzung solcher Pläne sei die frühzeitige Einbindung ziviler ausländischer Institutionen auf Regierungs- und auf Nichtregierungsebene wie das Auswärtige Amt sowie das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit mit seinen zahlreichen Spezialisten sowie die mehr als 1000 Nichtregierungsorganisationen (NGO) aus aller Herren Länder als wichtige Ansprechpartner. Kritisch merkte er an, dass gerade bei den NGO erhebliche Mittel für die "Hauptquartiere" im Ausland sowie für die Finanzierung der gesandten Entwicklungshelfer eingesetzt werden. Lediglich zirka 30 Prozent der Mittel für zivile NGO kämen am Ende direkt der afghanischen
Bevölkerung und Wirtschaft zugute. "Das ist aber immer noch sehr viel", stellte Volker Thomas fest. Militärisch gehe es gegenwärtig vor allem darum, für solche langfristig angelegte Aufbauarbeit ein "sicheres Umfeld" herzustellen, und zwar durch die Installierung und das Training einer professionellen afghanischen Armee und Polizei.
Zur Strategie der Bundeswehr in Afghanistan gehöre es, die erforderliche Infrastruktur wie Brücken, Straßen und Tanklager zu schaffen und diese an die Afghanen zu übergeben. Damit werde unmittelbar in den Dörfern Vertrauen geschaffen. Durch den Einsatz von "Mentoren", die die angeworbenen afghanischen Sicherheitskräfte schulen sollen, werde weitere "Hilfe zur Selbsthilfe" geleistet. Ob die Zeit bis zum Abzug der ausländischen Truppen Ende 2014 ausreiche, um die erforderlichen Maßnahmen zur Stabilisierung des Landes schaffen zu können, ließ der General offen.
Ein hohes Lob sang er auf den Ausbildungsstand der deutschen Soldaten sowie auf deren Ausstattung. Im Gegensatz zu kritischen Stimmen in Deutschland halte er die Ausstattung in Afghanistan mit geschützten Fahrzeugen für "gut". Natürlich wollten Kommandeure für ihre Soldaten immer das Beste, aber es sei schon "klasse", wie die Belieferung im Lande funktioniere. Kritisch sei allerdings anzumerken, dass die Ausstattung in Deutschland im Rahmen der Ausbildung hinterherhinke. Dies sei deshalb fatal, weil der Umgang mit hochtechnisiertem Gerät möglichst nicht erst im Ernstfall geübt werden dürfe. Voll des Lobes zeigte sich Volker Thomas schließlich über die medizinische Versorgung der Soldaten. Vom Leistungsstand der Klinik in Masar-i-Sharif träume in Deutschland jedes Kreiskrankenhaus.


Regenwahrscheinlichkeit: