Die Anklagebehörde wirft der Firma vor, massenhaft Kämme gekürzt und Zehen amputiert zu haben. "Es geht um den millionenfachen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz", sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft Stade, Burkhard Vonnahme. Das äußerst schmerzhafte Kürzen der gut durchbluteten Kämme ist nach Angaben der Tierrechtsorganisation PETA eine übliche Praxis zur Unterscheidung der Küken nach Zuchtlinien, um beispielsweise Hühner, die braune Eier legen, von denen, die weiße Eier legen, unterscheiden zu können. "Das geht schneller als eine Einfärbung des Gefieders und bringt mehr Profit", erklärt PETA-Agrarwissenschaftler Edmund Haferbeck. Die Zehen der auf extremes Körpergewicht überzüchteten Hähne würden amputiert, weil sie die Hennen sonst beim Tretakt verletzten. "Das zeigt die Perversion tierzüchterischer Abartigkeiten, die beim Weltmarktführer Lohmann zum routinemäßigen Geschäftsgebaren gehören", so Haferbeck. PETA hatte bereits 2008
Anzeige gegen Lohmann erstattet.
Zudem sollen bei Lohmann männliche Küken, die bei der Legehennenzucht aussortiert werden, millionenfach vergast beziehungsweise im "Kükenmuser" geschreddert und dann billig im Hausmüll statt teuer in der Tierkörperbeseitigunganstalt entsorgt worden sein. Die Staatsanwaltschaft hat dahingehende Ermittlungen eingestellt. "Derlei Praktiken finden mit Wissen der Veterinärbehörden statt und stellen keine Straftat dar, auch wenn die Vorgehensweise moralisch verwerflich ist", erklärt Oberstaatsanwalt Vonnahme.
Das beschuldigte Unternehmen bestätigt die Ermittlungen gegen seine Geschäftsführer, will mit Verweis auf das laufende Verfahren aber nicht detailliert zu den Vorwürfen Stellung beziehen. Auf Nachfrage verweist die LTZ auf die in Gauting bei München ansässige Unternehmensberatung Engel und Zimmermann, die die Öffentlichkeitsarbeit in dem Fall übernommen habe. Sprecher Tobias Russ erklärt für Lohmann: "Die angesprochenen Praktiken werden nicht mehr durchgeführt." Im Übrigen sei die Tötung von männlichen Eintagsküken in der Legehennenhaltung weltweit gängige Praxis. Die Lohmann Tierzucht habe aber niemals männliche Küken an die Bremer Entsorgungsgesellschaft geliefert.
Nach Angaben des Landwirtschafts-
ministeriums in Hannover hat sich Minister Gert Lindemann (CDU) eindeutig gegen das Schnabelkürzen ausgesprochen, allerdings sei die Vergasung von männlichen Küken mit Kohlendioxid dann in Ordnung, wenn die toten Tiere anschließend in der Futtermittelproduktion Verwendung fänden, so seine Sprecherin Natascha Manski. "Für die Tötung von Tieren bedarf es eines vernünftigen Grundes." Zu den laufenden Ermittlungen bei Lohmann will sich das
Ministerium nicht äußern. "Das Gericht wird entscheiden", so Manski.
Unterdessen vermuten die Grünen im niedersächsischen Landtag "gute Beziehungen des Marktführers Wiesenhof zur Landesregierung". So gehöre der Hauptbetrieb der Familie der ehemaligen niedersächsischen Landesministerin Astrid Grotelüschen (CDU) zur Hälfte der Wiesenhof-Gruppe. Ferner existierten auch gemeinsame Beteiligungen an einem Schlachthof, gegen den ebenfalls staatsanwaltliche Ermittlungen liefen. Für den agrarpolitischen Sprecher der Grünen-Fraktion Christian Meyer ist es "kaum vorstellbar, dass die trotz Verbots millionenfach ausgeübte jahrelange Praxis des Amputierens von Zehen und Kämmen von Hühnerküken niemandem aufgefallen ist". Von Kontrolle könne keine Rede sein.
Der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), Eckehard Niemann, forderte Landesagrarminister Lindemann und Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) auf, die "agrarindustrielle Qualzucht" zu beenden.


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