Am Dienstagvormittag wurden die beiden neu gegossenen Leester Glocken und die rund 500 Jahre alte Marienglocke per Kran in den Kirchturm gehoben.
Rollbahn wie beim Pyramidenbau
Oder besser gesagt: erst einmal auf das präparierte Gerüst vor dem Turm. Denn für den Weg hinein steht nur die – für diesen Zweck etwas erweiterte – Fensteröffnung in der Backsteinwand zur Verfügung. „Wir lassen uns gleich vom Kran ein paar Balken des neuen Glockenstuhls auf das Gerüst heben, die benutzen wir dann als Hilfskonstruktion zum Reinrollen“, erläutert Udo Griwahn vom gleichnamigen Turmuhren- und Läuteanlagenbau aus Grimmen in Nordvorpommern. Noch ein paar Metallrohre und Bretter auf die Balkenrampe gelegt, die vom Kran darauf abgesetzte Glocke am Kettenzug eingehakt, und schon – so der Plan – kann sich die „Rollbahn“ in Gang setzen. „Wir machen das im Prinzip so, wie die Ägypter vermutlich auch die Pyramiden gebaut haben“, sagt Griwahn.
Glockentouristen
Am Boden trudeln derweil immer mehr „Glockentouristen“ ein, die es sich vor dem Jugendhaus der Kirchengemeinde gemütlich machen. Auch Gästeführerin Erika Christmann ist mit dem Radl da und nutzt noch einmal ausgiebig die Gelegenheit, Fotos von den Kirchenglocken zu machen, die zu dem Zeitpunkt noch auf einem Anhänger auf die bevorstehende „Luftfahrt“ warten. Fotos, die vielleicht bei einer künftigen Gästeführung zum Einsatz kommen werden. Denn die Idee, Besucher in den Leester Glockenturm zu führen, ist bereits geboren.
Balken aus massivem Eichenholz
„Ende September überlegen wir uns neue Sachen für das Programm 2010, da wird sicher auch ein Termin bei herauskommen, wann wir mal eine Führung zu den Glocken anbieten können – das wäre doch schade, wenn man die nie wieder zu Gesicht bekäme“, sagt Erika Christmann und nimmt nun auch die beiden anderen Anhänger in den Fokus. Auf dem einen sind die Balken für den Glockenstuhl gestapelt. Aus massivem Eichenholz. „Das hat statische Vorteile“, sagt Anlagenbauer Udo Griwahn. „Aber auch klangliche – das Holz überträgt die Rumpelgeräusche nicht so sehr nach unten.“ Auf dem anderen Anhänger liegen die hölzernen Bauteile für die Glocken-Aufhängung – eine Art Joch – parat. Daneben die Klöppel. Der größte davon, so ist es im Metall eingeprägt, wiegt allein 72 Kilo.
Doch nun sind erst einmal die Balken für den Glockenstuhl an der Reihe. Fuhre für Fuhre nimmt Kranführer Andreas Badura an den Haken des ausgefahrenen Kranarms und hievt sie nach Anweisung der beiden Anlagenbauer Richtung Gerüst. Unten surren die Fotoapparate und Filmkameras.
Über 500 Jahre alte Marienglocke
Dann wird die erste Glocke angegurtet, die 1070 Kilo schwere Marienglocke von 1516. Und bei Karl-Heinz Ahrens macht sich Wehmut breit. Er hatte das Relikt aus vorreformatorischer Zeit zusammen mit den zwei neuen in Karlsruhe gegossenen Glocken zwischenzeitlich auf seiner Hofstelle beherbergt. Doch das ist nun vorbei. „Schade“, findet er. „Ich hatte mich so an sie gewöhnt.“
Auch die einjährige Anni hat die Glocken offensichtlich liebgewonnen. „Schon beim Glockenfest am Sonntag fand sie es toll, sich dranzustellen und sie zu umarmen, heute wollte sie dann unbedingt wieder her“, erzählt ihre Mutter Eva Lepand. Annis Cousins Erik (5) und Rune (3) lassen sich die Chance, noch einmal zwischen den Glocken auf dem Anhänger umherzupurzeln, ebenfalls nicht entgehen. Doch nun müssen die Kinder das Feld räumen. Denn Küster Dieter Suhling und Karl-Heinz Ahrens schicken die Marienglocke „auf die Reise“.
Flug und Landung klappen ohne Turbulenzen. Auch die „Glockenbahn“ funktioniert. Mit erneutem Kettengerassel setzen die Handwerker Glocke Nummer eins an die künftige Position. Kurz danach hängt die nächste am Kranhaken. Bei Glocke Nummer drei – die größte und mit 1700 Kilo auch die schwerste – setzt Suhling vor dem Abheben schnell noch zum Abschied den Gummihammer an. Das Publikum verstärkt das „Läuten“ mit Applaus, und schon schwebt auch die letzte Glocke Richtung Turm.
Glockentransport kein Alltagsgeschäft
Stolz hält Kranverleiher Burkhard Kastens aus Barrien das Ganze mit der Kamera fest. Kirchenglocken hat sein Betrieb bisher noch nicht befördert, sagt er und lugt noch einmal hoch zum Kranarm, der nun bis auf 38 Meter herausgefahren ist. „Bei der großen Glocke haben wir zusammen mit dem Haken bestimmt 2,2 Tonnen Gewicht zu bewegen“, schätzt Kastens, während auch diese Glocke sicher landet.
Ein paar Schritte weiter verabschieden sich die ersten Besucher von Küster Dieter Suhling. „Ganz toll – Wahnsinn – ein Ereignis“, rufen ihm einige vom Fahrrad aus zu. „Die Handwerker werden jetzt den Glockenstuhl zusammensetzen und in den nächsten Tagen die Glocken reinhängen“, weiß Suhling, wie es weitergeht. Außerdem werde es wohl den einen oder anderen Testlauf geben – schon im Hinblick auf die neue Läuteordnung. „Wir haben ja jetzt drei statt zwei Glocken, da kann man nicht bei jeder Gelegenheit alles läuten, was die Glocken so hergeben“, ergänzt Pastor Holger Tietz. „Beim Gebetsläuten kommt zum Beispiel nur eine Glocke zum Einsatz, bei anderen Gelegenheiten gibt es auch verschiedene Kombinationen.“
Klang wird im September überprüft
Ob das mit dem Klang so hinkommt, werden im September der Glockensachverständige Andreas Philipp von der Hannoverschen Landeskirche, Glockenbauer Albrecht Bachert und ein Vertreter vom Amt für Bau- und Kunstpflege überprüfen, kündigt Suhling an. Vorher steht jedoch die Glockenweihe an: am Sonntag, 30. August, im Zehn-Uhr-Gottesdienst. Gesegnet werden die Glocken von Holger Tietz und Ele Brusermann. Suhling: „Wir wollen versuchen, dass bis dahin der Turm wieder verschlossen und das Gerüst wieder abgebaut ist.“



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