Ab nächster Woche steht Rucola bei den meisten Supermärkten in Deutschland wieder in den Regalen. Vielen Erzeugern ist das nur ein schwacher Trost. „Für die Betriebe ist die Situation fatal, der Markt liegt am Boden“, sagt Erich Klug von der Landwirtschaftskammer in Oldenburg. Einige niedersächsische Erzeuger hätten ihre Salatfelder unverrichteter Dinge umgepflügt. Am schlimmsten hat die Lebensmittel-Affäre Landwirte in Rheinland-Pfalz getroffen, die sich auf den Rauke-Anbau spezialisiert haben und von deren Feldern die betroffene Lieferung stammte. Dort stehen mehrere Betriebe vor dem Aus.
Auslöser des Ungemachs war der Fund eines Stängels giftigen Kreuzkrauts in einer Rucola-Packung. Entdeckt hat die Pflanze ein Mitglied des sogenannten Arbeitskreis Kreuzkraut in einem Supermarkt bei Hannover. Der Verein mit Sitz in Niedersachsen widmet sich der Aufklärung über die toxische Wirkung des Gewächses. Vorsitzende Sabine Jördens aus Uetze gründete den Arbeitskreis vor zwei Jahren, nachdem ihre Stute Smarty an einer mutmaßlichen Kreuzkrautvergiftung gestorben war.
Ihr Vorgehen im Falle des Supermarktfundes fasst sie folgendermaßen zusammen: „Ich habe ein Handyfoto von einem Vereinsmitglied erhalten, auf dem die Salatschale mit der verdächtigen Pflanze zu sehen war.“ Daraufhin habe sie dem Finder geraten, den Rucola-Bestand des Supermarktes aufzukaufen, um unwissende Verbraucher vor möglichen Vergiftungen zu schützen.
„Das sehe ich als meine bürgerliche Pflicht an“, sagt sie. Die betroffene Packung habe sie zur Untersuchung an das Pharmazeutische Institut der Universität Bonn weitergeleitet. Den dort praktizierenden Wissenschaftler Helmut Wiedenfeld schätze sie seit Jahren als Experten auf dem Feld der Kreuzkraut-Forschung. Sie habe auch versucht, örtliche Verbraucherschützer in Kenntnis zu setzen. Dort habe sich jedoch niemand ihres Anliegens annehmen wollen.
Über Jördens Alleingang sind die niedersächsischen Verbraucherschutz-Behörden alles andere als begeistert. „Wir wären froh gewesen, wenn wir die betroffene Packung selbst gesehen hätten“, sagt Nils Meyer, Sprecher der zuständigen Lebensmittelüberwachung der Region Hannover. Außer einem Foto haben die Lebensmittelüberwacher nichts zu Gesicht bekommen. Offiziell konnte der Giftfund deshalb nie bestätigt werden. Die Behörden waren um die Möglichkeit gebracht, EU-Schnellwarungen auszusprechen.
Auch im niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz (Laves) zeigt man sich verschnupft über die Vorgehensweise des Arbeitskreises. Alle Proben, die das Laves im Anschluss an den Giftfund eilig veranlasst habe, seien negativ ausgefallen. „Wir müssen von einem Einzelfall ausgehen“, sagt Sprecherin Hiltrud Schrandt. Dass das Kreuzkraut aus einer Packung aus Rheinland-Pfalz stamme, sei absolut ungewöhnlich. „Auf den Böden dort kommt die Pflanze so gut wie nie vor“, sagt Schrandt.
Deutlicher wird der Geschäftführer des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Pfalz Franz Schatt. „Wir werden die Vorgänge prüfen“, sagt er. Die Umstände des Fundes seien sehr eigenartig: Ausgerechnet ein Mitglied des Arbeitskreises Kreuzkraut habe den ungewöhnlichen Fund in der einzigen unverschlossenen Packung des Supermarktes gemacht. „Das ist ein Stück weit anrüchig“, sagt der Bauernvertreter.
„Ich verstehe nicht, wie das Ganze zu so einem Drama werden konnte“, sagt Sabine Jördens. Von der Richtigkeit ihres Handelns ist sie weiterhin überzeugt. Die Verbreitung des Jakobskreuzkrauts stelle eine Gefahr für die Gesundheit von Mensch und Tier da. Mit dem Gift der Pflanze seien mittlerweile auch Honig und Milch belastet.
Laves-Sprecherin Hiltrud Schrandt widerspricht dieser Darstellung. „Das ist Verbraucherverunsicherung, ich weiß nicht, was der Verein damit bezwecken will“, sagt sie. Zwar lasse das Laves Lebensmittel auf Beimengungen der betreffenden Gifte untersuchen, bedenkliche Ergebnisse seien dabei jedoch nicht zu Tage gefördert worden.



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