Es ist still im Günnemoor. Noch. In wenigen Minuten sollen hier bis zu 5000 Kraniche ihr vielstimmiges Konzert geben. Gerd Becker hört sie: Mit seinen geschulten Ohren nimmt der Vogelexperte des Hamberger Naturschutzbundes die ersten Geräusche der sich ankündigenden Kraniche wahr.
'Gleich kommen sie', ruft der Hobby-Ornithologe euphorisch. Aufgeregt dreht er seinen Kopf nach links, nimmt das dunkelgrüne Fernglas in die Hand. Ganz langsam wird der schwarze Fleck am Horizont deutlicher. Durch das Glas sind sie zu erkennen: Fünf bis sechs Gruppen mit jeweils 30 bis 40 Kranichen nähern sich im Formationsflug - mehr als 200 Tiere.
Rast in Niedersachsen
Die Kraniche kommen aus ihren Brutgebieten in Nordeuropa und der russischen Taiga. Auf ihrem langen Weg nach Süden in ihre Winterquartiere machen sie im September und Oktober in Niedersachsen Rast. Im Günnemoor versammeln sich die Tiere jeden Abend, um dort die Nacht sicher zu überstehen.
Ein trompetenartiger Ruf aus langen und kurzen aneinander gereihten Lauten. Das Geräusch wird immer lauter - die Kraniche nehmen Kontur an. Ihr graues Gefieder und die gestreckten Hälse betonen die zarten schwarz-weißen Köpfe mit ihren roten Kopfplatten.
Seit gut zehn Jahren kommen die Vögel in die Region zwischen Teufelsmoor, Bornreihe und Verlüßmoor. Durch die begonnene Wiedervernässung und den Rückgang der Abbaufläche ist das Gebiet für die Zugvögel ein guter Platz zum Ausruhen geworden: Das knietiefe Gewässer bietet Schutz vor Fressfeinden wie Füchsen oder Madern. Tagsüber finden die Kraniche ihre Nahrung im Huvenhoopsmoor, im Günnemoor übernachten sie dann. Es wirkt wie eine Choreografie: Nach einer eleganten Halbrunde über den Gewässern landen die Kraniche auf dem hinteren Teil des Feldes und sammeln sich.
'Die stehen da jetzt noch eine Weile, bis sie sich in den feuchteren Teilen des Moors zum Schlafen niederlassen', sagt Becker und bringt sein Stativ zwischen Buchweizen, Pappeln und Franzosenkraut in Position. Nun sind die Kraniche gut zu erkennen. Eng aneinander stehen die 1,20 Meter großen Vögel im Moor. Mittlerweile haben sich mehrere Hundert von ihnen versammelt.
Fast jeden Abend Schaulustige
Auch Gerd Becker hat Gesellschaft bekommen: Ein junges Pärchen und ein älterer Mann gucken beeindruckt auf das Moor. Sie sind gut ausgerüstet: haben wetterfeste Kleidung und festes Schuhwerk an. Mit Fernrohren beobachten sie gebannt die Vögel. Es ist fast still geworden. Nur noch ein leises 'Schnattern und Schnabeln', wie es Becker nennt. Seit vor drei Wochen die ersten Kraniche gesichtet wurden, finden sich fast jeden Abend ein oder zwei Schaulustige ein.
Knapp bis zur Brusthöhe reicht das Gestrüpp und dient damit als guter Sichtschutz. 'Solange wir uns ruhig verhalten, bekommen die Kraniche nicht mit, dass wir sie beobachten', sagt Gerd Becker. Seit drei Jahren bietet der Vogelexperte und stellvertretende Vorsitzende der Hamburger NABU-Gruppe Touren zu den Kranichen an. Seit er vor gut 30 Jahren auf Amrum seine Leidenschaft für den Naturschutz entdeckte, war er ständig in Sachen Vögel unterwegs. 'Für mich ist es jedes Mal wieder besonders und aufregend, hier herauszukommen', sagt der 63-Jährige und lächelt dabei.
Plötzlich wird es wieder laut. Aus allen Himmelsrichtungen kräftiges Getröte. Wieder dauert es einen Moment, bis mehrere schwarz-graue Keile am Horizont zu erkennen sind. Zehn bis 15 Formationen mit jeweils 20 bis 30 Kranichen fliegen Richtung Moor. Die eintretende Dämmerung macht es schwieriger, etwas zu erkennen: Die grauen Kraniche unterscheiden sich jetzt kaum vom dunkelbraunen Torf.
'Es könnte gut sein, dass die Kraniche jetzt direkt zu ihren Schlafplätzen weiter vorne fliegen - dann können wir sie besser sehen', sagt Becker. Und wieder hat er Recht. In V-förmigen Formationen fliegen die Kraniche in seine Richtung und hocken sich knietief ins Wasser. Die langen Stelzen wirken auf einmal ganz kurz. Becker erzählt, dass die Kraniche im Stehen schlafen.'Damit schützen sie sich und ihren Nachwuchs vor ihren Feinden.'
Kraniche frieren nicht
Andächtig schaut er unter seiner Mütze hervor. Es ist kalt geworden. Ihn fröstelt an den Händen. 'Die Kraniche frieren nicht', sagt Gerd Becker. An den ins Wasser getauchten dünnen Beinchen haben sie kein Kältegefühl. Dennoch: Witterungsbedingungen spielen neben Schlafplatzqualität, Störungshäufigkeit und Nahrungsbestand eine große Rolle für die Aufenthaltsdauer der Kraniche. 'Spätestens wenn die Temperaturen an die null Grad gehen, brechen die Vögel auf', weiß Becker.
Dann geht die Reise weiter. Die Vögel legen viele Hundert Kilometer pro Tag zurück, überwinden auf ihrem Weg mehrere Tausend Kilometer. Für die gesamte Strecke brauchen die Kraniche acht bis 15 Wochen. Erst dann haben sie ihre Winterquartiere in Frankreich, im Südwesten Spaniens und Nordafrika erreicht. Da bleiben sie dann, bis sie im Februar auf ihrem Weg in die Heimat wieder Rast in Günnemoor machen.
Für Sonnabend, 16. Oktober, plant Gerd Becker die nächste Exkursion ins Günnemoor. Eine Anmeldungen ist erforderlich. Telefonnummer 04793/956016.


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