Ray Wilson kommt von der anderen Seite dieses Meers und auch der Schotte gibt sich meist eher introvertiert. Als nachdenklicher Singer/Songwriter tritt er zuweilen solo auf, in der Rolle des rockenden Bandleaders mit seiner Formation Stiltskin ist er allerdings nicht minder überzeugend. Für seine diesjährige Tour hat er eine neue Konzeption angekündigt, bei der nicht unbedingt eine entfesselte Rockparty zu erwarten war: "Genesis Klassik", das klingt nach gediegener Konzertaufführung für ein Publikum in Theatersesseln.
Weit gefehlt! Die Music Hall ist proppevoll, Sitzgelegenheiten sucht man vergebens und auch die Spielweise der Band - personell deckungsgleich mit Stiltskin und um ein Streichquartett erweitert - ist weit davon entfernt, mit unerträglich süßem Geigenschmelz Rockmusik zu verkitschen. Was die insgesamt zehn Musiker servieren, ist kein "Classic Rock" nach pompösem Vorbild, sondern ein spannungsreiches und schlüssig erweitertes Klangkostüm für Songs, die vorwiegend, aber nicht ausschließlich aus dem reichhaltigen Werke Genesis? stammen.
Auch Stiltskin-Songs im Repertoire
Ende der 90er war Wilson zwei Jahre lang Sänger der Rockgiganten, die im Laufe ihrer Karriere immer poppiger wurden. Aus dieser Zeit stammt die CD "Calling all stations", von der er zwei Stücke im Repertoire hat. Er blickt aber weit darüber hinaus, hat progressive Songs aus dem Frühwerk ebenso eingebaut wie die deutlich simpler gestrickten Hitparadenerfolge der 90er Jahre oder Stücke aus den Soloplatten der ehemaligen Kollegen. Auch für einige Stiltskin-Lieder bleibt in diesem Repertoire Raum.
Die Streicher-Arrangements sind dabei fast ein wenig schüchtern, anfangs sind die drei Violinen und das Cello des Berlin Symphony Ensembles auch im Mix unterrepräsentiert. Im Laufe des ausgiebigen Konzertabends aber setzen sie immer klarer Akzente und sorgen für einen sehr komplexen, perfekt austarierten Sound, dessen Dynamik das Publikum förmlich mitreißt. Dafür sorgt auch die anscheinend sehr wohl überlegte Songauswahl, die einen brillanten Spannungsbogen bietet. Sicher hätte diesem Konzept einige der herausragenden Songzyklen von "Watcher of the skies" bis "Home by the sea" besser gestanden als Pop-Plattitüden à la "Jesus he knows me" oder "I can?t dance". Andererseits sorgen genau solche Hits, die beinahe jeder im Publikum lauthals mitsingen kann und dies auch tut, für Stimmung.
Nichtsdestotrotz ist an vielen Stellen zu spüren, dass Ray Wilson doch stimmlich und vermutlich auch mental der Genesis-Ära mit Peter Gabriel näher steht als der Phil Collins-dominierten Phase. Das ist seit jeher eine Glaubensfrage: Die Fans komplexer Rockmusik verehren die Gabriel-Jahre kultisch, die Pophörer kennen nur die mit Collins. Ray Wilson bringt beides unter einen Hut und neben "Carpet crawler" und dem Titelstück der meisterhaften "The lamb lies down on Broadway"-Doppel-LP von 1974 ist auch Collins? Solohit "In the air tonight" einer der Höhepunkte seines triumphalen Auftritts. Dieser Hit, der eigentlich durch sein kühl-synthetisches Klangbild und den verhallten Schlagzeugsound berühmt wurde, macht Wilson zu einem Folksong, den er solo mit seiner akustischen Gitarre spielt - ein absoluter Gänsehaut-Moment.
Eine Zugabe reicht nicht
Ebenso gut funktionieren Gabriels "Solsbury hill" oder "Another cup of coffee" von Mike & The Mechanics, der Zweitband von Genesis-Gitarrist Michael Rutherford. Zur Zugabe gibt es dann mit "Inside" natürlich auch noch jenen Song, mit den Stiltskin 1994 einen der größten Hits der Grunge-Ära landete. Hier können erneut die drei Geigerinnen und Tobias Unterberg am Cello glänzen. Danach begeht Ray Wilson den einzigen, aber verzeihlichen Fehler des Abends: Er glaubt, dass das Publikum damit zufrieden sei und lässt schon mal Musik von CD einspielen. Davon lassen sich die enthusiastischen Fans zum Glück nicht beeindrucken, sie erjubeln sich eine zweite Extrarunde, die in einer selig gemeinsam intonierten Version von "Knocking on heaven?s door" ihren krönenden Abschluss findet.
Von den vielen Gastspielen Ray Wilsons in Worpswede ist dieses sicher das beeindruckendste gewesen - auf jeden Fall das bisherige Highlight dieser keinesfalls schwach besetzten Konzertsaison in der Music Hall.


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