Frage: Was läuft schief mit der Schule?
Jason Best: Eigentlich so ziemlich alles.
Zu wenig Lehrer und zu große Klassen?
Aaron Lahl: Das kritisieren wir schon lange. Aber der Fehler liegt im Schulsystem selbst, das auf erzwungenem Lernen basiert statt auf selbstbestimmtem Lernen. Mit dem Bildungsstreik wollen wir erreichen, dass sich Schüler und Lehrer endlich auch mal inhaltlich klar mit den Problemen auseinandersetzen.
Jason Best: Ich kritisiere Schule insbesondere als ineffizienten Lernort. Schule besteht aus dem Beantworten von Fragen, die noch gar nicht gestellt wurden. Das heißt, du wirst mit unzähligen Antworten berieselt, es fehlt jedoch die Frage beziehungsweise das Interesse, an der die Antworten andocken können. So wundert es kaum, dass wenig hängen bleibt. Schule blendet das Eigeninteresse und die Individualität der Schüler systematisch aus und verkommt so zu einer Veranstaltung, die kaum effizientes Lernen ermöglicht, sondern uns lediglich den Umgang mit tagtäglicher Dauerfrustration näher bringt. Dass es so viele unmotivierte Schüler und Lehrer gibt, liegt meiner Meinung nach daran, dass die Schule ein Zwangssystem ist, das sich nur selten einer Rechtfertigung unterziehen muss. Schule entwickelt sich nicht weiter, weil die Institution Schule nie beweisen muss, dass sie Kinder in ihrer Entwicklung unterstützt. Ihre Kunden, die Schüler, kommen so oder so, und diese haben so gut wie keine Möglichkeiten, sich gegen schlechte Bedingungen zu wehren. Egal, wie schlecht das ist, was den Schülern in der Schule geboten wird, egal wie unerträglich, quälend, beängstigend, stressig, lebensfern, erschöpfend, traumatisierend, verletzend die Quälerei, die einige tagtäglich an Schulen erleben müssen ist, die Schüler kommen trotzdem.
Können die Schüler mit Streiks etwas daran ändern?
Jason Best: Tatsache ist, dass der letzte Schulstreik in Verden im Juni 2009 gar nichts gebracht hat. Daher haben wir vom Organisationsteam Bildungsstreik Landkreis Verden diesmal einen anderen, grundsätzlichen Ansatz für unsere Protestaktion gewählt: Wie wollen unter uns Schülern eine ernsthafte Debatte beginnen, die ans Eingemachte geht.
Aaron Lahl: Das Problem ist, dass Schüler gar nicht wahrgenommen werden in der Diskussion um Schule, obwohl sie die Hauptakteure sind. Dass sie sich selbst nicht mehr einmischen, liegt oft daran, dass sie wegen der hohen Belastung durch die Schule schlichtweg keine Kraft haben, sich für ihre Belange einzusetzen.
Wie sollte Schule denn organisiert sein?
Jason Best: Den einzelnen Akteuren des Schulwesens sollten tatsächliche Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet werden. Sprich: Dezentralisierung. Ich möchte ein pluralistisches Bildungssystem, in dem die Bildungsansätze so unterschiedlich sein können wie die Menschen, die sie durchlaufen. Für manche mag der Ansatz der Regelschule vielleicht erträglich sein, für viele bedeutet dieser tagtägliche Quälerei. Ich kenne so viele Eltern, Lehrer und Schüler, die sich engagieren würden und viele bessere Lernansätze, doch dieses Potenzial wird vom undemokratischen Schulsystem mit seiner starren Bürokratie nicht genutzt. Schule wird immer von oben gedacht und ist so naturgemäß unflexibler, als ein pluralistisches Bildungswesen es wäre. Alternativschulen müssten in dem selben Maße gefördert werden wie Regelschulen.
Lernt man in der Schule fürs Leben?
Aaron Lahl: Leider nicht. Das meiste Wissen, das die Schüler mit dem sogenannten Bulimie-Lernen in ihre Köpfe stopfen, um es nach den Klausuren wieder zu vergessen, brauchen sie nie mehr. Wichtiger wäre das zu lernen, was für ein gelungenes Leben wichtig ist. Dazu gehören grundlegende Formen der Kommunikation und des Umgangs mit anderen Menschen, Wissen über das Funktionieren der Gesellschaft und des politischen Systems. Vor allem müssen die Schüler das Lernen lernen, also wie man an benötigte Information kommt und sich Wissen aneignet.
Gibt es solche Schulen?
Aaron Lahl: Die neue Freie Schule in Verden kommt dem Ideal schon sehr nahe. Dort bestimmen die Schüler jeden Tag ihren Lehrplan selbst. Das funktioniert gut, weil Kinder von Natur aus superneugierig sind. Sie bringen viele Interessen mit in die Schule, sie fragen viel und wollen vieles aufnehmen. Dieses Eigeninteresse der Schüler muss auch nach der Grundschule gefördert werden. Die Realität sieht anders aus: Zwangsbeschulung mit fremdbestimmten Inhalten.
Welche Vision habt ihr?
Jason Best: Die optimale Schule für mich müsste ein Ort der Möglichkeiten sein, ein Lernort, an dem du dich gerne aufhältst, an dem du dich wohl fühlst, an dem du ganz viele Dinge tun kannst, die dich interessieren und Langeweile ein Fremdwort ist. Es gibt keine Lehrer im klassischen Sinne mehr, sondern Lernbegleiter, also Leute, die Angebote schaffen und dich darin unterstützen, das zu lernen, was du wichtig findest. Du kannst aber auch für dich alleine sein oder mit anderen Schülern oder anwesenden Eltern lernen. An diesem Ort wirst du zu nichts gezwungen, die Regeln und Vereinbarungen, die zum Funktionieren dieser Schule als wichtig angesehen werden, werden von den Betroffenen, von den Schülern und von den Lernbegleitern aufgestellt. Die Lernmotivation wird so enorm gefördert und nicht durch zwangsweise Beschulung zerstört. Es entsteht eine neue Lernkultur, du empfindest Lernen nicht als etwas Negatives, das es zu vermeiden gilt, denn Lernen bereichert dein Leben, bietet dir nur Vorteile und macht Freude, denn es geht um richtiges Lernen, nicht um Pauken. Es ist wichtig, wofür du dich interessierst und was du möchtest, deshalb wird es dir auch viel klarer sein. Schule sollte kein grauer Einheitsbrei mit Esszwang sein, sondern wie ein kostenloses Buffet.
Und was ist mit den Noten?
Jason Best: Die gehören abgeschafft, da sie größtenteils nur der Disziplinierung und der Bestrafung der Schüler dienen und eine künstliche Motivationsquelle sind, die die natürliche Neugier eher zerstören als fördern. Besser als einheitliche und nichtssagende Abschlüsse wie das Abitur wäre es, Zertifikate zu vergeben, als Nachweis für bestimmte Kompetenzen, die später auch im Beruf verlangt werden. Zum Beispiel für bestimmte Kenntnisse in Physik oder deine Fähigkeit, Spanisch zu sprechen. Aus solchen normierten Zertifikaten könntest du dir deinen individuellen Abschluss zusammenstellen und ihn jederzeit erweitern. Es geht doch auch um die Fähigkeiten, nicht darum, wie man an diese gelangt ist. Vom Abitur werden viele Jugendliche ausgegrenzt, die vielleicht später mal ganz tolle Techniker und Ingenieure wären, aber die deutsche Sprache nicht so gut beherrschen.
Warum ist Schule so wie sie ist?
Jason Best: Es gibt vermutlich viele Ursachen. Ich schau immer gerne, wo die Schule herkommt, sie ist ja tief verwurzelt in der Schwarzen Pädagogik. Das heißt, es ging früher explizit darum, den Willen der Kinder zu brechen und Gehorsam zu verinnerlichen. Das alles lebt als Erbe im Schulsystem fort und wir müssen noch viel tun, um uns davon zu lösen.
Ist der Schulstreik morgen illegal?
Jason Best: Nein. Der Demonstrationszug vom Bahnhof am Gymnasium am Wall vorbei zum Anita-Augspurg-Platz und zum Rathaus ist von der Polizei genehmigt. Nach unserem Eindruck billigen die Schulen, dass ihre Schüler daran teilnehmen. Auch vielen Lehrern ist daran gelegen, dass sich die verkrusteten Strukturen im Schulsystem ändern. Am Streiktag gibt es weitere Workshops zum Thema Bildung im Verdener Jugendzentrum. Um 20 Uhr beginnt dort ein Konzert. Weitere Informationen im Internet unter www.bildungsstreikverden.tk.



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