Jeden zweiten Sonnabend um 16 Uhr können Touristen und Einheimische jetzt die Stadt auf ungewöhnliche Weise neu entdecken. Die junge, unerschrockene Gret zeigt, wie die Menschen hier im Jahr 1473 gelebt haben. Und das ist nichts für zarte Gemüter: In den engen Gassen gibt es keinerlei Pflasterung. Die Große Straße allein, wo die angesehensten Bürger ihre Häuser und Geschäfte haben, sei im Jahre 1473 bereits befestigt gewesen. Überall sonst musste man auf bloßem Sand laufen und teile die Straße mit den Schafen, Schweinen und Kühen der Bürger.
Das Hirtenhaus an der Stienchenstraße zeugt von der Lösung, die man zur Eindämmung des dabei entstehenden Exkrementenberges fand: Jeden Morgen habe ein Hirte das Vieh vor die Stadt getrieben, und abends kehrte es heim, um mit seiner Körperwärme die Schlafräume behaglicher zu machen. 'Erstunken ist hier schließlich noch niemand', erklärt Gret verschmitzt.
Dass nicht nur der Müll direkt auf die matschigen Steige geworfen, sondern auch das Nachtgeschirr aus dem Fenster über alles, was unten kreucht und fleucht, geleert werde - Gewohnheitssache. 'Man musste eben acht geben', so Gret. Dies zählte sicher nicht zu den ernsteren Gefahren, denen Verdener des Jahres 1473 ausgesetzt waren.
Pranger war noch harmlos
Viel gefährlicher war es, wenn man sich etwas habe zuschulden kommen lassen. Der Pranger vor dem Rathaus sei vergleichsweise harmlos gewesen - schließlich dürften die Bürger als Wurfgeschosse für die angeketteten Übeltäter nur weiche Gegenstände verwenden, wobei der Phantasie keine Grenzen gesetzt waren. Alles Harte sei verboten gewesen, denn geläutert und vor Gott und der Welt rehabilitiert wurde man anschließend in die Gemeinschaft zurückgeführt. Von drastischen Strafen - gestaffelt nach der Schwere des Vergehens - wusste Gret zu berichten. Der Felddieb wurde direkt an der Allerbrücke im Schandkorb getaucht; der Lügner konnte seine Zunge einbüßen und der Dieb die Finger. Für schwere Vergehen war der Tod durchs Beil noch die freundlichste Version: Dieses Urteil führte stets zu Freudenausbrüchen unter den Angehörigen. Denn schlimmer sei das Vierteilen und das Rädern gewesen, wobei als Straferhöhung post mortem oft noch die zerteilten
Überreste den Hunden zum Fraße vorgeworfen wurden. Am schlimmsten aber sei das Erhängen vor der Stadt gewesen: Noch Wochen später konnte jeder mit Fingern auf den Sünder zeigen - die Schande blieb offensichtlich, bis der Leichnam herabfiel.
Unter solchen Erklärungen ging die Tour weiter über die Norderstadt mit Rathaus, Syndikat und altem Klostergemäuer; Gret ließ das muntere Treiben des Wochenmarktes vor dem Auge der Stadtwanderer erstehen und ermöglichte nebenbei einen scheuen 'inneren' Blick in die Folterkammer im Scharfrichterturm. In und um die Kirchen gab es viel Spannendes und Geschichtsträchtiges zu entde-cken, und als Gret die wechselhafte Geschichte des mehrfach abgebrannten und neu erbauten Domes erzählte, begriffen die Zuhörer, dass Geduld damals die erste Bürgerpflicht war: Ehe das Geld zum Weiterbau gesammelt war, konnte auf der Großbaustelle zwischen den Kirchen leicht mal ein Jahrhundert verstreichen!
Wer sich mit Gret ein bisschen Spaß an der Geschichte seiner Heimatstadt gönnen will, finde sich an folgenden Sonnabenden um 16 Uhr vor dem Rathaus ein: 5. und 19. Juni, 3. und 17. Juli, 7. und 21. August, 4. und 18. September, 2. und 16. Oktober. Schulklassen und Erwachsenengruppen können sich unter Telefon 04298/ 403005 zum Wunschtermin anmelden oder sich unter www.rosige-zeiten.com informieren.



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