Bevor die 22 Kinder der Nachmittagsbetreuung in den Wald aufbrechen, hat Blondie im Klassenzimmer ihren Auftritt. Jedoch gibt sich das pelzige Wesen scheu, verkrümelt sich lieber in eine Ecke des kleinen Terrariums. „Nicht anfassen! Sie hat Angst vor euch, weil ihr viel größer seid als sie“, erklärt Kreuels den Kindern, die sich über den gläsernen Käfig beugen. „Blondie glaubt, dass ihr sie fressen wollt. Na ja, wenn wir Ketchup hätten, könnte man sich das ja überlegen“, ergänzt er. Schlagartig verstummt das Gemurmel. Ungläubiges Schweigen herrscht, Entsetzen prägt manches Gesicht.
„War nur ein Scherz! Ich habe übrigens noch zwei weitere Vogelspinnen zu Hause. Sie heißen Thekla und Wilhelm“, ruft der Biologe, der in Münster lebt und auf Einladung der Schule nach Verden gekommen ist. „Außerdem besitze ich rund eine halbe Million Spinnen in Alkohol! Sie dienen Forschungszwecken.“
Faszinierende Achtbeiner
Kreuels hat sich auf Arachnologie (von griechisch arachnion = Spinnengewebe) spezialisiert. „Ich finde Spinnen faszinierend. Ihre Biologie ist kaum erforscht, man weiß wenig über sie – und genau das will ich mit meinen Studien ändern“, umschreibt er seine Intention. Zudem möchte der Spinnen-Profi Vorurteile abbauen und Kindern Wissenwertes über Spinnen vermitteln, von denen es 1000 Arten in Deutschland und rund 40.000 weltweit gibt.
Dazu dient in der Grundschule die Spinnenpuppe „Luise“. Kreuels deutet auf die Fühler. „Wenn da vorn so eine Art Boxhandschuh sitzt, handelt es sich um ein Männchen“, erläutert er den Kindern. Acht starre Augen habe eine Spinne, mit denen sie nach oben, vorn und zur Seite schauen könne. Ohren und Nase im klassischen Sinne fehlen – aber wie riecht und hört eine Spinne dann? Rätselraten im Kinderrund. „Spinnen tun das mit ihren Beinen!“, lautet Kreuels’ Lösung. „Und sie können es sogar besser als wir Menschen!“ Mit solchen Fakten zieht er sein junges Publikum in den Bann und legt rasch nach. „Spinnen haben keine Zähne, sie saugen ihre Opfer aus!“ Und: „Sie können zehn Monate ohne Futter überleben!“ Oder: „Die größte Spinne der Welt, die Riesenkrabbenspinne, misst einen halben Meter! Sie lebt in Laos.“
Verden beherbergt nur kleine Spinnen
Viel, viel kleiner sind die Spinnen, die die Kinder anschließend im Wald aufstöbern. Neben Kreuels sind auch hier Anita Dinter („Ich habe keine Probleme mit Spinnen“), die die Nachmittagsbetreuung leitet, und andere Pädagoginnen dabei. Wieder und wieder saust der Käscher durch Gestrüpp und Gräser. Dann wird der Fund begutachtet. Die Kinder drängeln und schieben, um einen Blick auf die Beute zu erhaschen. Wanzen, Marienkäfer, Kellerasseln und – Spinnen! „Wer will einen Weberknecht? Und wer eine Kugelspinne?“, ruft Kreuels.
Sofort schießen zahlreiche Finger in die Höhe. Isabell (8) ergattert eine Baldachinspinne, Leonie (9) eine Herbstspinne. „Eigentlich habe ich Angst vor Spinnen“, gibt sie zu, während sie das grazile Tierchen in der Becherlupe beobachtet . „Aber irgendwie finde ich sie jetzt doch ganz nett.“ Yusufa (6) ist ebenso begeistert. „Cool“, lautet sein Urteil, als ein Weberknecht auf seinem ausgestreckten Arm einen vergeblichen Fluchtversuch unternimmt.
Angst völlig unbegründet
„Heutzutage fehlt vielen Kindern der direkte Kontakt zu Tieren“, sagt Kreuels. „Es wird ihnen verboten, sie anzufassen.“ Die Folge seien diffuse, oft völlig unbegründete Ängste. „Das Berühren der Tiere hilft, die Natur zu begreifen.“
Hinter ihm rauscht der Käscher ins Gestrüpp. Die tierische Expedition im Stadtwald geht weiter, die kleinen Forscher sind nach wie vor voll bei der Sache. Nur Blondie, die Vogelspinne, lässt das alles kalt. Sie pennt in ihrem Terrarium – womöglich froh, dass nicht mehr sie im Mittelpunkt des kindlichen Interesses steht.



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