Selektion ab Klasse vier, Stillsitzen auf den Stühlen, Zensuren und Sitzenbleiben, Aufteilung des Vormittags in 45-Minuten-Häppchen und starre Stundentafeln, Schulbeginn um acht Uhr früh - alles falsch! Was nicht nur für Generationen von Schülern Gesetz war, sondern auch für die altgedienten Lehrer im 'ältesten Lehrkörper Europas' zum vertrauten Schulalltag gehört, das alles dient, so Struck, eher der Verhinderung des Lernens, weil es jeder wissenschaftlichen Erkenntnis über hirnphysiologische und soziale Lernabläufe trotzt.
Und wenn sich Schulbürokratie und auch viele Lehrer und Eltern noch so ängstlich an das Notensystem klammern: 'Bis zum Alter von 13 Jahren wird nachweislich ohne Notendruck besser gelernt, erst danach können Noten sinnvoll sein.'
Nicht umsonst hätten sich inmitten der Misere des schlechten Abschneidens bei Pisa, Timm & Co die Grundschulen als erfolgreichste Schulen Deutschlands erwiesen - auch deshalb, weil Lehrer dort alles unterrichten müssen und es deshalb auch können. In Kanada und einigen Ländern Europas sei es generell unerwünscht, dass Lehrer in ihre Studienfächern unterrichten: Nur der Lernende könne erfolgreich lehren.
Das deutsche Bildungsprinzip sei es nach wie vor, 'zu belehren und zu bekehren'. Die Bildung von oben herab zeige sich auch in der von allen europäischen Partnern bemängelten 'deutschen Beschämungskultur'als Europameister im Herabwürdigen, Entmutigen, Aussortieren und Abschieben: Struck: 'Die Schulen trennen sich genau dann von den jungen Leuten, wenn es höchste Zeit wäre, mit dem Lernen anzufangen.' Schulversagen sei in dieser Lernkultur der Niederlagen geradezu systemimmanent. In Ländern, in denen alle Kinder bis zum Alter von 14 oder 16 Jahren gemeinsam unterrichtet werden, gebe es keine Möglichkeit, einen missliebigen Schüler loszuwerden - man müsse sich also arrangieren. Zudem lernen Kinder nur zehn Prozent des Stoffes vom Lehrer, mehr als 50 Prozent von den Kameraden. Deshalb sei es nicht nur absurd, die schwächsten Lerner in der Hauptschule im eigenen Saft schmoren zu lassen, sondern ebenso, alle Kinder, die zufällig das gleiche Geburtsjahr haben, in eine Lerngruppe zu stecken. Zumal das Erklären eines Sachverhalts stets den größten Lernerfolg bringe, so dass auch die lernstärkeren oder älteren Schüler vom Miteinander profitieren.
Lernen im Sitzen - grundfalsch! Nur in entspannter, frei gewählter Körperhaltung sei das Gehirn aufnahmebereit. Ein stetiger Rhythmuswechsel von Lernen und Bewegung sei sicherster Garant für einen Lernerfolg. Und es sei auch zeitlich kein Problem, diesen Rhythmus zu organisieren, denn im herkömmlichen Unterricht an deutschen Schulen blieben gerade mal zwei Prozent des in einer Schulstunde vermittelten Stoffes im Gehirn hängen. Jede Minute Toben und Spielen an der frischen Luft potenziere die Ergebnisse des vorhergegangenen und des darauf folgenden Unterrichts.
Am erfolgreichsten gelinge Lernen, wie international prämierte Modell-Schulen bewiesen, wenn jedes Kind seinen Lernprozess selbst gestalte. Weg vom Frontalunterricht, von jahrgangsgebundenen Klassen und Lehrerzentrierung, hin zu offenen Lern-Ateliers mit selbst gewählten Themen und Lern-Tagebüchern, mit langfristigen Projektthemen, mit szenischem Lernen, Theater, Kunst und Musik - und mit einem regelmäßigen Kontakt der Schüler zum Leben der Arbeitswelt. In spätestens 15 Jahren, so Peter Struck, werden auch deutsche Bildungspolitiker eingesehen haben, dass der deutsche Weg des dreigliedrigen Schulsystems, der meterdicken Lehrpläne und der permanenten bürokratischen Kontrolle in eine Gesellschaft ohne Zukunft führt.



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