Anfang des 20. Jahrhunderts war der Tabakarbeiter ein nicht aus der Gesellschaft wegzudenkendes Bestandteil. Der heutige interkontinentale Güterverkehr steckte noch in den Kinderschuhen, und importierte Güter waren einfach zu teuer für die Bevölkerung. Um die Nachfrage nach Zigarren zu befriedigen, bildete sich in Bassum eine regelrechte Tabakindustrie. Um 1900 gab es sogar ein regelmäßiges Tabakarbeiter-Kränzchen zur Mittagszeit.
Der im Jahre 1874 geborene Johann Hermann Bahrs war Sohn eines Bassumer Tabakfabrikanten. Nach seinem Schulabschluss in Bassum schloss er zunächst eine Schneiderlehre ab, anschließend eine zum Zigarrenmacher. Vorerst fuhr er zur See und diente unter anderem auf einem Torpedoboot. Ein Unfall auf See beendete aber seine Marinekarriere. Zurück in Bassum, begann er, in der Tabakindustrie zu arbeiten. Zunächst fertigte er als Zigarrenmacher in Heimarbeit für die Firma Hermann Meyer & Co. am Damm. Um die Jahrhundertwende machte sich der damals 25-Jährige im Hause Dornbusch-Zieseniß selbstständig. Einige Jahre später baute er ein Haus in der Bergstraße und verlegte sein Unternehmen dorthin. Dort produzierte er Zigarren bis ins Jahr 1957.
Edle Zigarren in Handarbeit
Meist wurden die edlen Rauchwaren in Heimarbeit hergestellt und anschließend in einem Lager getrocknet und verpackt. Bahrs beschäftigte viele Behinderte, da das Drehen auch für Menschen mit Gehbehinderungen möglich ist und diese nur selten einem anderem Handwerk nachgehen konnten. Für einen dieser Arbeiter wurde ein kleiner Anbau im Garten errichtet, um ihm ein Dach über dem Kopf zu geben.
An den Prozess der Fertigung erinnert sich der heute 68-jährige Enkel Joachim Bahrs gut: "Der Tabak wurde in eine Form gepresst und dann mit einem wertvollen Tabakblatt, das vorher befeuchtet wurde, gebunden. Nach dem Trocknen wurden sie zugeschnitten und in Kisten auf dem Dachboden eingelagert". Alles geschah in Handarbeit, niemals maschinell.
Schwierig wurde es, als dann der Erste Weltkrieg ausbrach. Die Zigarrenproduktion kam aufgrund von Personal- und Rohstoffmangel fast vollständig zum Erliegen und der Eigentümer selbst wurde zum Wehrdienst eingezogen. Im Zweiten Weltkrieg musste die Produktion nicht eingestellt werden - im Gegenteil, es gab eine Pflichtabgabe von 5000 Zigarren pro Monat an die Wehrmacht.
Kurz nach dem Krieg wurden sämtliche Lagerbestände gegen Lebensmittel eingetauscht und es dauerte einige Zeit, bis sich das Geschäft erholt hatte. Die Konkurrenz in Bremen, wo seit Mitte des 19. Jahrhunderts mehr als 200 Zigarrenfabriken entstanden waren, schrumpfte deutlich aufgrund der Bombardements während des Krieges. Und das kam Bassum zugute. Die Produktion wurde bis in die 1950er-Jahre weitergeführt. Bis sich das Geschäft aufgrund hoher Zölle nicht mehr lohnte. "Wenn damals der Zollbeamte kam, war das ein großes Ereignis. Das kam einer kleinen Inventur gleich" erklärt Bahrs.
Ganz wollte sich die Familie Bahrs aber nicht aus dem Geschäft verabschieden und so wurde der Zigarrengroßhandel Joh. H. Bahrs & Sohn gegründet, der bis Anfang der 1960er-Jahre bestand hatte. Joachim Bahrs erinnert sich an diese Zeit: "Damals, als ich fünf Jahre alt war, schenkte mir mein Großvater eine große Zigarre. Als ich stolz das Lager verließ und meine Mutter sie sah, bekam ich eine Ohrfeige. Für meinen Großvater waren rauchende Kinder nichts Ungewöhnliches" Mit 14 fuhr Joachim Bahrs regelmäßig mit dem Mofa Lieferungen für seinen Vater Johann Albert bis nach Bruchhausen-Vilsen.
Im Jahr 1961 starb Johann Hermann Bahrs als Vater von sechs Kindern, wenige Jahre nach der diamantenen Hochzeit mit seiner Frau Johanne. Zu dieser Zeit war er einer der bekanntesten Bürger Bassums. Das Haus, in dem sich früher Zigarrenkästen bis an die Decke türmten, wechselte vor mehr als 20 Jahren die Besitzer; die Familie Bahrs verstreute sich von Achim bis Süddeutschland. Mit Johann Hermann Bahrs endete auch die hundertjährige Epoche der Bassumer Zigarren, die seit Anfang des Jahrhunderts Schritt für Schritt von der Zigarette verdrängt wurde und heute ein Symbol für Wohlstand, Reichtum und besondere Anlässe darstellt.


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