Gutachter Wolfgang Plücker hat alles durchgerechnet. Doch die Zahlen, die am Ende in seiner Struktur- und Wirtschaftlichkeitsanalyse herausspringen, dürften im Landkreis Diepholz für Ernüchterung sorgen. Viel Hoffnung auf eine baldige Wiedereröffnung der Geburtshilfe am Bassumer Klinikum machen die Daten, Fakten und Bewertungen des Gutachtens nämlich nicht. So könnte schon heute das letzte Kind regulär im Landkreis geboren werden. Es sei denn, Politik und Alexianer setzen sich über die reine Wirtschaftlichkeit in der Frage der Geburtshilfe hinweg. Fünf Szenarien hat Gutachter Plücker von der DKI GmbH beleuchtet.
Szenario 1: An der Bassumer Klinik wird eine Hauptabteilung Gynäkologie/Geburtshilfe etabliert. In einer Hauptabteilung wäre das Stammpersonal fest angestellt. Keine günstige Variante, wie Plücker ermittelt hat. Rechnerisch wären demzufolge 7,85 Vollzeit-Ärzte notwendig, dazu 10,24 Vollzeit-Pflegekräfte und 5,21 Vollzeit-Hebammen. Macht also mindestens 23 Stellen, die finanziert werden müssten, um eine Versorgung rund um die Uhr zu gewährleisten. Doch selbst bei einer 100-prozentigen Auslastung der zurzeit aufgestellten Betten würden sich aus dem regulären Betrieb heraus (sogenannte DRG-Anteile) nur 14 Stellen refinanzieren lassen. Und: "Mit 14 Vollkräften ist eine Hauptabteilung nicht zu betreiben", schreibt Plücker in dem Gutachten.
Notwendig seien eigentlich 3200 gynäkologische und geburtshilfliche Fälle in Bassum, um eine Refinanzierung zu erreichen, heißt es im Gutachten weiter. Das wäre eine Fallsteigerung um 330 Prozent im Vergleich zu 2011. Um 3200 Fälle bei einer durchschnittlichen Verweildauer von dreieinhalb Tagen zu versorgen, müssten wiederum 30 Betten aufgestellt werden. Aber alleine um die bestehende Bettenkapazität voll auszulasten, müssten doppelt so viele Frauen in Bassum behandelt werden wie bisher.
Das sind aber alles Annahmen, die mit der Realität wenig zu tun haben, wie es im zusammenfassenden Urteil heißt. Die Etablierung einer Hauptabteilung für Gynäkologie/Geburtshilfe würde somit eine "dauerhafte Subventionierung beziehungsweise Querfinanzierung" erfordern. Auch sei nicht zu erwarten, dass sich überhaupt die errechneten 7,85 Fachärzte finden lassen.
Szenario 2: In Bassum wird eine reine Hauptabteilung Gynäkologie eingerichtet. Hier wären laut Gutachten 6,6 Vollzeit-Ärzte und 7,6 Vollzeit-Pflegekräfte erforderlich. Doch selbst bei einer 100-Prozent-Auslastung der gynäkologischen Betten ließen sich nur 3,3 Vollzeitkräfte finanzieren. Zu wenig für eine Hauptabteilung. Um die Personalkosten von rund fünf Millionen Euro hereinzubekommen, wären 2150 gynäkologische Fälle (ohne Geburten) zu erreichen. Aktuell sind es gerade einmal um die 170 im Jahr. Wieder ergäben sich die gleichen Probleme: Zu niedrige tatsächliche Auslastung, zu hohe Kosten, zu wenig Ärzte.
Szenario 3: Die Gründung einer Hauptabteilung Gynäkologie plus eine Geburtshilfe mit Beleghebammen. Auch hier ergeben sich laut Gutachten keine "Erlössprünge" gegenüber den anderen Szenarien. "Die bereits ausgewiesenen Kosten für den Arzt- und Pflegedienst müssen unverändert über nicht zu realisierende Fallzahlsteigerungen erwirtschaftet werden", urteilt Gutachter Plücker. Die Beleghebammen würden ihre Leistungen in dem Fall gesondert abrechnen, was zu weiteren Kosten in Höhe von rund 90000 Euro führen würde. Die im Szenario 3 erforderlichen 7,8 vollen Arztstellen seien aufgrund der Situation am Markt ebenfalls nicht zu besetzen.
Szenario 4: Eine Mischform aus Haupt- und Belegabteilung. Hier müssten zwar nur 5,15 Vollzeit-Arztstellen besetzt werden. Doch die Mischkalkulation dürfte auch hier nicht aufgehen. Es wären zum Beispiel 400 Geburten und 900 gynäkologische Fälle erforderlich, oder aber 600 Geburten und 760 gynäkologische Fälle. Eine Geburtenzahlsteigerung um bis zu 50 Prozent hält Plücker aber für ebenso unwahrscheinlich wie eine deutliche Steigerung der gynäkologischen Fälle. Ein weiterer Aspekt kommt hinzu, der gegen Szenario 4 spricht: die Wettbewerbssituation. Eine Reihe niedergelassener Ärzte würde unverändert ihre Patientinnen in andere Krankenhäuser überweisen, um sie nicht an die behandelnden Belegärzte zu verlieren, heißt es in dem Gutachten.
Szenario 5: Die Einrichtung eines Geburtshauses. Diese Variante wird abgelehnt, weil sie "nur über die absolute Nähe zu einem Krankenhaus" mit gynäkologischem Fachstandard möglich wäre. Eine ärztliche Versorgung rund um die Uhr sei auch bei als unkompliziert geltenden Geburten notwendig, so das Gutachten. Neueste Untersuchungen hätten ergeben, dass bei etwa zehn Prozent der "unproblematischen" Geburten doch Komplikationen entstehen, die das Eingreifen eines Mediziners erfordern.
Landrat Cord Bockhop will sich zum Gutachten vorerst nicht im Detail äußern: "Ich möchte keine politische Bewertung vorwegnehmen, dazu ist der Ausschuss da", betont er. Der Ausschuss für Jugend, Gesundheit und Soziales tagt heute ab 16 Uhr im Twistringer Rathaus. Wenige Stunden später schließt, wie berichtet, die Geburtshilfe am Bassumer Krankenhaus. Vorerst - und mindestens bis Anfang 2013.


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