Fast eine Stunde mit dem Auto musste die werdende Mutter zum nächstgelegenen Kreißsaal fahren. Sie kam rechtzeitig an, weil die Frauenärztin sie vorwarnte. Der Vater jedoch verpasste die Geburt seines zweiten Kindes, weil der Weg zum Kreißsaal zu weit war. "Wenn ich erst zu Hause losgefahren wäre, als die Wehen deutlich spürbar waren, hätte ich es nicht mehr geschafft", sagt die 29-jährige Mutter. "Das ist unverantwortlich."
Die nahe an Wiegmanns Wohnort gelegene Geburtshilfe in Bassum hatte im Dezember schließen müssen, weil die Fachärzte fehlten. Es handelte sich um eine sogenannte Belegstation, auf der Gynäkologen aus dem Umkreis Schichten übernehmen. Doch wegen der hohen Belastung sei das für die Mediziner wenig lukrativ, erläutert Brigitte Bösch, die als kaufmännische Direktorin vom St.-Ansgar-Klinikverbund auch für Bassum zuständig ist.
Ein Landkreis ohne Entbindungsstation - in Niedersachsen ist das nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Hannover zwar ein Sonderfall. Doch auch in der Lüneburger Heide sowie in anderen bevölkerungsarmen Gegenden müssen Schwangere mehr als eine halbe Stunde Fahrzeit bis zur nächsten Geburtsklinik in Kauf nehmen. Damit liegt Niedersachsen im Bundestrend.
Zahl nimmt kontinuierlich ab
Die Zahl der Entbindungsstationen in Deutschland nimmt seit Jahren kontinuierlich ab. Während es im Jahr 2000 noch 670 von ihnen gegeben habe, seien es 2010 nur noch 453 gewesen, sagte Moritz Quiske von der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Dafür verantwortlich seien neben den sinkenden Geburtszahlen vor allem die hohen Kosten für diese Abteilungen, da zum Beispiel immer ein OP-Team anwesend sein muss, auch wenn es bei vielen Geburten nicht gebraucht wird.
Die Leidtragenden des Geburtsklinik-sterbens sind in erster Linie natürlich die Frauen. Doch auch das Gesundheitssystem wird dadurch stärker belastet. Ärzte schicken Hochschwangere wegen der langen Anfahrtwege lieber früher ins Krankenhaus, um kein Risiko einzugehen. "Die Konsequenz ist, dass mehr Geburten eingeleitet oder Kaiserschnitte gemacht werden", sagt Heidi Giersberg, die als freiberufliche Hebamme im Kreis Diepholz arbeitet. "Das geht auf Kosten der Patientinnen."
"Unter einer bestimmten Zahl von Entbindungen sinkt die Sicherheit für Mutter und Kind", sagt Susanna Kramarz von der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Denn auf kleinen Stationen sei das Personal nicht so routiniert, sodass dort eher Fehler passierten, wenn es zu Komplikationen komme. "Da ist es besser, die Frau fährt eine Stunde in eine Klinik und ist da gut versorgt."
Die Hebammen im Kreis Diepholz kämpfen für den Erhalt der Station in Bassum. Unterstützung bekommen sie von einer Bürgerinitiative. Auch der Landkreis, mit 48 Prozent am Klinikverbund beteiligt, hat die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben. Die Kreisverwaltung sucht händeringend nach Fachärzten - und hat deshalb alle niedergelassenen Gynäkologen und sogar einige Ruheständler in der Region angeschrieben. "Wir haben versucht, alle Strohhalme zu greifen", erläutert der Erste Kreisrat Wolfram van Lessen.
Landrat Cord Bockhop hat sogar selbst zum Telefonhörer gegriffen, um Ärzte nach ihrer Bereitschaft zu einer Mitarbeit in einer Geburtshilfestation zu befragen. Das Ergebnis: Acht Gynäkologen sind bereit. "Allerdings zu sehr unterschiedlichen Bedingungen", wie Bockhop betont. Auch der Klinikverbund ist alles andere als zuversichtlich. Bisher hätten sich nicht genug Ärzte gemeldet, die Schichten auf der Station übernehmen wollen, sagt Bösch.
Am 15. Februar gibt es einen Runden Tisch mit allen Beteiligten zum Thema Geburtshilfe. Einen Tag später wird sich der Ausschuss für Jugend, Gesundheit und Soziales mit der Situation befassen. Am 27. Februar soll dann der Kreistag eine endgültige Entscheidung treffen, ob es eine zweite Chance für die Geburtshilfe in Bassum geben kann.
Am Krankenhaus wird zurzeit gebaut, bislang ist dort auch eine neue Geburtshilfestation geplant. Allerdings hat der Klinikverbund beim niedersächsischen Gesundheitsministerium nach Informationen dieser Zeitung inzwischen einen "Plan B" eingereicht - den Antrag zum Bau einer allgemeinen Station. Damit würde Diepholz der einzige Landkreis in Niedersachsen ohne eigene Geburtshilfe bleiben.



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