Weyhe. Welche Gegenstände schwimmen wohl auf der Wasseroberfläche? Mit angestrengten Gesichtsausdrücken hantieren Mia, Marcel und Hana aus der Fizzli Puzzli-Gruppe im Kindergarten Weyhe-Mitte mit Tannenzapfen, Stöcken und Kastanien in einer mit Wasser gefüllten Wanne. Aus einer anderen Schüssel zieht Mia ein Holz-Schiffchen mit einem Blatt als Segel. Kritisch beäugt sie das Konstrukt, setzt es aber schließlich in die Wanne - und freut sich: Das Schiffchen schwimmt.
Bei Experimenten wie diesen können die Kinder der insgesamt sieben kommunalen Kindergärten der Gemeinde Weyhe täglich ihre Neugier ausleben. Sie gehören zu den Verbesserungen im Bildungsbereich der Einrichtungen, die von den Erzieherinnen im Rahmen eines Zertifizierungsprogrammes erarbeitet wurden. Quecc heißt das Programm, nach dem die Kindergärten zunächst bewertet und ausgezeichnet wurden. Die Abkürzung steht für Quality for Education and Child Care - Qualität für Bildung und Kinderbetreuung also.
"Bei dem Programm geht es darum, das, was normalerweise erst in der Grundschule passiert, in den Kindergarten vorzuziehen", erklärt Thomas Bialluch, Projektleiter der Qualitätsentwicklung in der Gemeinde. In den Bereichen Mathematik, Naturwissenschaft und Umwelt, Körper und Bewegung, Kunst, Ästhetik und Kreativität, Musik und Tanz, Sprache, Kommunikation und Umgang mit Büchern sowie Soziales Lernen sollen die Kinder bereits im Kindergartenalter gefördert werden.
Insgesamt 15 Gruppen, also rund die Hälfte aller vorhandenen Kindergartengruppen in Weyhe, haben offiziell an dem Quecc-Programm teilgenommen, die anderen Gruppen haben den Prozess inoffiziell mitgemacht. Anhand eines Quecc-Bewertungskataloges haben die Erzieherinnen Anfang 2009 zunächst eine interne Bewertung vorgenommen. "Die Fragen lauteten: Was machen wir in Sachen Bildung, und was können wir noch verbessern?", so Bialluch. Auf letztere Frage fiel den Erzieherinnen einiges ein.
"Lern-Ecken" lautet das Stichwort. Alle Gruppenräume wurden in verschiedene Bereiche aufgeteilt, in denen die verschiedenen Bildungsbereiche untergebracht sind. In der Literatur-Ecke der Löwengruppe im Kindergarten Lahausen blättern gerade zwei Mädchen durch die Bücher. In der Mathe-Ecke tastet sich eine Kindergruppe mit bunten Holzwürfeln an Zahlen und Mengen heran. Neue Wörter übt ein Mädchen gerade am Laptop der Schreibwerkstatt. Im Gruppenraum nebenan lauscht ein Junge dem Klackern einer Schreibmaschine und schaut dabei auf eines der vielen Bilder alltäglicher Gegenstände mit ihren ausgeschriebenen Namen, die überall im Raum angeklebt sind. In der Forscher-Ecke beobachten einige Kinder, wie Kresse wächst. Zwei Mädchen experimentieren in der Mal-Ecken mit Farben, während in der Musik-Ecke Pascal, Singa, Aynur und Dominik spontan eine Band gründen.
"Die verschiedenen Bildungsbereiche müssen in jeden Kindergarten vorhanden sein, und das Material dafür muss den Kindern frei zugänglich sein. Jedes Kind kann selbst entscheiden, wann es sich mit was beschäftigen möchte", sagt Bialluch. "Der Mensch lernt nie wieder so schnell wie in den ersten sechs Jahren. Da hat es mehr Sinn, die Kinder auf die Schule vorzubereiten, anstatt später mühsam Stoff nachzuholen. Wir wollen Chancen ermöglichen."
Dies geschehe, indem man den älteren Kindern Herausforderungen stelle und denen, die noch nicht so weit sind, neue Zugänge zu Bildung zeige. "Wer einfach spielen möchte, kann das aber auch tun", so Bialluch. "Es geht nicht um Zwangsbildung." Es gehe auch nicht darum, zum gemeinsamen Schulstart die Bildungsunterschiede zwischen den Kindern zu vergrößern, sondern anzuerkennen, dass Kinder eben unterschiedlich seien.
Das Konzept hat sich bezahlt gemacht. Drei Jahre nach dem Beginn des Programms haben alle 15 Kindergartengruppen bei der abschließenden externen Überprüfung und Bewertung durch Quecc ein gutes bis sehr gutes Ergebnis erzielt. Am vergangenen Freitag haben die Einrichtungen bei einer Abschlussveranstaltung im Rathaus ihre Zertifikate bekommen. "Erst hatten wir Sorgen, wie das Konzept mit den Lern-Ecken funktionieren soll, und ob das nicht zu viel für einen Gruppenraum wird", sagt Liesel Hagemann-Stengel, Erzieherin in der Löwengruppe des Kindergartens Lahausen. "Aber das Gegenteil ist der Fall. Der Raum ist durch die verschiedenen Ecken klar strukturiert und hat einen starken Aufforderungscharakter." Auch an den Kindern selbst spüren die Erzieherinnen Veränderungen. "Die Altersgrenzen verschieben sich langsam. Jetzt haben wir schon Dreieinhalbjährige, die ihren Namen schreiben können", so Hagemann-Stengel. "Man bekommt auch deutlicher mit, welches Kind welche Talente hat."
Eine "Heidenarbeit" sei die Umgestaltung der Gruppenräume in Lern-Ecken gewesen, sagt Silke Koss, stellvertretende Leiterin des Kindergartens Weyhe-Mitte. Doch das habe sich gelohnt: "Ich sehe, welches Kind sich am liebsten in welcher Ecke beschäftigt und kann das an seine Eltern weitergeben. So kann man die Kinder gezielter fördern." Für Hana, Mia und Marcel ist der Fall klar: "Am besten ist die Forscher-Ecke", sagen sie im Chor und probieren, ob Baumrinde wohl schwimmen kann.


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