Diakonie Himmelsthür will in der ganzen Region dezentrale Wohneinheiten für behinderte Menschen schaffen

 - 18.08.2011

Vom Stadtrand in die Gesellschaft

Von UTE WINSEMANN
Wildeshausen. Raus aus der Sonderwelt, rein in die Gesellschaft: Innerhalb von zehn Jahren sollen knapp zwei Drittel der Menschen, die von der Diakonie Himmelsthür in Wildeshausen betreut werden, nicht mehr auf dem bisherigen Kerngelände am Stadtrand leben, sondern in verschiedenen dezentralen Wohneinheiten in der gesamten Region. Ein Anfang wurde zum Jahreswechsel mit der Umwandlung des ehemaligen Hotels "Am Rathaus" gemacht. Nun folgt das nächste Projekt, ein Neubau an der Harpstedter Straße.

"Die Sicht auf Behinderung hat sich komplett geändert", begründet die stellvertretende Regionalgeschäftsführerin Birgit Hopp das Gesamtvorhaben. Spätestens seit der 2006 von den Vereinten Nationen verabschiedeten Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen sei das nicht mehr zu übersehen. Behinderte sollen nicht länger an den Rand der Gesellschaft geschoben werden, sondern mittendrin an allem teilhaben. Schließlich sei auch die Behinderung ja gar nicht nur in der jeweiligen Person angelegt, sondern hänge auch von den Bedingungen in ihrer Umgebung ab. Ein Rollstuhlfahrer, der einen hohen Bordstein nicht überwinden kann, werde erst von diesem Bordstein in seiner Mobilität behindert, nennt Hopp ein plastisches Beispiel.

Das Ziel soll 2019 erreicht werden

Aus solchen Überlegungen heraus hätten sich viele Träger von Behinderten-Einrichtungen entschlossen, "dem Wunsch nach anderen Lebensbedingungen zu entsprechen". Kleinere Einheiten hätten "nicht so einen Heimcharakter", sagt Hopp, und es ergäben sich leichter Kontakte zwischen den Bewohnern und nicht behinderten Menschen, von den Nachbarn bis zum Personal im Supermarkt um die Ecke. Also hat sich die Diakonie Himmelsthür gegenüber der "Aktion Mensch" verpflichtet, von bislang 404 Plätzen auf dem Gelände der ehemaligen Lungenheilstätte 264 umzuwandeln. Die Vereinbarung wurde 2009 geschlossen, bis 2019 soll das Ziel erreicht sein.

Seit dem Jahreswechsel gibt es bereits 18 Plätze außerhalb. An der Kleinen Straße wurden mehrere kleine Wohngemeinschaften eingerichtet. Dank der Hotel-Vergangenheit der beiden Gebäude haben alle Zimmer ein eigenes Bad. Je zwei bis vier Bewohner nutzen gemeinsam eine Küche. Der letzte Platz wird laut Hopp gerade bezogen, dann ist dieses Angebot voll belegt.

Das nächste soll voraussichtlich in einem Jahr bezugsreif sein. Gerade hat die Diakonie die Baugenehmigung für vier Reihenhäuser auf einem früher der Telekom gehörenden Gelände an der Harpstedter Straße erhalten. Derzeit läuft die Ausschreibung für die Bauarbeiten. Voraussichtlich Mitte Oktober sollen die Bagger anrollen. Und noch in diesem Jahr ist das Richtfest angepeilt - wenn denn das Wetter mitspielt. Der Plan sei "ambitioniert, aber realistisch", meint Hopp. Und falls es sich doch etwas verzögern sollte, sei das zwar ärgerlich, aber nicht weiter schlimm, weil es für die bisherigen Wohneinheiten auf dem Kerngelände keine Nachnutzung gebe und somit auch keinen Druck.

Die vier Häuser sollen 24 Menschen mit leichtem bis mittlerem Unterstützungsbedarf ein neues Zuhause bieten. Die Sechser-Wohngemeinschaften verfügen jeweils über eine gemeinsame Küche sowie einen Ess- und Wohnraum. Alle Bewohner haben ihre eigenen Zimmer, je zwei teilen sich ein Bad.

Für das 1,28 Millionen Euro teure Bauvorhaben erhalte die Diakonie einen Zuschuss vom niedersächsischen Integrationsamt im Umfang von 22,2 Prozent der Bausumme, erläutert der kaufmännische Assistent Tim Krause. Weitere 44,4 Prozent stelle die- selbe Stelle als zinsgünstiges Darlehen zur Verfügung. Das Geld stamme aus der Ausgleichsabgabe, die Arbeitgeber zahlen müssen, wenn sie weniger als den vorgesehenen Anteil an behinderten Menschen beschäftigen. Für das restliche Drittel muss die Diakonie dagegen selbst aufkommen. Abgedeckt wird es letztlich aus dem sogenannten Investitionsbetrag, der in den Unterbringungs-Gebühren enthalten ist.

Das nächste Vorhaben wird voraussichtlich in Hatten-Sandkrug realisiert. Dort gibt es einen Elternverein, der sich eine ortsnahe Wohnmöglichkeit für die erwachsen gewordenen behinderten Kinder wünscht. Mit ihm zusammen will die Diakonie einen Neubau für zwölf Bewohner errichten.

Weitere konkrete Pläne gibt es nach Hopps Angaben bislang noch nicht. Es werde eifrig nach geeigneten Objekten oder Grundstücken Ausschau gehalten. Aber es ist offenbar nicht einfach, den eigenen Kriterien und denen der "Aktion Mensch" zu genügen. Unter anderem sollen die neuen Standorte eher zentral gelegen sein, damit etwa Geschäfte für den alltäglichen Bedarf und Ärzte fußläufig zu erreichen sind. Auch eine gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr ist gewünscht. Andererseits soll aber die nächste stationäre Einrichtung - nicht nur für behinderte Menschen, sondern beispielsweise auch Altenheime - mindestens 500 Meter entfernt sein, damit nicht aus der Auflösung des einen Ghettos heraus gleich das nächste entsteht.

Zudem sollen die einzelnen Wohnprojekte möglichst so angelegt sein, dass sie sich für Menschen mit sehr unterschiedlichem Unterstützungsbedarf eignen. Die an der Harpstedter Straße vorgesehene Beschränkung auf leichte bis mittlere Assistenz hänge mit der Finanzierung dieses konkreten Projekts zusammen, erklärt Hopp, das solle aber eher die Ausnahme bleiben.

Grundsätzlich gilt, dass es die Betreuung nicht mehr wie im Heim quasi von der Stange gibt. Vielmehr soll sie sehr viel stärker an den Fähigkeiten und Bedürfnissen der Einzelnen ausgerichtet werden. An der Kleinen Straße etwa gingen alle Bewohner tagsüber einer Beschäftigung nach, schildert Hopp. Der Diakonie-Mitarbeiter komme kurz vor Feierabend und sei da, wenn sie zu Hause eintrudeln. Am Wochenende sei ebenfalls ein Betreuer anwesend. Und nachts gebe es eine Rufbereitschaft, die mit einem einzigen Tastendruck auf den in allen Zimmern vorhandenen Telefonen zu erreichen sei. Für die Betreuungskräfte gibt es ein Büro. Idealerweise solle das aber nur dazu dienen, den unvermeidbaren Papierkram abzuwickeln, beschreibt Hopp. Ansonsten gehe es darum, den Bewohnern da zur Seite zu stehen, wo es nötig ist. Gemeinsam einkaufen gehen, kochen, abwaschen, putzen, Wäsche waschen, kleine Konflikte klären - eben all das was auch in "normalen" Haushalten so anliegt.

Grundsätzlich stünden die Ressourcen der Menschen im Vordergrund. Wer sich etwa sein Essen allein oder mit Hilfe zubereiten kann, der soll das auch tun. Wer damit jedoch überfordert ist, bekommt seine Mahlzeiten selbstverständlich genauso auf den Tisch wie in einem großen Heim. Das sei zwar eine "logistische Herausforderung", vor allem für die Dienstplanung, findet Hopp. Aber es sei ebenso machbar wie erstrebenswert. "Die Menschen müssen wieder Regie in ihrem eigenen Leben führen", beschreibt sie es, "das ist ihnen beim ,all inclusive' oft ein bisschen abhanden gekommen."





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