Schneider und ihre sechs Mittagsgäste wohnen in der Ökologischen Siedlung in Lilienthal. Seit 1998 prägen die Holzhäuser mit bunten Fensterrahmen das Bild zwischen den Straßen Im Ökodorf, Gertrud Scheene-Straße und Peter-Sonnenschein-Straße. Rund 100 Menschen leben hier, verteilt auf neun Baufenster. Jedes davon präsentiert sich mit einem eigenen Gesicht. Da, wo die Siedlung ihren Anfang nahm, sitzen sie an diesem Tag um die gedeckte Tafel - im sogenannten Kerngehäuse.
Ein Haus schmiegt sich dort ans andere. Sie stehen im Halbrund, sind blau, rot und gelb gestrichen, wie Augen sehen die Fensterrahmen auf den gewundenen Rotklinkerweg, der seine Arme zu jedem Haus hin schiebt. Vor den Türen und Terrassen wiegen sich Bambus, Sonnenblumen und Cosmea im Wind. Hier ist es ruhig. Autos müssen draußen bleiben.
Drinnen schwingt das Tischgespräch hin und her zwischen dem Beinbruch der Siedlungsmitbegründerin Anneliese Sahr, ökologischen Waschkugeln und Wäschetrocknern. Gundula Piltz erzählt vom neuen Philosophie-Gesprächskreis, den sie initiiert hat. 'Das wusste ich nicht', sagt ihr Tischnachbar Eike Ballerstedt interessiert. Zum nächsten Treffen will er kommen. Einen Literaturkreis gibt es auch im Ökodorf. 'Für Leute, die gerne lesen', so Piltz, eine Ökodorflerin der ersten Stunde, die im Kerngehäuse wohnt. Ballerstedt und seine Frau zogen erst 1998 in die Siedlung. Sie wohnen im Baufenster A, da wo Gras auf den Dächern der Reihen- und Doppelhäuser wächst. Ballerstedts Terrasse grenzt an das 'Grabeland' - kleine Parzellen in Gemeindeeigentum, die von einigen aus der Siedlung, die sich in der Grabelandgruppe organisieren, bewirtschaftet werden.
Ballerstedt schwärmt vom Konzept der Siedlung, von den kleinen Grundstücken und den 'relativ vielen Freiflächen, die den Eindruck von Freiraum zwischen den Häusern vermitteln.' Der Preis dafür sei, 'dass die Autos auf einem Haufen stehen'. Parken müssen Bewohner und deren Gäste auf Sammelparkplätzen am Rande der Siedlung. 'Autoabstinente Familien gibt es wenig', ergänzt seine Frau Marianne. Ganz ohne Auto wäre auch das Paar nicht gekommen.
'Es gibt einige, die haben ein gesellschaftliches Leben', erzählt Ballerstedt über den Siedlungsverein 'Lebensraum Lilienthal', die verschiedenen Gruppen und Freundschaften in der Ökologischen Siedlung. Seine Frau meint: 'Aber es gibt auch andere Stimmen - Leute, die zum Meckern zur Vereinsversammlung kommen.' Wie alle Wohneigentümer der Siedlung gehören Piltz und die Ballerstedts dem 1991 gegründeten Verein 'Lebensraum Lilienthal' an. Aktiv sind aber nicht alle. 'Soziale Interaktion ist ein Geben und Nehmen', meint Ballerstedt. Nicht jedem gelinge das.
'Wir haben mit gegründet', erzählen Gundula Piltz und Peter Faulde wenige Tage später im Gemeinschaftsraum der Siedlung im Kerngehäuse, der auch Gemeinschaftseigentum ist. Früher lebte Peter Faulde noch in Huchting. 1990 las seine Frau in der Zeitung, dass drei Bremer die Idee hatten, im Hollerland eine ökologische Siedlung zu gründen und Vereinsmitglieder suchten. Im gleichen Jahr ging daraus der Verein 'Raum und Leben' hervor, der ökologische Siedlungsprojekte in Bremen und umzu vorantreiben wollte. Bei den Ortsämtern in der Bremer Umgebung warb er für die Idee. Die Fauldes waren mit dabei. Piltz hörte einen der Vorträge. Resonanz aus Lilienthal bewirkte, dass eine Gruppe beschloss, gemeinsam in der Wümmekommune zu bauen. Am 30. Juni 1991 wurde deshalb der Verein 'Lebensraum Lilienthal' gegründet. 30 Mitglieder zahlten je 4000 Mark ein. Faulde leitete zehn Jahre als erster Vorsitzender den Verein, Piltz führte zehn Jahre die Kasse.
Veranstaltungen mit Architekten folgten und die Arbeit am Bebauungsplan. Die Gemeinde als Partner sei aufgeschlossen gewesen, ließ den Verein daran mitwirken. Das Resultat: Regenwasserzisternen, keine Zäune, eine autofreie Straße und Häuser, die direkt an der Straße stehen, wie an einer dänischen Dorfstraße.
'Ökologie heißt Energie sparen', sagt Faulde. Das geht für ihn über Niedrigenergiehäuser hinaus, erklärt auch die Lage der Siedlung - dicht am Ortszentrum, eingebettet zwischen der Moorhauser und der Falkenberger Landstraße. Da brauche es eben nicht zwei Autos für Mann und Frau, damit die 30 Kilometer zur Arbeit und zum Einkaufen fahren. Hier stimme die Infrastruktur: Einkaufen, Arzt oder Bus - alles ist da.
Aber nicht alles entwickelte sich wie geplant. 'Es hat eine Eigendynamik gekriegt.' Nur das Kerngehäuse entstand als Ganzes, dem Gründer-Ideal entsprechend: Gemeinsam planen, gemeinsam bauen, gemeinsam wohnen. 'Wir waren da zu optimistisch', sagt Faulde. Das hat nach Ansicht von Gundula Piltz auch mit der Zeit zu tun. Bis die Umgehungsstraße geplant und die Bebauungspläne entwickelt waren, zogen die Jahre ins Land. Trennungen oder Kinder - die Lebensumstände veränderten sich, viele Interessenten 'bröckelten' ab. Von den 30 Gründungsmitgliedern blieben nur sechs übrig.
Faulde blättert in der Siedlungschronik. Zwischen Ordnerdeckeln drängen sich Vereinsprotokolle, Pläne und Bilder. Er tippt auf ein Blatt und sagt: '1996 kaufte der Verein das Grundstück, Grundsteinlegung war am 5. September 1997.' Piltz zog drei Monate später als erste im Kerngehäuse ein. Dass in der Bauzeit jeder seine Kompetenzen eingebracht habe, davon schwärmt sie noch heute. Einer verhandelte, eine machte die Abrechnung mit dem Architekten, die nächste kontrollierte täglich den Baufortschritt, verhinderte beispielsweise, dass Piltz? Haustür auf der falschen Seite landete. Das habe sie enger zusammengeschweißt.
Anfangs war nicht jeder von der Siedlung begeistert, erzählt Faulde. 'Holzhütten, Bretterbuden' hatten die Nachbarn die ungestrichenen Häuser genannt. Die Siedler luden sie ein, stellten ihre Ideen vor. 'Aber wir sind schon manchmal schief angeguckt worden.' Inzwischen haben sich die Berührungsängste gelegt.
In einer Gruppe von Leuten alt zu werden, die sich kennen - das war für die Fauldes neben der Ökologie der Antrieb, sich für die Siedlung zu engagieren. Dafür pflegen sie heute die Gemeinschaft, genau wie Piltz und die Mittagsrunde. Zwischen Suppe und 'Hüftgold' schwärmten sie dort von der Hilfe füreinander. Berit Meyer zog mit Mann und zwei kleinen Söhnen 2002 in die Siedlung. 'Es war Liebe auf den ersten Blick.' Sie hat es nie bereut. Mit drei stapfte der jüngere Sohn schon alleine durch die Siedlung, und jeder habe ein Auge drauf gehabt. 'Es ist eine Aufmerksamkeit und Fürsorge.'
Gegen der Pflichtmitgliedschaft im Verein hatte Marianne Ballerstedt anfangs Bedenken. 'Es ging darum, dass man auch genau die Menge Gemeinschaft hat, die man möchte.' Nun eröffnet sie begeistert die Geschichte vom Wasserschaden, und jeder steuert eine Episode dazu bei, wie bei einer verreisten Familie das Wasser zur Tür herauslief. 'Alle, die da waren, haben das Haus getrocknet.' Die Nachbarn putzten, föhnten Briefe, wuschen Kindersachen während die Familie noch auf dem Rückweg war. Selbst ein Ausweichquartier fand sich in der Siedlung.
Nicht jeder legt Wert auf so viel Miteinander. Christiane Zeidler schätzt ihre Ruhe. Vor gut zwölf Jahren hatte sie sich bewusst für ihr jetziges Domizil entschieden, als ein Bauträger zu ihr sagte: 'Gehen Sie doch nach nebenan, da bauen sie was Buntes.' Sie mochte sofort das Wohngefühl in der Siedlung und im Holzhaus. Die Fensterrahmen hat sie gerade von Königsblau in Meergrün umgestrichen. 'So sein zu dürfen, wie wir sind' - das schätzt sie an ihrem Umfeld. Nur für intensive Kontakte und Verpflichtungen lasse ihr die Arbeit keine Kapazität. Als Hebamme lebt sie auf Abruf.
Aus dem Verein sei sie ausgetreten, habe sich ins Private zurückgezogen. Das werde akzeptiert. Dass es in der Siedlung anonymer geworden ist - 'für mich passt es so. Wenn ich mal Lust haben sollte, mich zu beteiligen, wird es möglich sein'. Ihre Nachbarn betrachtet Zeidler als 'ganz normale Leute', die sich auch schon mal über Kinderlärm beschweren. Etwas, das es hier noch nicht gab, als ihre Söhne klein waren. Die eigene Terrasse hat Zeidler in diesem Sommer hinters Haus verlegt, für mehr Ruhe.
Beim Gespräch über die Zukunft der Siedlung erzählt Peter Faulde im Gemeinschaftsraum vom Mehrgenerationenhaus und anderen Bauten, die für das letzte Baufenster noch geplant waren. Er dehnt die Worte. 'Es sieht nicht so aus, dass wir es schaffen dieses Baufenster mit dem ökologischen Siedlungsthema bebaut zu kriegen.' Die Gemeinde habe deutlichst signalisiert, dass man bis zum Jahresende einen Unternehmer finden müsse für die 4000 Quadratmeter. Andernfalls werde der Siedlungsteil, den Faulde und Piltz als Modell zeigen können, nicht mehr entstehen.


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