"Mit Handicap zum Handicap" lautet das Motto des Golfclubs Lilienthal, in dem sich Sportler mit und ohne Behinderung zusammengefunden haben. 1998 wurde der Club gegründet, im Jahr 2004 konnte er seinen Golfplatz an der 1. Landwehr einweihen. Nun spielten dort zum dritten Mal Teilnehmer um den Deutschlandpokal der Deutschen Schlaganfall-Hilfe. "Unser Golfclub ist in diesem Bereich federführend", sagt die Vorsitzende Gisela Keßler. Nicht nur Lilienthaler messen sich auf den Greens, unter den 20 Teilnehmern Gäste aus Paderborn und Sankt Peter-Ording.
Einer der Gäste ist der 70 Jahre alte Paderborner Dieter Porsche, der im Jahr 2002 einen Schlaganfall erlitten hat und seitdem rechtsseitig gelähmt ist. Die Lähmung ist zwar weitgehend zurückgegangen, aber manchmal hat er noch Ausfälle, und sein Gleichgewichtssinn ist gestört. "Auf einem Bein zu stehen ist fast unmöglich", sagt er. Vor seinem Schlaganfall spielte er Tennis und Fußball, jetzt kann er dafür nicht mehr schnell genug reagieren.
"Golf ist ideal"
"Golf ist ideal - man kann sich auf den Schlag konzentrieren." Er bedient seinen Schläger, anders als die meisten anderen halbseitig gelähmten Spieler, mit beiden Händen: Mit rechts schlägt er, mit links führt er. Allzuweit fliegen die Bälle bei ihm nicht, gibt er freimütig zu. "Aber es kommt mehr auf die Technik an als auf die Kraft", sagt Gisela Keßler. Das richtige "Anwinkeln" sei wichtig, ergänzt Dieter Porsche: Der Schlägerkopf muss für die optimale Beschleunigung den richtigen Winkel zum Ball haben.
Dann ist ja alles klar, aber wie findet man diesen richtigen Winkel? Der Ball liegt am Abschlagplatz der Driving Range, das ist das Übungsfeld am Clubhaus. Der Schläger wird oben mit links gefasst, die rechte Hand fasst ihn ein Stück weiter unten, kräftig ausholen - und dann wird der Rasen gebürstet, aber mit Schwung. Der haut den ungeübten Anfänger fast von den Beinen. Also nochmal, aber vorsichtiger. Ein wunderschöner Schlag, leider über den Ball hinweg. Der dritte Versuch trifft den Ball, jedenfalls mehr oder weniger, und er trudelt ein paar Meter weit, ehe er liegenbleibt.
Und das soll man können, wenn man nur eine Hand benutzen kann und noch dazu das eine Bein nur notdürftig beweglich ist, so dass man sich bei einem missglückten Schlag nicht richtig ausbalancieren kann? Fritz-Martin Müller, der Gründer und Ehrenpräsident des Golfclubs, kann es, ebenso seine beiden Konkurrenten um den Deutschlandpokal, mit denen er gerade einträchtig den Platz abschreitet, er selbst trotz halbseitiger Lähmung durch einen Sportunfall zu Fuß, Peter Krüger und Paul Hofschröer in Caddies. Sie spielen die kompletten 18 Bahnen durch; für die Sieger an drei, sechs und neun Löchern hat Norbert Bruder, der frühere Direktor des Gymnasiums Lilienthal, je einen Pokal gestiftet.
Bahn 4. "Das ist eine einfache und kurze Bahn, es geht nur geradeaus", sagt Fritz-Martin Müller. Na ja, kurz - die Fahne, die das Loch markiert, steht in 131 Metern Entfernung zum Abschlag und ist mit bloßem Auge kaum zu sehen. Peter Krüger holt ein paarmal mit seinem Schläger weit aus, und peng! Eine Krähe fliegt mit protestierendem Gekrächze hoch, aber der Ball ist schon ziemlich weit gekommen. Paul Hofschröer und Fritz-Martin Müller folgen mit je einem Schlag, Hofschröer muss danach seinen Ball aus einem Gebüsch hervorklauben. Das bleibt den Spielern, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, erspart, sie dürfen in einem solchen Fall mit einem neuen Ball weiterspielen.
Nach dem zweiten Schlag sind alle Bälle auf dem "Green" angekommen, einer großen ungefähr runden Fläche um das Loch herum, so eben wie ein Teppichboden. Hier wird das Gras jeden Tag gemäht, und diese Ordentlichkeit beeindruckt sogar die Maulwürfe. "Die werden von den Vibrationen des Mähers vertrieben", sagt Fritz-Martin Müller.
Auf das Green darf man nicht mit dem Caddy, also heißt es für alle drei Spieler geduldig zu warten, bis die anderen ihren Schlag ausgeführt haben. "Hier wird immer Rücksicht auf die Schwächsten genommen", sagt der Ehrenpräsident, gerade deshalb sei Golf als Reha-Sport so geeignet.
So hat es auch ihr Mann erfahren nach einem schweren Schlaganfall vor vier Jahren, berichtet Sylvia Schreiber aus Bremen. Er hatte allerdings schon vorher Golf gespielt,wechselte dann aber zum Golfclub Lilienthal, den ihm ein Arzt empfohlen hatte. Für ihren Mann sei das Golfspielen ein Lebenselixier geworden, sagt Sylvia Schreiber, und Gisela Keßler kann das gut nachfühlen: "Was meinen Sie, was das für ein Glücksgefühl ist, wenn dieser kleine weiße Ball fliegt." Und wenn er dann auch noch weit genug fliegt und in die richtige Richtung und man ihn hinterher wiederfindet, ist das Glücksgefühl bestimmt noch deutlich gesteigert.
Den Deutschlandpokal gewann Fritz-Martin Müller, die drei Norbert-Bruder-Pokale gingen an Brigitte Weiser, Dieter Porsche und Martin Hünninghaus.


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