Lilienthal. Acht Fahrräder stehen in der Garage von Ursula und Jürgen Timm. Benutzt werden sie von Pelin, Emre, Hussein und Katazjna. Jeden Morgen fahren die vier die Feldhäuser Straße entlang zur Haltestelle. Mit dem Bus geht es dann weiter in die Bremer Universität, an der die drei Türken und die Polin für ein Semester studieren. Schon über 100 Studenten aus dem Ausland haben in den vergangenen elf Jahren im vom Haupthaus getrennten Anbau der Eheleute Timm gewohnt. "Da braucht man Fahrradauswahl, die Studenten sind ja auch alle unterschiedlich groß", erklärt Jürgen Timm. Die meisten kommen aus Korea, aus Polen oder der Türkei. "Aber eigentlich haben von Kamerunern bis Schweden schon Studenten vieler verschiedener Nationen bei uns gewohnt", erzählt Ursula Timm.
Schon als die drei Kinder des Ehepaars noch zuhause wohnten, nahm die Familie Studenten aus dem Ausland bei sich auf. Seit der Anbau leer steht und die Kinder aus dem Haus sind, bietet er Studenten aus aller Welt Platz. "Wir möchten Menschen aus anderen Ländern ein Zuhause geben, sie in Deutschland willkommen heißen", erklärt Ursula Timm. Das fühlt auch die 22-jährige Pelin, die seit drei Monaten mit Katazjna, Hussein und Emre in der Drei-Zimmer-Wohnung lebt: "Sie sind wie unsere Familie. Wenn ich krank bin, kümmern sie sich um mich." Auch der Geografie-Student Hussein freut sich: "Sie interessieren sich sehr für uns, wir können sie alles fragen." Das International Office der Uni vermittelt die Wohnung. "Inzwischen kommen aber die meisten über Mundpropaganda zu uns", freut sich Jürgen Timm, der eine besondere Beziehung zur Uni pflegt: Der Lilienthaler war von 1983 bis 2002 Rektor der Universität Bremen.
In Korea sind die Timms übrigens schon bekannt. "Jeder Koreaner, der nach Bremen kommt, wohnt bei uns", scherzen die Eheleute. Einmal nahm ein Student aus Versehen den Haustürschlüssel mit nach Korea, ein Freund brachte ihn dann fünf Jahre später wieder zurück nach Lilienthal.
Auch der 22-jährige Emre bekam den Tipp von einer Freundin aus Istanbul. Sie hatte vorher bei den Timms gewohnt und war begeistert von der familiären Atmosphäre. "Wir sind Elternersatz für viele der Studenten", unterstreicht Ursula Timm. Einige sind gerade 20 Jahre alt und das erste Mal in einem anderen Land. Ursula und Jürgen Timm sind für die Studenten da, bringen sie zum Arzt und helfen bei den Hausaufgaben. Manchmal bringt Jürgen Timm ihnen sogar das Radfahren bei: "Damals habe ich meine vierjährigen Kindern beim Üben angeschoben, heute renne ich 20- Jährigen hinterher."
Dafür bedanken sich die Studenten im Gästebuch. "Für viele war das Radfahren ein richtiges Abenteuer", schmunzelt Ursula Timm. Das dicke Buch ist fast vollgeschrieben, angefüllt mit Anekdoten und Grüßen in verschiedensten Sprachen. Fast immer lautet der letzte Satz: "Wir sehen uns wieder!"
Die Timms haben mit vielen ehemaligen Mietern noch Kontakt. "Wir bekommen immer noch Postkarten, und manche besuchen uns sogar." Das Rentnerpaar begibt sich aber auch selber auf die Reise, besuchte im vergangenen Jahr etwa einen Studenten in Istanbul.
Lesen aus dem Kaffeesatz
Die Lilienthaler betonen immer wieder, wie viel sie zurückbekommen. "Wir haben so viel gelernt über die verschiedenen Kulturen: die Feste, das Essen", schwärmt das Ehepaar. Die Studenten veranstalten Länderabende, an denen jeder etwas über das eigene Land erzählt oder ein traditionelles Gericht kocht. Einmal hat ein türkisches Mädchen dem Ehepaar die Zukunft aus dem Kaffeesatz gelesen.
Es gab aber auch schwierige Momente, berichtet Ursula Timm: wenn die Studenten wegen ihrer Nationalität angegriffen wurden oder die Türsteher sie nicht in die Diskothek ließen. "Wir sind dafür da, diese Erlebnisse aufzufangen. Wir leisten psychischen Beistand, den sie so in einem Studentenwohnheim vielleicht nicht erfahren würden." Die derzeitigen Bewohner der Wohnung in Feldhausen 33 sind rundum zufrieden. "Es ist schön, in der Natur zu wohnen, es ist ruhig. Hier gibt es keinen Stau, alles ist unkompliziert", berichtet Pelin aus Izmir, der drittgrößten Stadt der Türkei. Das findet auch Katazjna Kluk: "Viele Leute, Attraktionen und Spaß haben wir in Bremen. Hier schätzen wir die Stille und den Frieden. So kann ich meine Balance finden." Hussein fügt hinzu, dass nur wenige Erasmus-Studenten die Chance hätten, in einem "typisch deutschen" Haus zu wohnen. "Wir kriegen Deutschland richtig mit. Es ist ein anderes Wohnen als in der Stadt."
Das ländliche Leben faszinierte auch zwei Koreaner aus Seoul. Schüchtern baten sie Jürgen Timm, ob sie den Rasen mähen dürften. Zuhause in der Megametropole hätten sie dazu keine Möglichkeit. "Wir haben schon viele lustige und schöne Sachen erlebt", erinnert sich Ursula Timm. Einmal hätten zum Beispiel fünf Koreaner ihre Inline-Skates mitgebracht. Einer fuhr voran auf dem Fahrrad, die vier anderen hängten sich auf ihren Inlinern hinten dran und hielten sich am Sattel fest. So ging es jeden Tag die ganze Feldhäuser Straße entlang zur Bushaltestelle.
Das Ehepaar kommt aus dem Erzählen gar nicht mehr heraus - so viel haben sie mit den Studenten erlebt. Da ist es sogar zu verschmerzen, dass schon zwölf Fahrräder, die an der Haltestelle abgestellt waren, geklaut wurden. Die Timms: "Wir bekommen alles tausendfach zurück!"


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