Ritterhude. "Auch wenn ich den Mephisto spiele, wird die Mutter mich süß finden", orakelt ein kleiner Schauspieler bei der Premiere von "Auf eigene Faust" und thematisiert damit die Neigung der Theatermacher, dem Publikum gefallen zu wollen. Vom Osterspaziergang bis zu Fausts Studierzimmer samt Pudel, vom Auerbachkeller über die Hexenküche bis hin zu Frau Marthes Garten, der Walpurgisnacht und dem Kerker - alle Spielorte und das gesamte Personal aus Goethes Faust tauchen auf. Die Geschichte wird erzählt als bunter Bilderbogen. Natürlich kommen alle bekannten Zitate vor: der arme Tor, die Gretchenfrage und des Pudels Kern.
Der wissbegierige Student Heinrich Faust, mal gleichgültig, mal Gutmensch, mal zerstreuter Wissenschaftler, mal Wirtschaftscrack, Literatur- oder Bonsaifan, erscheint in sechs verschiedenen Verkörperungen. Ebenso sein Gegenpart, der teuflische Mephisto: War er eben noch aufbrausend, ist er wenig später charmant, schmierig, smart, hämisch, aasig oder depressiv. Gretchen oszilliert, dargestellt von vier verschiedenen Schülerinnen, zwischen träumerischem Verliebtsein, sorgenvoller Schüchternheit, süßer Unschuld, Ehrgeiz, Selbstbewusstsein und Bösartigkeit.
Konstruktiver Dialog
Unter Verzicht auf die langen Monologe der Originalvorlage bringen die Schüler ihre Annäherung an Faust in einer schnellen Folge knapper Tableaus auf die Bühne. Gereimte Passagen in der Sprache Goethes wechseln sich ab mit selbstgeschriebenen Szenen in der Alltagssprache heutiger Jugendlicher. Da wird in den Dialogen schon mal von Gretchen gesimst oder über Facebook getratscht. Lobbyarbeit und Parteienbestechung sind der Lohn, den Mephisto im Teufelspakt von Faust verlangt, und Gretchen möchte gern Model werden. Es wird spürbar, dass die zwölf- bis 20-jährigen Gymnasiasten bei ihrer neunmonatigen Beschäftigung mit der Tragödie den Faust so richtig lieb gewonnen haben. Dabei haben sie sich im konstruktiven Dialog mit dem Klassiker auseinandergesetzt und ihn auf der Grundlage aktueller Verhältnisse geschickt variiert. Sie verkörpern ebenso gekonnt den getriebenen, wissensdurstigen Faust wie den smart-schmierigen Ex-Banker Mephisto, der die Macht der Liebe bemüht, um die hohen
moralischen Ansprüche Fausts zu zerstören. Grandios auch Kupplerin Frau Marthe (Melissa Kunkel-Bode) in ihrer vulgären Heuchelei.
Schulleiterin Gertrud Milthaler dankte der Theater-AG für dieses "wunderbar trotzige Spiel", dem sie mit viel Spaß zugeschaut habe. "Hut ab, toll gemacht, man merkte, wie viel Spaß die dabei hatten", so lauteten auch die Kommentare der begeisterten Zuschauer.


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