Lilienthal. Die Haustür auf und hinaus - in den Eisschrank. So fühlt sich in diesen Tagen der Schritt nach draußen an. Es locken immerhin schier endlose Eislaufpisten auf gefluteten Wiesen. Was den Schlittschuhläufer freut, erzeugt bei anderen Menschen allerdings eher Hitzewallungen, etwa, wenn am Morgen das Auto nicht anspringt. In diesen Tagen zeigt sich der Winter von seiner kältesten Seite. Zweistellige Minustemperaturen fordern Mensch und Technik heraus, doch wer sich darauf einstellt, kann sich durchaus am Winter erfreuen.
Der Wintercheck beginnt beim eigenen Körper. Aufgesprungene Lippen und rissige Hände tun weh, sind aber vermeidbar. "Die Hautpflege kann reichhaltig sein", sagt Christiane Stehn von der Sankt Jürgen-Apotheke und rät zu fetthaltigem Lippenbalsam und Cremes mit möglichst geringem bis keinem Wasseranteil. Nach jedem Waschen die Hände eincremen, abends richtig dick, und dazu am Tag Handschuhe - das freue die Hände. Auch für die Luftwege hat die Apothekerin einen Tipp: "Mund zu, durch die Nase atmen." Das schone die Schleimhäute. Dazu Suppen und reichlich warmen Tee, gerne Ingwer, der wärmt kräftig, und der Körper erhält die Flüssigkeit zurück, die er in heizungswarmen Räumen unmerklich abgibt. Bei kalten Füßen helfe ein Fußbad oder eine Wärmecreme.
Die kann gegen kalte Finger auch brauchen, wer morgens sein Auto starten will, und nichts rührt sich unter der Motorhaube. Kein Einzelschicksal. Zweieinhalbmal so viele Anfragen wie üblich gehen derzeit täglich beim ADAC ein. Hauptursache: eine schlappe Batterie. Durchschnittlich 3000 Mal pro Tag starten gegenwärtig in Niedersachsen die 90 gelben Hilfsfahrzeuge, so der Pressesprecher des Regional-Clubs Weser-Ems, Nils Linge. "Man denkt einfach nicht daran", begründet Linge die Last mit der Batterie. Ist die sowieso schon schwach, entlädt sie sich bei Kälte noch schneller. Und wer nur Kurzstrecken unter 15 Minuten fährt, gibt ihr keine Chance, sich wieder aufzuladen. Das machte den 2. Februar für den ADAC Deutschland mit 27500 Einsätzen zum Rekordtag und zum zweiteinsatzreichsten in seiner Geschichte. Kurzstreckenfahrern rät Linge, alle zwei bis drei Tage eine längere Tour zu fahren und die Batterie prüfen zu lassen.
Den "härtesten Batterietag seit Jahren" erlebte jüngst auch Betriebsleiter Jürgen Knuth von der Lilienthaler Firma Point S Wenzel. 20 Stück an einem Tag - für ein kleines Geschäft sei das viel, sagt er und ergänzt: "Die Großhändler sind leer gekauft." Auch Fließmittel für Diesel sei nicht mehr zu haben. Das werde oft von Landwirten benötigt, die die eigenen Diesel-Vorräte in großen Mengen schon vor dem Winter eingelagert haben. Ohne Fließmittel helfen da nur noch Heizlüfter oder Garage.
An der Tankstelle fließt von Herbst bis Frühling Winterdiesel durch die Schläuche. Bis minus 22 Grad sei der ausgelegt, sagt Olaf Behrmann von der Lilienthaler Esso-Tankstelle. Sinken die Temperaturen tiefer, sollte man das Auto in der Garage parken oder wenigstens windgeschützt. Pressesprecher Linge vom ADAC empfiehlt Dieselfahrern zudem, jetzt noch einmal die Tankstellen anzusteuern und nachzutanken. Er geht davon aus, dass die Kraftstoffanbieter die Gradzahl erhöht haben, "weil sie befürchten, dass es zu Schäden an Fahrzeugen kommen könnte".
Mütze, Schal, Handschuhe und eine Decke sollten laut ADAC und Point S-Betriebsleiter Knuth jetzt immer im Auto liegen. Für den Pannenfall. Nur muss der Fahrer erst einmal ins Fahrzeug hineinkommen. Olaf Behrmann rät darum, den Türschlossenteiser außerhalb des Autos aufzubewahren. "Das ist im Moment ein sehr wichtiges Utensil, weil auch viele Tankschlösser eingefroren sind", weiß er. Weil der Winter so mild war, gibt es noch genug Enteiser aller Art zu kaufen. Autotüren frieren allerdings kaum noch ein, sagt ADAC-Pressesprecher Linge und begründet es mit der Funkfernbedienung. Ebenfalls "minimal" nennt er den Anteil eingefrorener Motoren. Trotzdem empfehlen Wenzel-Betriebsleiter Knuth und der Automobilclub gleichermaßen, noch einmal den Frostschutz im Kühlkreislauf zu prüfen, gleiches gilt fürs Scheibenwischwasser.
Wer nun im Auto sitzt und das Fahrzeug startklar hat, trifft auf das nächste Kälteproblem: Das Lenkrad ist eiskalt. "Geeignete Handschuhe sind erlaubt", so die Polizeidienststelle Lilienthal. Rutschfest müssen sie aber sein und garantieren, dass der Wagenlenker sein Fahrzeug fest im Griff hat. Ein Verbot für Fäustlinge gibt es zwar nicht, doch die Polizei vergleicht es mit den Schlappen im Sommer: "Wenn etwas passiert, ist man natürlich haftbar."
Nicht nur Haut und Fahrzeuge brauchen derzeit Sonderpflege. Auch Mobiltelefone, speziell Smartphones, mögen Kälte nicht sonderlich. Daniel Meyer von ITC Inter-Tel in Lilienthal: "Es ist schon verstärkt, dass die Geräte jetzt Probleme haben." Wegen der Kälte verliere der Akku an Leistung, und im Display könnten sich feine Risse bilden. Wer sein Smartphone im Auto übernachten lässt, muss mit einem kompletten Display-Ausfall rechnen. Kommt das Handy aus der Kälte, sollte es erst auf Zimmertemperatur erwärmt werden, bevor der Akku geladen wird. Andernfalls wird letzterer bald schwächeln.
Schlüsseldiensten bringt die trockene Kälte eine ruhige Zeit, das bestätigen die Lilienthaler Schlüsseldienste Rohdenburg und Bernd Schulgowski. Alte Schlösser sind schon zu Beginn des Winters geborsten. Nun ist alle Feuchtigkeit daraus entwichen und nichts passiert mehr. Im Dauereinsatz befinden sich hingegen die Heizungstechniker, erzählen Steffen Biehl von Friedrich Justus Haustechnik aus Grasberg und der Rautendorfer Rüdiger Wiegmann. Eingefrorene Rohre - das kann schon bei null Grad passieren - oder kaputte Heizungen werden täglich mehrfach gemeldet. Von 7 bis 22 Uhr ist Wiegmann mit Auftaugeräten, Heizlüfter und Werkzeugkoffer unterwegs. "Meistens Planungsfehler", nennt Biehl als Grund für gefrorene Rohre. Die liegen häufig in Dachschrägen, zu dicht an der Außenwand oder führen durch ungeheizte Räume. Ist solch eine Leitung bekannt, sei es ratsam, deren Wasserhahn leicht zu öffnen: Fließendes Wasser friert auch in der Leitung nicht ein. Für Heizungsanlagen ist es laut Wiegmann
sinnvoll, alle Heizkörper in diesen Tagen geöffnet zu lassen.
Auf Wärmedämmung mittels Zeitungspapier setzen sowohl die Lilienthaler Blumenhändlerin Anja Behrens als auch der Gemüsehändler Heiko Pein. Er nimmt den kalten Winter gelassen. "Das wiederholt sich", sagt er und hat festgestellt, dass die Kunden sich darauf einstellen: Sie kämen mit festen Taschen statt mit Plastikbeuteln zum Einkauf. Das Obst und Gemüse wickeln Pein und seine Mitarbeiter wie in jedem Winter in Zeitungspapier ein, und wer damit stracks nach Hause geht, hat für seine Vitamine nichts zu fürchten. Allerdings sollte er den Einkauf nicht noch eine Stunde am Fahrradlenker durch den Ort chauffieren. Dass die Kunden anders einkaufen als bei milderem Wetter, ist Nina Lützen vom Aktiv Discount Worpswede nicht aufgefallen. Nur, dass die Menschen bis zur Nasenspitze eingepackt sind. Gute Verpackung ist auch das Stichwort für Blumen. Anja Behrens von Blumen Elsner: "Dann kann den Pflanzen wenig passieren. Wir gehen ja auch vor die Tür und bekommen nicht gleich Frostbeulen." Mehrere
Schichten Papier wärmen das Grün, und geht der Blumenkäufer auf Nummer sicher, kommt er mit einer Thermotasche zum Laden. Gefährlicher kann die Kälte hingegen für die Zimmerpflanzen zu Hause werden. Die werden laut Behrens beim Lüften oft vergessen.
Die natürliche Dämmschicht Schnee fehlt. Rund einen halben Meter tief ist der Boden darum gefroren, erzählt der Lilienthaler Friedhofswärter Manfred Seedorf. Durch diese Schicht müssen er und seine Kollegen sich mit schwerem Werkzeug hindurcharbeiten, um Grabstellen auszuheben. Statt eineinhalb Stunden brauchen sie für die rund 1,70 Meter Tiefe fast drei Stunden mit dem Boschhammer. "Das ist richtig intensiv", sagt Seedorf, und nach der Beerdigung komme Teil zwei der Schwerstarbeit: Der Aushub gefriert, Hammer und Spitzhacke sind erneut Geräte der Wahl.
Von den Friedhofs-Kollegen aus Bremen hat Manfred Seedorf gehört, dass dort Beerdigungen schon eingestellt wurden. Änderung nicht in Sicht. Zwischen ein und zwei Wochen brauche der Boden bei mindestens fünf Grad plus, bis er wieder aufgetaut sei.
Die Liste der Kälteauswirkungen ließe sich weit verlängern - etwa darum, dass Fahrräder wegen des zäher werdenden Fettes im Getriebe schwerer zu treten sind, dass Malerfirmen ihre Farbkübel nicht mehr in den Fahrzeugen aufbewahren können oder der Getränkeeinkauf nicht im Auto übernachten sollte. Aber dieser Winter bringt nicht nur Last. Riesige Eisflächen locken, und Schlittschuhe verkaufen sich jetzt wie von selbst. Bei Spielzeug Haar in Lilienthal stand jüngst gerade noch ein einziges Paar im Regal. Einige hundert Meter weiter bei Diedrich Kück rappelt das Ladentelefon fast pausenlos: Kunden auf Schlittschuhsuche. Die täglich gelieferten Kartons verweilen hier nur kurz im Laden.
Gefrorene Seen und Pfützen - da mag sich manch einer fragen: Was trinken Vögel jetzt? Keiner verdurstet, beruhigt Hansfried Ohlrogge vom Nabu Osterholz-Scharmbeck. Ein paar Schneeflocken und feuchtes Futter genügen. Aber Vögel verbrauchen derzeit viel Energie. Der Mensch kann ihnen darum mit Futter helfen. Dabei, so bittet Ohlrogge, sollte nicht nur an Körner gedacht werden. Amseln und Rotkehlchen brauchen Weichfutter, beispielsweise Haferflocken oder Spezialmischungen mit Beeren.
Und vielleicht ist bei aller Kälte der Frühling gar nicht mehr so fern, zumindest aus Storchenperspektive. Ohlrogge erzählt, dass in Ritterhude der erste Adebar gesehen wurde.


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