Doch eines müsste den Verbrauchern, die sich von der modernen Landwirtschaft abwendeten und von einer Idylle der 50er-Jahre träumten, klar sein: Wer glaube, dass die kleinbetrieblich strukturierte Landwirtschaft mit hohem Arbeitseinsatz und geringer Technisierung ein Ideal darstelle, täusche sich. "Die Idylle war nicht so, wie sie den Anschein machte - der angekettete Bulle konnte damals mal gerade seinen Kopf heben und zum Saufen senken." Ein Zurück in die Vergangenheit sei zum einen ökonomischer Unsinn, zum anderen ein Rückschritt für den Tier- sowie für den Umwelt- und Verbraucherschutz. Klar ist Lindemann aber auch, dass nur eine Landwirtschaftspolitik denkbar sei, die sich die Akzeptanz der Bürger sichere. Nur wenn es gelinge, die Wirtschaftlichkeit mit den Anforderungen wie Tierschutz, Herkunft und Regionalität sowie Umwelt- und Klimaschutz in Einklang zu bringen, "ist der Landwirtschaft eine langfristig erfolgreiche Zukunft gewiss".
Was den Tierschutz angehe, gebe es mit dem im April auf den Weg gebrachten Tierschutzplan, der insgesamt 38 Maßnahmen umfasse, eine sehr gute Grundlage, den Tierschutz so auszuweiten, dass er nicht die Wirtschaftlichkeit der Betriebe gefährde. "Denn wir würden dem Tierschutz einen Bärendienst erweisen, wenn wir hier die Regelungen so stark verschärfen, dass die Tierhaltung ins Ausland abwandert."
Dieses Konzept, das bis 2018 insgesamt erarbeitet sein soll, lege vielmehr die Praxistauglichkeit als wichtiges Kriterium zugrunde. Vor allem sei es wichtig, alle Beteiligten in diese Konzeptentwicklung einzubeziehen - eine Aussage, die dem Festredner den Applaus der etwa 800 geladenen Gäste aus Politik, Wirtschaft und aus der Landwirtschaft bescherte. Was für den Tierschutz möglich und sinnvoll sei, müsse entwickelt werden. So soll künftig bei der Legehennenhaltung nicht mehr die Schnäbelkürzung bei den Jungtieren erlaubt sein. Mit dem Verzicht des Schnäbelkürzens als Tierschutzziel müsse aber gleichzeitig eine Vermeidung von Federpicken und Kannibalismus einhergehen, so Lindemann. Wie das in der Praxis erreicht werden könne, werde in einem Pilotbetrieb untersucht.
Konkrete Maßnahmen soll es auch bei Baugenehmigungen von großen Ställen geben. "Ich kann verstehen, dass die Entwicklung der Tierzahlen und der andauernde Investitionsboom in einigen Landkreisen inzwischen Anlass zur Sorge gibt." In viehintensiven Regionen fehlten den Landkreisen bisher die Steuerungsmöglichkeiten beim Bau von Tierhaltungsanlagen - betroffen seien davon Emsland, Vechta, Cloppenburg und die Grafschaft Bentheim.
Es gehe ihm dabei aber nicht um die Abschaffung der Privilegierung der Landwirtschaft, in Außenbereichen bauen zu dürfen. Trotz solcher Baustellen stehe die Landwirtschaft für eine Erfolgsgeschichte. Lindemann bezeichnete sie als zentrales Glied einer Wertschöpfungskette, die sich von Saatzüchtern und Landmaschinenherstellern über die Landwirtschaft, die Molkereien, Mühlen und Schlachthöfe bis hin zur Lebensmittelindustrie erstrecke. "Sie ist der Kern eines sehr starken Agrarsektors, der insgesamt rund 225000 Menschen in Niedersachsen beschäftigt und nach dem Fahrzeugbau umsatzmäßig der zweitwichtigste produzierende Wirtschaftssektor des Landes ist."
Künftig stehe die niedersächsische Landwirtschaft vor der Herausforderung, den globalen Anforderungen gerecht zu werden, Produktivität und Nachhaltigkeit zu steigern - denn weltweit werde der Lebensmittelbedarf bis zum Jahr 2050 um etwa 70 Prozent steigen. Das könne nur funktionieren, wenn die Landwirtschaft auch für diejenigen rentabel sei, die in diesem Bereich arbeiteten. Zudem müsse die Akzeptanz der Landwirtschaft in der Bevölkerung dauerhaft gesichert sein. Die Tarmstedter Ausstellung sei ein wichtiger Baustein in diesem komplexen Gebilde, sagte der Agrarminister. Es präsentierten sich an den vier Ausstellungstagen nicht nur Unternehmen, die erfolgreich und zukunftsorientiert im Agrarsektor arbeiteten. Die Ausstellung biete auch Gelegenheit, landwirtschaftliche Insider mit einem breiten Publikum zusammenzubringen.





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