Schwarz oder braun - nur eine Frage der Farbe, eine der Tradition oder eine des Geschmacks? Mitnichten. Seit Jahren kommt der Besamungsverein Neustadt an der Aisch (BVN) auf die Tarmstedter Ausstellung, um dem Fleckvieh auch in Norddeutschland zu mehr Präsenz zu verhelfen. Mit Erfolg. Der Messestand der Franken wächst von Jahr zu Jahr und: "Wir müssen gar keine Tiere mehr mit herauf bringen. Mittlerweile können wir Rinder zeigen, die aus Ställen der Gegend stammen", sagt Martin Seidl vom BVN nicht ohne Stolz.
Kuh ist eben nicht gleich Kuh. Das wissen Torben Melbaum und Michael Lang ganz genau. Melbaum ist Vertreter der Holstein-Fraktion, Lang ist zusammen mit dem BVN nach Tarmstedt gereist, um die Vorzüge des Fleckviehs zu preisen. "Dicke, runde Tiere" nennt Torben Melbaum das in der Tat vergleichsweise pummelige süddeutsche Vieh und setzt dabei ein schelmisches Grinsen auf. "Kleiderbügel", kontert Lang lachend und meint damit die eher schmale Silhouette der Holstein-Kühe, die gerade durch den Führring laufen. In der Tat: Sie sehen etwas hager aus.
Die beiden Jungzüchter verstehen sich eigentlich blendend - nur wenn es um die Rasse geht, dann sind sie durch und durch unterschiedlicher Meinung. Torben Melbaum kam über den Vater, der als Tierarzt täglich mit Holstein-Bullen zu tun hat, zum Hobby, das er vielleicht nächstes Jahr nach dem Abitur auch irgendwie zum Beruf machen will. Dabei plagte den jetzt 17-Jährigen aus Haselünne im Emsland vor fünf, sechs Jahren noch eine Kuhfellallergie, als er und sein Bruder damit begannen, Jungzüchterschauen zu besuchen und an ihnen teilzunehmen. Die Desensibilisierung gegen das Allergen war höchst erfolgreich: Melbaum hat bei den Holstein-Jungzüchtern schon einen Deutschen Vizemeister-Titel vorzuweisen, sein Bruder ist gar Meister.
Michael Lang ist ebenfalls mit Rindern aufgewachsen - auf dem elterlichen Hof in Rudolzhofen bei Uffenheim im Kreis Neustadt an der Aisch. Mit 14 oder 15, erinnert er sich, ist er dem Jungzüchter-Club beigetreten. "Das hat einfach viel Spaß gemacht", sagt der inzwischen 20-Jährige, der just drei Semester an der Landwirtschaftsschule absolviert und deshalb bald auch einen "Meister" in der Tasche hat. Der junge Mann ist voll in seinem Element, wenn er - mit breitem fränkischen Dialekt - die Vorzüge des Fleckviehs lobt. Robust seien die vor allem. "Stoffwechselstabil" nennt das der Fachmann und meint damit die Widerstandskraft gegen Krankheiten und damit geringere Kosten für die Halter. Sogenannte Labmagenverlagerungen etwa, die vor allem bei Milchkühen kurz nach dem Abkalben auftreten und meistens chirurgische Eingriffe zur Folge haben, seien bei Holsteiner Rindern an der Tagesordnung, weil die so schmal gebaut seien, sagt Lang.
Rechnungen mit Zehntelprozenten
"Weil sie milchbetont sind", entgegnet Torben Melbaum und ist damit bei seinem größten Trumpf: der Milchleistung. Das Holstein-Rind ist quasi eine Milchmaschine. Während das Fleckvieh mit einem Verhältnis von 60:40 im Hinblick auf die Milch- und Fleischnutzung gezüchtet wird, schätzt Melbaum die Spezialisierung bei den Holsteinern auf 90:10. Er mag die dünnen Beine der schwarz- und manchmal auch rot-weißen Weidetiere, ihre gut ausgeprägten offenen Rippen, die dafür ausgelegt sind, möglichst viel Grundfutter aufnehmen und dann viel Milch geben zu können. Knapp 9000 Liter sind das im Schnitt im Jahr, rund 1500 Liter mehr als Fleckviehkühe geben. "Bei einem Litererlös von derzeit rund 34 Cent gut 500 Euro mehr pro Kuh und Jahr", rechnet Melbaum vor.
Der Auftakt zu einem "Streitgespräch", das in weiten Teilen einer Mathematikstunde gleicht und belegt, wie nahe sich Land- und Betriebswirtschaft längst stehen. Das "Management" - ein Begriff den beide Youngster gern in den Mund nehmen, wenn es um das Halten von Rindern geht - muss heutzutage Zehntelprozentpunkte berücksichtigen. Zum Beispiel bei den Inhaltsstoffen der Milch: Die Milch der Holstein-Kühe wartet mit einem Anteil von 3,4 Prozent Eiweiß und 4,1 Prozent Fett auf, bei der Milch aus Fleckvieheutern sind es 4,2 Prozent Fett und 3,6 Prozent Eiweiß. Und letzteres wird von den Molkereien besser bezahlt als Fett.
58-prozentiges Fleischgewicht
Unterm Strich also sehe die Rechnung dann schon anders aus, findet Michael Lang und wuchtet gleich noch ein Pfund auf die Habenseite der deutlich muskelbepackteren süddeutschen Kühe: den Fleischerlös. Ein zwei Wochen altes Holstein-Mastkalb bringe 100 bis 120 Euro, ein sechs bis acht Wochen altes Fleckvieh-Mastkalb dagegen 550 bis 600 Euro. Abzüglich der Kosten für vier bis sechs Wochen Aufzucht bleibe am Ende immer noch ein Mehrwert pro Tier von etwa 300 Euro", kalkuliert der Franke. Ein Fleckviehbulle trumpfe nach 17 Monaten am Ende seines Lebens mit einem 58-prozentigen verwertbaren Fleischgewicht auf, ein Holstein-Bulle bringe sechs bis acht Prozent weniger auf die Waage - und stehe auch noch länger im Stall, weil er nicht so schnell zunehme.
Hin und her wogt das Pro und Contra zwischen den Kuh-Lagern, es geht um "Fußwerk", Melkbarkeit, Traditionen, Zellzahlen und andere Dinge, denen Laien nur noch bedingt folgen können. Deutlich wird am Ende vor allem eines: Die Tarmstedter Ausstellung ist auch eine Plattform zum Austausch und zum Fachsimpeln - gerne auch mal nach Schließen der Eingangstore, und dann nicht unbedingt bei einem Glas Milch.








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