Hellwege. Bürgermeister Wolfgang Harling hatte die Bürgerversammlung einberufen, um über das Vorhaben aufzuklären. Einige Hellweger hatten Bedenken geäußert, als bekannt wurde, dass ein Bauantrag für das abgelegene Gebäude im Postmoor eingeganen war. "Wir haben Gespräche mit den Betreibern geführt und uns ihre Einrichtung in Sottrum angeschaut", berichtete Harling. Dort verfügt die Jugendhilfe Wümmetal bereits über Wohngruppen. Fest steht, dass die Baubehörde des Landkreises keine Bedenken gegen das Bauvorhaben hat - bis Mitte Februar hat die Gemeinde Hellwege nun Zeit, eine Stellungnahme abzugeben. "Bevor der Rat entscheidet, wollten wir uns aber ein Bild über die Stimmung in der Bevölkerung machen", sagte der Bürgermeister.
Geschäftsführer und Diplom-Psychologe Günter Organista, der die Jugendhilfe 1993 ins Leben rief, war gemeinsam mit seinem Sohn Orlando, der die Geschicke demnächst übernehmen soll, und Ausbildungsleiterin Birgit Schlie vor Ort, um die Planungen vorzustellen. Außerdem hatten sie Rolf Denker mitgebracht, Hellweger Bürger und Wümmetal-Mitarbeiter. "Falls Sie im Nachhinein noch Fragen haben sollten, die Sie heute nicht stellen möchten, können Sie sich gerne an Herrn Denker werden", erklärte der Seniorchef.
Die Einrichtung plant, den ehemaligen landwirtschaftlichen Betrieb im Postmoor so umzubauen, dass 18 Jugendliche dort betreut werden können. Die Wohnräume sollen über dem Stalltrakt entstehen. "Große bauliche Erweiterungen planen wir nicht, höchstens Lagerfläche für unser Stroh", sagte der Geschäftsführer. Denn: Mit nach Hellwege ziehen sollen die Pferde, die schon jetzt im Besitz der Jugendhilfe sind und zum einen für therapeutische Zwecke, zum anderen aber auch als Grundlage für eine Ausbildung zum Pferdepfleger dienen. An anderen Standorten werden Schreiner, Friedhofsgärtner, Maler und Bürokaufleute ausgebildet. "Wir bereiten seelisch behinderte beziehungsweise von eine seelischen Behinderung bedrohte Jugendliche auf ihr Berufsleben vor", erklärte Günter Organista. Zumeist kämen die 14- bis 18-Jährigen direkt aus der Psychiatrie zur Jugendhilfe, um dort weiter therapiert, aber auch auf ein normales Leben vorbereitet zu werden. "Oftmals sind das junge Menschen, die in ihrer Kindheit
vergewaltigt oder vernachlässigt wurden oder Gewalt erfahren haben. Viele von ihnen haben Psychosen, die bei uns weiter therapiert werden", berichtete der Inhaber der Einrichtung. Aktuell würden ausschließlich Jugendliche ab 14 Jahren aufgenommen. "Zukünftig wollen wir unser Programm aber erweitern und auch schon Kinder ab acht Jahren betreuen - dann auch am Standort Hellwege."
Posthausens Ortsbürgermeister Reiner Sterna war ebenfalls zur Versammlung erschienen und fragte: "Wie können Sie den Nachbarn die Ängste nehmen?" Bei ähnlichen Einrichtungen in Otterstedt sei immer wieder von Polizeieinsätzen zu hören. "Dort wird ein völlig anderes Klientel betreut als bei uns", entgegnete Organista. "Sicherlich haben viele bei einer solchen Einrichtung Fernsehbeiträge über schwer erziehbare Jugendliche vor Augen, aber sie brauchen keine Angst zu haben, dass unsere Bewohner durch die Gegend ziehen und Dinge zerstören." Die psychisch Kranken, die von der Jugendhilfe aufgenommen würden, seien sorgfältig ausgewählt worden. "Die meisten müssen erstmal lernen, überhaupt alleine ihr Zimmer zu verlassen." Und: Wer in einer Wümmetal-Wohngruppe lebt, ist freiwillig dort und kann die Maßnahme jederzeit aus freien Stücken beenden. "Sollte dennoch jemand aus dem Rahmen fallen, werden wir ihn nicht weiter betreuen, wir haben ja auch einen Ruf zu verlieren."
Von Ängsten war am Ende der Versammlung schließlich nicht mehr viel zu spüren, im Gegenteil: Die Bürger lobten die Arbeit der Jugendhilfe. Dementsprechend positiv dürfte auch die Stimmung im Gemeinderat sein, wenn er am 13. Februar über die Stellungnahme zum Bauvorhaben berät.


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