Tarmstedt. Als Erstes fällt der Turm ins Auge. In Tarmstedt steht er ganz für sich. Er gehört zur Kirche und ist doch um einige Schritte von ihr getrennt. Auf dem Rasen, der sich großzügig ums örtliche Gotteshaus schmiegt, kann ihn jeder umrunden. Kurios, wenn man die Geschichte nicht kennt, die hinter dem noch jungen Tarmstedter Kirchenbau steckt. Sie erzählt vom unbändigen Willen der Dorfbewohner, von ihrer Tatkraft und nicht zuletzt vom Stolz auf die eigene Kirche. Lange Zeit hatte Tarmstedt gar keine. "Über 1100 Jahre waren wir eine Gemeinde ohne eigene Kirche", erzählt Michael Bergner. Er ist seit 19 Jahren im Ruhestand, doch die Geschichte vom Bau der Kirche erzählt der einstige Tarmstedter Pastor so, als habe sie sich gerade erst zugetragen. 1983, zu Luthers 500. Geburtstag, wurde sie eingeweiht. Seitdem trägt die Tarmstedter Kirche dessen Namen. Rund drei Jahre Planungszeit gingen voraus, erinnert sich Bergner, der 1973 eingestellt
wurde. "Als erster zweiter Pfarrer der Kirchengemeinde Wilstedt." Tarmstedt und Wilstedt bilden eine Kirchengemeinde. Für das Dorf ohne Kirche stand das Gotteshaus seit jeher in Wilstedt. Einzig ein Gemeindehaus hatten die Tarmstedter seit 1965. Dort gab es gelegentlich auch einen Gottesdienst, doch der Wunsch nach einer eigenen Kirche wurde immer lauter.
Mit Geldspenden und Arbeitskraft
"Kirche muss so nah wie möglich bei den Menschen sein", war und ist auch die Meinung des ehemaligen Pastors. Ins Rollen kam das Bauprojekt, nachdem immer mehr Menschen nach Tarmstedt zogen. Der Ort wuchs, und mit den jüngeren Mitbürgern kamen die Fragen: "Warum sollen wir nach Wilstedt fahren, um in die Kirche zu gehen?", kritisierten sie, was lange Tradition war. Die Wünsche wurden an den Kirchenvorstand herangetragen, der daraufhin zu Gemeindeversammlungen einlud. Wenn es ein eigenes Kirchengebäude für Tarmstedt geben soll, so das Ergebnis der ersten großen Zusammenkunft, "dann werden wir uns dafür engagieren müssen", berichtet Michael Bergner. In einer weiteren Gemeindeversammlung beschlossen sie dann, dass im Gemeindebrief eine Erklärung abgedruckt werden soll, auf der die Tarmstedter benennen konnten, mit welcher Geldsumme und mit wie vielen Arbeitsstunden sie sich am geplanten Kirchenbau beteiligen wollen.
240000 Mark seien damals an Spenden zusammengekommen, weiß der Pastor. Ebenso beeindruckend: Ein großer Teil der Kosten konnte durch die Mitglieder abgedeckt werden, die mit angepackt haben. "Die Bauern fuhren Schutt und Sand", erzählt Michael Bergner. Und: "Das Zusammenarbeiten hat uns als Gemeinde unheimlich gut getan." Am Ende wurde die Kirche errichtet, ohne dass die Kirchengemeinde das zugesagte Geld der Landeskirche anrühren musste. Erst später erhielt die Tarmstedter Kirche ihren kurzen Glockenturm. Zugehörig und doch für sich steht er auf dem Gelände. Aber wer von der Ecke aus auf ihn schaut, könnte glauben, er grenzt direkt an Gemeindesaal und Kirche.
Der Bremer Architekt Claus Hübener hatte damals zusammen mit dem Kirchenvorstand Pläne für einen Anbau an den bereits existierenden Gemeindesaal erarbeitet. Dessen Bühne ist durch eine Faltwand vom Kirchenraum getrennt, was den Vorteil hat, dass man bei großen Gottesdiensten die Wand öffnen und den Raum erweitern kann. Die Kirche allein ist nicht zu groß geraten. Ihre Form entspricht der eines Zeltes. In Südafrika sei er zuvor zum ersten Mal auf solch eine Kirchenform gestoßen, erzählt der Pastor, der in der Zeltform auch Symbolkraft sieht. "Wir sind das wandernde Gotteshaus. Wir sind als Kirche unterwegs, und damit auch als einzelne Christen."
Behütet können sich die fühlen, die sich auf den Kiefernholzbänken niederlassen. Sie blicken auf den Altar mit dem unaufdringlichen Holzkreuz und auf die Taufschale - Spende einer Tarmstedterin. Durch die großen Fenster an den abgeschrägten Ecken schweift der Blick über den Rasen, und wenn die Sonne scheint, kommt das Blau, Lindgrün und Rot der Fenstermosaike besonders schillernd zur Geltung. Schützend wölbt sich über allem das honigfarbene Holz des spitz zulaufenden Daches. "Ein Ort, wo man zur Ruhe kommen und still werden kann", ist die Tarmstedter Kirche für Michael Bergner. Nur zur Eröffnung war es nicht so ruhig. Die Tarmstedter hatten schließlich allen Grund, ihr Gotteshaus zu feiern. Der Landessuperintendent kam, um es "würdig einzuweihen". In Betrieb ging die Kirche damals mit einem "gewaltigen Gottesdienst".
Die Tarmstedter Kirche in der Straße Kleine Trift hat keine offiziellen Öffnungszeiten. "Sie ist geöffnet, wenn jemand im Gemeindehaus ist", sagt Diakon Heino Meyer. So ist montag- bis donnerstagvormittags geöffnet, und auch nachmittags sind Gruppen dort anzutreffen. Das Pfarrbüro in Wilstedt ist dienstags, donnerstags und freitags von 9 bis 12 Uhr telefonisch unter 04283/982012 zu erreichen.


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