Es gibt ein Foto, auf dem rollt ein Knirps von vielleicht fünf Jahren ein hölzernes Bierfass über den Hof. Hinter ihm der Opa. Es ist eine alte Aufnahme in schwarz-weiß, Farbfilme gab es damals noch lange nicht. Und es gibt ein zweites Foto, mit dem gleichen Jungen, der, inzwischen um die zwölf Jahre alt, stolz auf der Ladefläche eines Lkw steht. Den Blick forsch auf die Kamera gerichtet. So, als wäre das alles schon seins. Und es gibt Bernhard Henze, 73 Jahre alt, der in seinem schlichten Büro in einem Achimer Gewerbegebiet sitzt. "Das war ich", sagt er. Heute ist alles seins.
Schon damals, als die Fotos mit seinem Großvater entstanden, gab es den "Bierverlag Ahlers", 1910 in Achim vor den Toren Bremens gegründet. Der Opa fuhr die Getränke noch mit dem Pferde-Wagen aus, später mit einem Opel Blitz. 1960 übernahm Bernhard Henze, der Knirps von den alten Fotos, das Geschäft mit 20 Gaststätten als Kunden. Und auch er fuhr erst einmal jeden Tag selbst mit dem Lieferwagen raus. Heute ist Henze Chef des drittgrößten Getränkegroßhandels in Deutschland, mit seinen 220 "Hol AB!"-Märkten sogar die Nummer 1 unter allen Getränkemarktketten. Gemeinsam mit seinem Sohn Andreas führt er eine Firma, die 1500 Mitarbeiter beschäftigt und einen Jahresumsatz von knapp 400 Millionen Euro erwirtschaftet.
Vor drei Jahren ist er, der Händler, auch noch unter die Bierbrauer gegangen. Der Achimer übernahm die norddeutsche Marke "Hemelinger", für die kein Platz mehr schien neben dem weltbekannten Beck&Co. "Ich entscheide meist aus dem Bauch heraus, so wie damals", sagt Henze.
Das Traditionsbier, 1878 erstmals von der Hemelinger Aktien-Brauerei gebraut, war zu Beginn dieses Jahrhunderts aus der Mode gekommen und in Vergessenheit geraten. "Aber ich bin damit aufgewachsen", sagt Henze. Ein einfaches und auch preiswertes Bier, es kam ihm gut zupass, um eine eigene, regionale Marke in die "Hol AB!"-Märkte stellen zu können. Als sich die Chance bot, kaufte er dem Bierkonzern InBev kurzentschlossen die Markenrechte und das Rezept ab. "Natürlich war das ein großer Schritt und auch ein Risiko", sagt der Achimer Getränkehändler. Doch mit frechen Werbe-Sprüchen mischt er seither den norddeutschen Biermarkt auf und ärgert den Platzhirsch Beck's, obwohl Hemelinger in gewollter Bescheidenheit doch nur "Bremens zweitbestes Bier" ist.
Die rund 150 Getränke-Laster, die "Löschzüge", ständig zwischen Cuxhaven und Nordrhein-Westfalen, von Hamburg bis nach Ostfriesland unterwegs, wurden zu rollenden Reklame-Wänden. Als Henze die Marke übernahm, wurden jährlich 84000 Hektoliter gebraut und in 840.000 Kästen à 30 Flaschen unters Volk gebracht. "Menge und Umsatz haben wir ganz gut halten können", sagt Henze. Und es sind neue Sorten dazugekommen, "die Menschen brauchen Abwechslung".
"So'n Hals" hieß es Ende 2010 , als zum Ur-"Hemelinger" in der gedrungenen Steini-Flasche das Pils in der grünen Langflasche dazukam. Ein halbes Jahr später folgte ein Alster. Und dann der neueste Clou: ein Weizenbier aus dem hohen Norden. "Auch so eine Bauchentscheidung", sagt Henze. Und wieder hatten die Kunden danach verlangt. "Aber ich wusste nicht so recht, was dabei herauskommt."
In der Brauerei Herrenhausen (Hannover) fand er einen Partner, der sich auf das Experiment einließ. "Wir haben viel ausprobiert", erzählt Henze, "bevor wir den richtigen Geschmack hatten". Seit einigen Monaten steht das Hemelinger Weizen nun in den Getränkemärkten, ein Exot neben den bekannten Biersorten aus Bayern. "Aber es wird getrunken", sagt Henze. Wenn auch nicht in allzu großen Mengen. Bis zu 10.000 Hektoliter sollen es mal werden, bis dahin sei es aber noch ein weiter Weg.
Den muss künftig auch das "Hemelinger Spezial" zurücklegen. Denn es wird künftig nicht mehr in Bremen gebraut. Der Vertrag mit der Haake-Beck-Brauerei läuft nach drei Jahren aus. "Schade, ich hätte gern verlängert", sagt Henze, "dieses Bier gehört schließlich hierher". Doch die Großbrauerei am Weserufer lehnte ab, angeblich aus Kapazitätsgründen. Demnächst übernimmt das Hofbrauhaus Wolters in Braunschweig, wo schon das Hemelinger Pils herkommt. Natürlich werde auch dort nach alter Rezeptur gebraut, "auch geschmacklich ändert sich gar nichts", betont Henze. Die Braunschweiger Brauerei habe schon etliche Chargen "Spezial" für InBev produziert und kenne sich bestens aus.
Mit rund 90.000 Hektolitern, also neun Millionen Litern, gibt Henze heute seine gesamt Bierproduktion an. Ein Plus gegenüber dem Startjahr. Neues ist schon wieder in Arbeit, vielleicht ein "Hemelinger alkoholfrei", das fehlt noch im Sortiment. Oder ein anderer frecher Werbespruch. So bodenständig Bernhard Henze auch wirkt, so weiß er doch, dass sich auf einem hart umkämpften Markt nur behaupten kann, wer die Kunden auf sich aufmerksam macht.
Mit seinem Hemelinger muss er sich nicht nur gegen Beck's und Haake-Beck behaupten, sondern auch gegen alle "Fernsehbiere" wie Krombacher, Radeberger, Paulaner oder Bitburger, die täglich und bundesweit in den Werbepausen auf den TV-Bildschirmen auftauchen. Mehr als die Hälfte dieser Biere werde über Aktionspreise verkauft, sagt Henze. Preislich kann er zwar mithalten, liegt zumTeil sogar deutlich darunter, "aber wir werden nie eine große Brauerei". Er setzt auf einen klar umgrenzten Markt, an den er regionale Produkte liefern will. "Reicht doch." Noch ein Werbespruch, vielleicht sogar der beste.
Klar ist für Henze, dass er weiter wachsen will. Geplant war das nicht, als er 1960 als Ein-Mann-Unternehmen anfing und es allein in Achim noch sieben Getränkegroßhändler gab. Aber dann hat er andere gekauft und sich immer weiter vergrößert. "Ich sehe immer mehr die Chancen als irgendwelche Risiken." Im vergangenen Jahr hat die Zahl seiner Getränkemärkte zwar verkleinert, dafür sei aber die Verkaufsfläche insgesamt größer geworden. dazu beliefert er inzwischen mehr als 4000 Gastronomie-Kunden. Den Umsatz der gesamten Unternehmensgruppe konnte er zuletzt noch einmal um 14,5 auf 391 Millionen Euro steigern. "So kann's weitergehen."



Regenwahrscheinlichkeit: