Lemwerder. Die Funkanlage knistert. "Ich mach' dir den Anleger frei", ertönt eine Stimme. Hans-Ulrich Meyer, Schiffsführer der "Vegesack", schaut aus seinem Steuerhaus gen Lemwerder. Dort manövriert sein Kollege Kai Dröge das Fährschiff "Lemwerder II" seitlich, "längsseits" wie die Fachleute sagen, von der Rampe und zieht einen riesigen Schwall Eisschollen mit sich in die Fahrrinne.
Dröge passiert Meyers Fährschiff, die "Vegesack", stromaufwärts. Eigentlich ein Tabu, denn den beiden zwischen den Anlegestellen in Lemwerder und Vegesack pendelnden Fährschiffen ist vorgeschrieben, im Linksverkehr aneinander vorbeizufahren. Doch im Moment ist nichts normal. Die Temperaturen im zweistelligen Minusbereich fordern den Besatzungen viel Flexibilität ab. "Eis und Hochwasser sind unsere größten Feinde", sagt Hans-Ulrich Meyer, während er konzentriert auf die weiße Masse vor seinem Bug schaut. "Nur dass das Hochwasser nach ein paar Stunden wieder weggeht."
An der Wasserkante hat sich auf der Rampe des Anlegers schon wieder eine dicke Barriere aus Eis zusammengeschoben. "Die Freundschaft mit Bernd ist vorbei", murmelt Hans-Ulrich Meyer vor sich hin. Ernst gemeint war das nicht, weiß er doch, wie hart die Kollegen zu kämpfen haben, die mit Schippen gegen die Eismassen ankämpfen. Langsam nimmt Meyer Gas weg. "Unsere Maschinisten erzählen, dass das da unten vom Eis richtig am Krachen ist", erzählt der Schiffsführer, der in seinem Steuerhaus hoch über dem Schiffsdeck warm und trocken sitzt. "Unsere Decksleute im Moment", der Lemwerderaner macht eine kurze Pause. Sinniert. "Das ist schon hart." Am Morgen hatte das Thermometer noch elf Grad unter dem Gefrierpunkt angezeigt. Jetzt, am frühen Nachmittag, sind es nur noch drei Grad unter null. Schiffsführer Meyer kann auf die wärmende, windundurchlässige Kleidung, wie die Decksmannschaft sie trägt, verzichten. Sein Steuerhaus ist geheizt.
Und einsam ist er trotz seiner abgehobenen Position auch nicht. Jetzt vermutlich weniger als zu anderen Zeiten. Immer wieder verständigt sich der Schiffsführer über Funk mit seinem Pendant auf der "Lemwerder II".
An diesem Tag konzentrieren sich die Eismassen dem Ostwind folgend auf die Anlegestelle in Lemwerder. Während die rechte Weserseite komplett eisfrei ist, stauen sich die Schollen auf der niedersächsischen Weser-Seite, bemächtigen sich die mittlerweile faustdicken weißen Placken der Spundwand vor der Werft Abeking und Rasmussen des Fähranlegers sowie des angrenzenden steinigen Ufers.
Hans-Ulrich Meyer legt seine Fähre an. Er muss das Tempo drosseln, denn die bereits aufliegende Klappe seines Schiffs bremst die Restfahrt nicht ab. "Das läuft immer weiter", stellt der 54-jährige Lemwerderaner lakonisch fest. "Beim Auto trittst du auf die Bremse. Dann steht das Ding. Hier ist das etwas anderes." An Land steht sein Kollege Bernd Schmidt. Von Beruf Maschinist. Bei der letzten Überfahrt ist der 52-jährige Bardenflether allerdings von Bord gegangen, um die Rampe in Lemwerder mithilfe von Schippe und Salz vom Eis zu befreien.
Schmidt signalisiert Meyer, ein Manöver zu fahren. Er bewegt die flache Hand in Bauchhöhe ein paar Mal nach unten und oben, dann winkt er mit beiden Händen von sich weg. Hans-Ulrich Meyer hat verstanden. Er soll das von Schmidt los gestocherte sowie das neu angeschwemmte und aufgestaute Eis mit der Fähre von der Schräge ziehen, ehe er anlegt, um Fußgänger, Radfahrer und den motorisierten Verkehr nach Lemwerder zu entlassen. Bereits bei der letzten Fahrt hatte er einmal zurücksetzen müssen, da sich zu viel Eis vor dem Bug seines Schiffes gesammelt hatte.
Im Normalfall hätte der Schiffsführer jetzt die Motoren weggeschaltet, das Schiff bis zur nächsten Abfahrzeit ruhig an der Anlegestelle liegen lassen. Doch heute lässt er die beiden zur Spundwand gerichteten Motoren seines Schiffes hochtourig laufen. Auf diese Weise spült Hans-Ulrich Meyer das dicht am Rumpf schwimmende Eis in Richtung Fahrrinne fort.
Die ständig laufenden Motoren lassen den Kraftstoffverbrauch der Fährgesellschaft FBS in diesem Winter in die Höhe schnellen. "Wir brauchen bestimmt 20 bis 30 Prozent mehr", ist Meyer überzeugt, denn es kostet nicht nur Diesel, die Motoren zum Spülen anzutreiben. Die Schiffe müssten auch gegen den erhöhten Widerstand des Eises ankämpfen. "Zurzeit fahren wir mit 1200 bis 1300 Umdrehungen statt mit 900 bis 1000." Auch lassen sich die schwimmenden Fahrzeuge schwerer manövrieren. "Wenn man bei Querverkehr sonst mal sagt, wir fahren noch rüber, geht das jetzt nicht mehr, weil wir nicht so wendig sind."
Meyer ist einer der wenigen FBS-Beschäftigten, die sich noch an derartige Wetterverhältnisse erinnern können. 1987 war der gelernte Heizungsanlagenbauer noch als Kassierer auf Deck tätig. "Über eine Stunde haben wir einmal von Lemwerder nach Vegesack gebraucht", erinnert sich der Fahrensmann. Auch Passagen im Schlepptau sind ihm noch gut im Gedächtnis. "Mit der alten ,Vegesack', einem Kielschiff, sind wir manchmal vor der ,Lemwerder' gefahren, um dem Rampenschiff das Eis zu brechen."
Die kurze Liegezeit ist vorbei. Meyer setzt rückwärts, ohne die Rampe zu heben. Da sie von der Unterseite komplett vereist ist, gleitet sie wie geölt über den abschüssigen Anleger. "Kai, guck dir das an. Besser geht das doch nicht. Wie gefegt", neckt Meyer seinen Kollegen über Funk. "Eis ist zum Glück ganz selten", weiß der Schiffsführer der "Vegesack". Wenn es doch kommt, versuchen die Fähren so lange wie möglich ihren Betrieb aufrechtzuerhalten. "Wenn wir mal ein paar Stunden oder eine Nachtschicht aussetzen würden, könnten wir das Eis per Hand gar nicht mehr wegkriegen."
Bernd Schmidt achtet derzeit gespannt auf jeden Wetterbericht. "Kommt jetzt noch Schnee, dann ist es vorbei", sagt er. Damit schwimmt er auf einer Wellenlänge mit seinem Vorgesetzten. "Für uns ist das eine angespannte Situation, bei der wir eine Einstellung des Fährverkehrs nicht mehr ausschließen können, sagt FBS-Geschäftsführer Andreas Bettray. Aktuelle Informationen zum Fährbetrieb gibt es im Internet unter www.faehren-bremen.de.


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