Hilfe für Erdbebenopfer auf Haiti

 - 28.02.2010

Oldenburger Verein gründet Waisenheim

Von Katja Butschbach
Cap Haitien/Oldenburg. Bittere Armut, enorme Gegensätze, Waisen, die auf der Straße leben: Mit diesen Eindrücken ist der Oldenburger Psychologe Ludger Kortmann von seinem ersten Haiti-Besuch zurückgekehrt. Das ist elf Jahre her. Nun will er sein zweites Waisenhaus in der Hafenstadt gründen. Leben sollen dort ausschließlich Kinder, die ihre Eltern beim verheerenden Erdbeben im Januar verloren haben.
Im Waisenheim in Cap Haitien sind sie sicher vor Gewalt und Hunger: Manise, Francilien, Claudine und Christine (von links).
Im Waisenheim in Cap Haitien sind sie sicher vor Gewalt und Hunger: Manise, Francilien, Claudine und Christine (von links).

Seit einigen Tagen ist der Psychologe wieder in Cap Haitien, fast vier Autostunden von der Erdbebenregion entfernt. Dass die Auswirkungen der Katastrophe jedoch auch in der Hafenstadt zu spüren sein würden, wusste er schon vor seiner Abreise. Am Telefon hatten ihm seine haitianischen Mitarbeiter von Flüchtlingstracks berichtet und von Kindern, die an die Tür des Heims klopfen. Die meisten mussten die Heimleiterinnen Madame Zilott und Madame Myrtha wieder fortschicken. 'Wir tragen einen mächtigen Kampf mit uns selbst aus. Es gibt ganz viele Kinder, die auf sich allein gestellt herumirren, betteln, klauen, irgendwo schlafen', sagt Kortmann. Dann korrigiert er sich. Diebstahl sei das nicht, wenn jemand kurz vor dem Verhungern ist.

'Was man in Haiti mit Kindern macht, was sie mit sich machen lassen, weil sie hungern, das übersteigt die Grenzen des Vorstellbaren', sagt der 57-Jährige. Lange Zeit habe er eine falsche, zu wenig drastische Vorstellung davon gehabt, was in Haiti vor sich geht. In den Städten würden es die Kinder oft schaffen, irgendwie zu überleben. 'Aber auf dem Land, in den kleinen Dörfern im Urwald, verhungern sie einfach.'

Einmal in der Woche ist Backtag

Einige der Waisen, die im Heim sicher vor Hunger und Gewalt sind, leben schon seit zehn Jahren unter der Obhut von Madame Zilott und Madame Myrtha, die rund um die Uhr für die Kinder da sind. Die Älteren helfen bei der Wäsche, beim Kochen; einmal in der Woche backen sie Unmengen kleiner süßer Brötchen. In dem hellgelb gestrichenen Haus geht es heiter zu. 'Die Kinder haben eine Menge von der Fröhlichkeit, die dieses Land so schön macht.'

Als Kortmann Haiti vor elf Jahren zum ersten Mal besuchte, sah er diese Fröhlichkeit, aber auch eine Kultur, die ihm vollkommen fremd war. Da war zum Beispiel ein Toter, erinnert er sich, der einen halben Tag lang vor einem Hotel lag. Niemand erbarmte sich, ihn dort wegzuschaffen oder auch nur ein Tuch über ihn zu legen. 'Es war ein Sonntag, da konnte so etwas passieren.'

Und dann gab es die Straßenkinder, für die sich niemand verantwortlich fühlte. Als Kortmann wieder zu Hause war, gründete er mit sechs Freunden den Verein 'Timoun an Ayiti - Kinder in Haiti' und im Frühjahr 2000 sein erstes Waisenhaus in Cap Haitien. 23 Kinder leben dort. 19 Waisen, die ihre Eltern beim Erdbeben in Port-au-Prince verloren haben, kommen im März dazu. Kortmann mietet bei seinem Besuch ein Haus, stellt mehr Personal ein.

Die neuen Kinder, die den Weg aus Port-au-Prince in das 200 Kilometer entfernte Cap Haitien geschafft haben, will der Psychologe auf das neu gemietete und das alte Haus verteilen. Er muss also auch die bestehende Gruppe trennen. 'Wenn man bedenkt, was die Kinder aus Port-au-Prince für Traumata erlebt haben, ist es besser, wenn sie nicht alle zusammen sind.' Die Heimkinder, die einen normalen Alltag leben, können den Neuen Mut machen.

Kortmann weiß, was sich in der Psyche von Menschen abspielt, die Schlimmes erlebt haben. Wie sie mit den neuen Kindern umgehen sollen, will er den Heimleiterinnen bei seinem Besuch erklären. Etwa, dass sie die Kinder nicht nach dem ausfragen sollen, was ihnen widerfahren ist und die Waisen reden lassen sollen, wenn diese das Bedürfnis danach haben.

Eine schwierige Vergangenheit haben die meisten der Kinder in Kortmanns Waisenhaus. Er zeigt auf ein Foto, auf dem ein Mädchen mit Rastazöpfen zu sehen ist: Guerline. Als sie mit elf Jahren in das Heim kam, humpelte sie stark. 'Ein Unfall', habe sie gesagt. Kortmann fuhr mit dem Mädchen zu einem Arzt in der Nachbarschaft, der für seine Diagnose nicht lange brauchte. 'Ein klarer Fall von Polio.' Guerline ist mittlerweile 17 Jahre alt und bald mit der Schule fertig. 'Dann kann sie eine pädagogische Ausbildung machen', meint Kortmann, 'und später bei uns arbeiten'. Sich um Waisen zu kümmern, das ist eben keine kurzfristige Angelegenheit, betont Carsten Dirks, der seit sieben Jahren Mitglied von 'Kinder in Haiti' ist. Erst wenn ein Kind für sich selbst sorgen kann, verlässt es das Heim.

Unfall oder Misshandlung?

Ein weiteres Foto zeigt einen Jungen, der direkt in die Kamera sieht. Er heißt Francilien und ihm fehlt ein Auge. Was mit ihm passiert ist, weiß Kortmann bis heute nicht. Es könnte ein Unfall gewesen sein, mindestens ebenso gut Misshandlung. Francilien kam mit drei Jahren in das Waisenhaus und spricht nicht über das, was er erlebt hat. Auch ein Ohr und die Genitalien sind, so Kortmann, von Verletzungen gezeichnet. Mit den anderen Kindern versteht Francilien sich gut. 'Er ist ein unheimlich liebenswerter Kerl.' Francilien wurde zum Waisenkind, als seine Mutter an Aids starb. 'Die Krankheit ist in Haiti verbreitet', sagt Kortmann. 'Man stirbt dort schneller. Auch durch die katastrophalen hygienischen Zustände.' Aber die Kinder seien in einer guten Gegend untergebracht. Schulen sind in der Nachbarschaft, Ärzte wohnen in dem Viertel. Nach Sonnenuntergang ist dennoch ein Nachtwächter im Einsatz. Das sei einfach nötig, damit die Kinder ruhig schlafen können.

Kortmann selbst übernachtet bei seinen Besuchen immer in einem Hotel, das er aus seiner privaten Kasse zahlt. Wenn er in einigen Wochen nach Oldenburg zurückkehrt, könnte er, so sagt er mit einem Lachen, allerdings ein großes Problem haben: 'Ich werde wahrscheinlich rechtfertigen müssen, warum ich doch mehr Kinder untergebracht habe als geplant.'





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