Auf den ersten Blick unterscheidet sich die Firma Meemken nicht von anderen Fleisch verarbeitenden Betrieben. Die Brüder Bernhard und Rolf Meemken führen das Unternehmen heute in dritter Generation. Seit über 70 Jahren macht der Familienbetrieb in Wurst. 200 Mitarbeiter stellen in einer hochtechnisierten Produktionsanlage verschiedenste Roh- und Kochwürste her.
Führend bei Halal-Erzeugnissen
Standort der Firma ist seit Jahrzehnten Gehlenberg, ein beschauliches, katholisch geprägtes Dörfchen am südlichen Zipfel des Oldenburger Landes. Einen führenden Hersteller für muslimische Fleischspezialitäten würde man hier kaum vermuten. Und doch gehören Meemkens heute zu den größten Prozenten für Fleischprodukte, die den Regeln des Koran entsprechen.
Die Anfrage eines türkischen Großhändlers vor zehn Jahren hatte Familie Meemken auf sogenannte Halal-Kost aufmerksam gemacht. Der Prophet Mohammed stelle hohe Ansprüche an Fleisch, das Muslime verzehren dürfen, und kaum ein deutscher Produzent könne diese erfüllen, klagte der Händler. Meemkens ließen sich zu einem Probelauf überreden und stellten bald fest, dass der Bedarf an Halal-Artikeln enorm zu sein schien. Über die Jahre bauten sie das Segment weiter aus. Heute umfasst ihre Halal-Linie „Kamar“ 70 Produkte. „Bis heute wachsen wir ordentlich in dieser Nische“, sagt Geschäftsführer Rolf Meemken.
Wichtig sei für die muslimische Kundschaft das Vertrauen in den Hersteller, erklärt der 32-Jährige. Zur Qualitätssicherung und um das nötige Know-How vor Ort zu haben, stellten Meemkens mit Osman Mahmoud eigens einen Fachmann aus Ägypten an. Mahmoud achtet seit 2003 peinlich genau darauf, dass die Halal-Produkte aus der niedersächsischen Dorfidylle den Ansprüchen gläubiger Moslems genügen. Derzeit bemüht sich das Unternehmen um eine neuerdings erhältliche Halal-Zertifizierung.
Prüfer nehmen DNA-Stichproben
Doch welche Bedeutung steckt hinter dem arabischen Wort „halal“? Die deutsche Übersetzung lautet schlicht „erlaubt“. Im Lebensmittelbereich sind alle Speisen mit dem Begriff belegt, die ein Muslim guten Gewissens zu sich nehmen darf. So dürfe sich zum Beispiel kein Schweinefleisch in den Produkten befinden, erklärt Osman Mahmoud. Die Einhaltung überprüft bei Meemken ein betriebseigenes Kontrollteam. Von eingehender Rohware nehmen die Prüfer Stichproben, die anschließend von einem Labor auf Schweine-DNA-Spuren untersucht werden. Dasselbe passiert mit den Endprodukten. Selbst die Etiketten der Wurst nehmen Tester unter die Lupe. Ihr Schweinefleisch und die entsprechenden Erzeugnisse lagert die Firma in getrennten Kühlräumen.
Auch Alkohol, der etwa zur Säuberung der Maschinen benutzt werden könnte, darf nicht ins Endprodukt gelangen. „Wir haben deshalb eine Reinigungsfirma engagiert, die gänzlich auf alkoholische Putzmittel verzichtet“, erklärt Mahmoud.
Bisher gibt es es im Unternehmen Halal- und Nicht-Halal-Tage, um eine Vermischung etwa mit Schweinefleischresten zu verhindern. Mittlerweile belegen jedoch die Koran-konformen Erzeugnisse mit wöchentlich 100 Tonnen mehr als die Hälfte der Gesamtkapazität. Meemkens bauen deshalb gerade an einer neuen Produktionsstätte, um die Bereiche komplett zu trennen.
An striktes Reglement haben sich auch die Schlachthöfe zu halten, die in Halal-Qualität arbeiten. Streng nach Koran müsste jedes Tier geschächtet werden, der Schlachter muss Muslim sein und hat den Namen Allahs zu preisen, bevor er zu Werke geht. Während des tödlichen Schnitts sollte sich der Schächter samt Tier gen Mekka ausrichten. Zu Zeiten, in denen Industriebetriebe Hunderte Tiere in ein paar Minuten schlachten können, ist die Regelauslegung etwas liberaler. „In vielen Schlachthöfen spricht der Schlachter nicht mehr selbst das Gebet, ein Tonband im Hintergrund erledigt das“, berichtet Mahmoud. Geschächtet werden nur vorher betäubte Tiere.
Einige Betriebe haben ihre Schlachtbänder in Richtung Mekka ausgerichtet, um islamischen Ansprüchen zu genügen. Osman Mahmoud sieht sich keineswegs als religiösen Fundamentalisten. Vielmehr begreift sich der 32-Jährige als liberalen aber durchaus gläubigen Muslim. Vor allem aber sei er ein Dienstleister für die islamischen Bürger Europas.
In neun europäische Länder exportieren die Niedersachsen ihre Halal-Produkte mittlerweile. In Schweden und Frankreich gehören die Artikel bereits zum Sortiment im Supermarktregal. „Das Potenzial wurde hierzulande lange nicht erkannt, aber das ändert sich zusehends“, sagt Rolf Meemkens. Immer mehr Discounter- und Supermarktketten signalisierten ihr Interesse an Halal-Produkten, und auch die Fleischindustrie wache langsam auf. Das sollte auch nicht verwundern. Allein der Gruppe der Deutsch-Türken attestieren Wirtschaftsforscher eine Kaufkraft von mehr als 25 Milliarden Euro.
Fleischerverband erfasst keine Zahlen
Der Verband Deutscher Fleischer schenkt dem Segment unterdessen keine Aufmerksamkeit. Die Frankfurter Zentrale erfasst keine Zahlen über Halal-Produktion und Absatz. „Das geht total an uns vorüber“, lässt ein Verbandssprecher wissen.
In Gehlenberg stört diese stiefmütterliche Behandlung niemanden ernsthaft. Die Mitarbeiter der Firma Meemkens halten derzeit andere Dinge auf Trab. Mitte August beginnt der islamische Fastenmonat Ramadan. Während dieser Zeit dürfen Muslime tagsüber weder essen noch trinken und tafeln allabendlich um so ausführlicher. „Da steigt unser Umsatz um 50 Prozent“, sagt Mahmoud.


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