Ungeachtet dessen investieren die Branchenriesen in immer neue, immer größere Schlachtereien und Landwirte in riesige Mastställe - in Erwartung einer immer größeren Nachfrage nach Hähnchenfleisch.
'Wer jetzt nicht mitmacht, fliegt raus', sagt AbL-Sprecher Eckehard Niemann aus Bienenbüttel (Kreis Uelzen). Angesichts der seiner Meinung nach bestehenden Überproduktion sei der Zusammenbruch des Hähnchenmarktes programmiert. In den vergangenen vier Jahren, sagt Niemann, sei der Pro-Kopf-Verbrauch von Hähnchenfleisch in Deutschland lediglich um 400 Gramm gestiegen. Um den Bedarf zu decken, brauche es etwa 80 neue Mastställe, stattdessen aber würden 900 Produktionshallen gebaut, sagt der AbL-Sprecher. 6000 Bauern haben sich bundesweit in der Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen. Gemeinsam treten sie für eine artgerechte Tierhaltung ein und protestieren gegen Massentierhaltung in Agrarfabriken.
Ganz besonders verärgert ist die AbL über die geplante Großschlachterei in Wietze (Kreis Celle). Dort will die Emsland Frischgeflügel GmbH aus Haren (Kreis Emsland) 60 Millionen Euro in der ersten Ausbaustufe investieren. Baubeginn ist bereits im August. Ab April 2011 soll das Frischgeflügel aus dem Celler Land verarbeitet werden. In einer Schicht sollen 250 Mitarbeiter täglich bis zu 100000 Hähnchen verarbeiten. Mittelfristig will das Unternehmen 500 Angestellte in zwei Schichten beschäftigen und doppelt so viele Hähnchen schlachten. Perspektivisch sollen 1000 Menschen in der Großschlachterei arbeiten. 'Wir investieren doch nicht so viel Geld in Wietze, wenn wir nicht ein entsprechendes Marktpotenzial sehen würden', sagt Firmenchef Franz-Josef Rothkötter. Sein Unternehmen produziert schon heute jedes vierte Kilogramm Frischgeflügelfleisch in Deutschland.
Nach Angaben des Deutschen Bauernverbandes lag der Pro-Kopf-Verbrauch von Geflügelfleisch in Deutschland im vergangenen Jahr bei 18,6 Kilo im Jahr und damit 20 Prozent unter dem Durchschnitt in der Europäischen Union. Gerade bei Hähnchen habe Deutschland noch 'erheblichen Aufholbedarf', schreiben die Experten des Bauernverbandes im Internet. Rothkötter interessiert sich nur für den Geflügelfrischfleischmarkt in Deutschland. Der Konsum von Geflügelfrischfleisch sei 2009 im Vergleich zum Vorjahr um sieben Prozent gestiegen, sagt Rothkötter. 'Und wir gehen auf Basis aktueller Marktprognosen - nicht zuletzt wegen der ernährungsphysiologischen Vorteile - von einer weiter wachsenden Nachfrage aus', sagt Rothkötter. Für den Weltmarkt interessiert sich das Familienunternehmen aus dem Emsland nicht. 'Da sind andere einfach billiger.'
Bürger fürchten Emissionen
In Wietze wie anderswo fürchten Bürger die Emissionen neuer Mastställe. Gleich 20 Initiativen im Umkreis des 8000-Einwohner-Ortes krähen deshalb laut gegen die geplante Großschlachterei. Landrat Klaus Wiswe dagegen bezeichnet die Ansiedlung wegen der zu erwartenden Arbeitsplätze als 'Glücksfall' für die Region. Das sehen fast alle Parteien im Celler Kreistag so. Kritik kommt lediglich von den Grünen. 'Wir wollen keine zweite Emsland-Region werden', sagt Annegret Pfützner.
Im Umkreis von 150 Kilometer um Wietze sucht Rothkötter investitionswillige Landwirte. Je nach Größe der Anlage braucht die geplante Schlachterei für den Zweischichtbetrieb Nachschub aus bis zu einhundert Hähnchenmastbetrieben. 'Es wird keine Beschaffungsprobleme geben', ist sich Rothkötter sicher. Nach AbL-Informationen wollen aber nur 50 Landwirte mit Rothkötter zusammenarbeiten. Jedes zweite Hähnchen müsste demnach aus dem Emsland oder von anderswo ins Celler Land gekarrt werden.
Die neue niedersächsische Landwirtschaftministerin Astrid Grotelüschen (CDU) kennt sich in der Geflügelbranche aus. Gemeinsam mit ihrem Mann betreibt sie eine Mastputenbrüterei in Ahlhorn (Kreis Oldenburg), die zweitgrößte in Deutschland. Sie glaubt fest an die Marktwirtschaft, an das ewige Spiel zwischen Angebot und Nachfrage. Überproduktion ist für sie kein Problem, sondern eine Exportchance: 'Der Export ist einer unserer Stärken, Tausende von Arbeitsplätzen, Familien und Steuerbescheide hängen daran...Auch VW produziert mehr Autos als in Niedersachsen gebraucht werden, nach der kruden Logik der AbL müsste dann damit ja auch Schluss sein.' Die Ministerin verweist auf den Import von Geflügelfleisch aus Asien, um den Bedarf hierzulande zu decken, und fragt: 'Soll es das sein?'
Unterdessen haben in der Nacht zu Montag Tier- und Umweltschützer den Bauplatz für den Wietzer Geflügelschlachthof besetzt. Die Aktivisten errichteten einen zehn Meter hohen Holzturm auf dem Gelände. 'Wir sind hier, um den Schlachthof zu verhindern', sagte Claudia Kunze, eine der mehr als 20 Besetzer. 'Wir haben mit dem Eigentümer und dem Pächter des Geländes gesprochen, die können dort bleiben und auch Zelte aufschlagen', sagte gestern ein Polizeisprecher.


Regenwahrscheinlichkeit:
