'Viele Menschen rufen bei uns an, weil sie ihre Tiere aus finanziellen Gründen abgeben müssen' sagt Agnes Hillmer, Vorsitzende des Tierschutzvereins OHZ in Osterholz-Scharmbeck. 'Manchem kann man nicht einmal einen Vorwurf machen - viele Leute sind gezwungen, ihre Tiere abzugeben, weil sie ihnen nicht einmal mehr eine angemessene Grundversorgung bieten können.' Wer in die Arbeitslosigkeit abrutscht, habe oft genug keine Möglichkeit mehr, ein Tier zu ernähren. Selbst wenn: Spätestens beim nächsten Tierarztbesuch wird es finanziell kritisch. 'Man kann nicht pauschal alle Menschen, die unerwartet in eine finanzielle Notlage geraten, als verantwortungslos oder gleichgültig ihren Tieren gegenüber aburteilen', sagt Hillmer. 'Wollte man bei der Anschaffung alle möglichen Eventualitäten abwägen, dürfte sich kaum noch jemand ein Tier zulegen.'
Die meisten Menschen seien todunglücklich darüber, ihre Tiere aus finanziellen Erwägungen heraus abgeben zu müssen. 'In manchen Fällen versucht der Tierschutzverein OHZ sogar, den Leuten mit einem Darlehen die Überbrückung finanzieller Engpässe zu ermöglichen, damit sie ihre Tiere behalten können', sagt Hillmer. 'Aber auch bei der Vermittlung haben wir größere Schwierigkeiten als früher. Kaum jemand schafft sich beim derzeitigen Wirtschaftsklima ein Tier an.'
Auch Simone Reinhold, Vorsitzende des Vereins 'Tiere in Not', der Träger des ersten Tierheims im Landkreis Osterholz ist, spricht von einer 'deutlich verschlechterten Vermittlungsrate' in diesem Jahr. Das Tierheim im Osterholz-Scharmbecker Ortsteil Bargten ist noch nicht einmal komplett fertig, da droht es bereits aus allen Nähten zu platzen. Allein im Juli wurden von Helfern des Vereins 55 Katzen aufgegriffen, die teilweise sehr krank oder schwer verletzt waren. Die einfach Rechnung der Besitzer dieser Tiere: Wer seine Katze nicht ordnungsgemäß abgibt, sondern sie irgendwo aussetzt, vermeidet nicht nur Aufsehen, sondern auch die Abgabegebühr, die Tierschutzvereine für die Übernahme eines Vierbeiners erheben.
Auch die sogenannten Tiertafeln spüren die Auswirkungen der Finanzkrise. Bei den kostenlosen Ausgabestellen für gespendetes Futter und Tierzubehör ist der Andrang jede Woche groß, gleich zu welcher Jahreszeit.
In den vergangenen Monaten ist die Zahl der Neuzugänge kontinuierlich angestiegen. Rund 250 Kunden sind allein in der Kartei der Oldenburger Tiertafel vermerkt. Monatlich kommen bis zu 20 neue hinzu. 'Die meisten sind Rentner und Hartz-IV-Empfänger', sagt Imke Aschemann, Ausgabestellenleiterin in Oldenburg. Die Kunden der Tiertafel sind finanziell nicht mehr in der Lage, sich um die Pflege und Ernährung ihrer Tiere zu kümmern. 'Eine gesunde Katze kostet monatlich etwa 35 Euro', rechnet Aschemann vor. 'Das können sich einige Menschen einfach nicht mehr leisten.' Nicht alle Kunden der Oldenburger Tafel stehen tatsächlich jede Woche vor der Ausgabestelle. 'Einige kommen auch erst am Monatsende, wenn das Geld knapp wird', sagt Aschemann.
Nicht durch die steigende Kundenzahl macht sich die Finanzkrise bemerkbar. Auch die Geldspenden, von denen der Verein beispielsweise Tierarztbesuche finanziert, haben sich in der Vergangenheit drastisch reduziert. 'Futterspenden haben wir ausreichend, aber bei der finanziellen Unterstützung läuft es schlecht.'
Wer Kunde bei einer Tiertafel werden möchte, muss sich zuerst offiziell anmelden. Vielen sei es aber peinlich, die Hilfe der Tiertafeln anzunehmen, sagt Aschemann. Sie erinnert sich an Fälle, da musste sie mit Tierbesitzern in einen gesonderten Raum gehen, weil diese nicht von anderen gesehen werden wollten. Mit der Zeit falle es vielen Haltern jedoch zunehmend leichter, zur Tiertafel zu kommen. Sie holen dann nicht nur Futter ab, sondern nutzen die Ausgabestelle auch, um Kontakte zu anderen Tierbesitzern zu entwickeln.
Um die Bedürftigkeit der Kunden zu überprüfen, kontrollieren die ehrenamtlichen Helfer der Tiertafeln Renten- oder Hartz-IV-Bescheide. Zudem verlangen sie, dass Hunde mindestens einmal mit zur Ausgabestelle gebracht werden müssen. Von Katzen und anderen Kleintieren müssen Neukunden einen Impfausweis vorlegen können. Je nach Rasse und Größe berechnen die Helfer dann eine bestimmte Futtermenge, die den Tieren zusteht. 'Manchmal gibt es auch Kunden, die ihr Tier nur mit einer bestimmten Futtermarke füttern wollen', sagt die Pressesprecherin der Tiertafeln Claudia Holm. 'Aber wir haben natürlich nicht jede Woche alles im Angebot. Da gibt es dann schon manchmal Ärger.' Viele Tierbesitzer wüssten gar nicht, dass das Angebot der Tiertafeln ausschließlich aus Spenden bestehe.
Grundsätzlich versuchen die Tiertafeln allen Haustierbesitzern zu helfen. 'Wenn die Halter sich aber als absolut beratungsresistent zeigen, was die artgerechte Haltung angeht, schalten wir das Veterinäramt ein', sagt Holm. In Oldenburg sind derzeit sechs ehrenamtliche Helfer im Einsatz. 'Wir brauchen dringend Unterstützung', sagt Aschemann. 'Für einige Aktionen wie beispielsweise Besuche bei unseren Kunden zu Hause, fehlen uns die Kapazitäten.'



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