Hamburg. Großbaustellen in Hamburg stehen zurzeit unter keinem guten Stern. Nach der Ungewissheit beim Bau der Elbphilharmonie verzögert sich nun auch die Fertigstellung des umstrittenen Kohlekraftwerkes in Moorburg. Das bestätigte der Sprecher des Kraftwerksbetreibers Vattenfall, Stefan Kleimeier, gestern. Grund ist der schadhafte Stahl der beiden Kessel, der teils ersetzt werden muss. Außerdem würden "konstruktive Änderungen" im Aufbau der Kessel vorgenommen, sagte er.
Bereits im Frühjahr 2011 war durchgesickert, dass die beiden 100 Meter hohen Stahlbehälter Risse in den Schweißnähten haben. "Konkret gehen wir jetzt von einem Beginn des kommerziellen Betriebs Anfang 2014 bezogen auf Block B und Mitte 2014 bezogen auf Block A aus", sagt der Vattenfall-Sprecher - eine Verzögerung um rund ein Jahr. Moorburg soll dann mit elf Milliarden Kilowattstunden Strom fast das gesamte Netz der Stadt versorgen.
Die Druckkessel der beiden Kraftwerksblöcke bestehen aus dem extrem hitzebeständigen Stahl T24, das Material soll den Wirkungsgrad der Kohlefeuer verbessern. Doch nun erweist sich das Spezialgemisch als mangelhaft. Man habe zwar Tests vorgenommen, bei denen kein Druck entwichen sei, so Kleimeier. Doch in mindestens drei weiteren Kraftwerken in Deutschland, deren Kessel aus T24 bestehen, seien ebenfalls Risse festgestellt worden. Bei allen vier Kraftwerken handelt es sich um denselben Lieferanten: Hitachi Power Europe. Nun lässt Vattenfall prüfen, wer für den entstandenen Schaden aufkommen muss.
"Wir haben uns zunächst auf einen Teilaustausch geeinigt", sagt Kleimeier. Da eine Kesselanlage aus Tausenden Rohren und feinsten Röhrchen besteht, ist schnelles Handeln ausgeschlossen. Eine nachträgliche Abdichtung wäre zu unsicher gewesen, ein Komplettersatz der Stahlkessel hätte einen Teilabriss der Anlage erfordert. Mit dem Bau des Kohlekraftwerkes war im Oktober 2007 begonnen worden. Die Kosten wurden zunächst auf 1,7 Milliarden Euro veranschlagt, erhöhten sich später jedoch auf 2,6 Milliarden Euro.
"Die Verzögerung stellt die Gesamtwirtschaftlichkeit noch mehr infrage", sagt Manfred Braasch, Geschäftsführer des BUND Hamburg. "Der Klimakiller Moorburg wird nun definitiv zum Finanzdesaster für den schwedischen Staatskonzern." Volker Dumann, Sprecher der Umweltbehörde hält dagegen: "Wir brauchen Moorburg, gerade nach dem Ende der Atomkraft, auch wenn die regenerativen Energien auf dem Vormarsch sind."
Genehmigung unter Auflagen
"Auch die Entwicklung der Brennstoffkosten hat Vattenfall verkehrt prognostiziert", so Braasch. Das Unternehmen sei von "leicht sinkenden" Preisen ausgegangen, stattdessen seien die Steinkohlepreise um 70 Prozent gestiegen. Zudem befürchteten Kritiker des Projektes eine Beeinträchtigung der Flora und Fauna der Elbe durch die Abwärme. Die Genehmigung zum Bau war im September 2008 nur unter strengen Umweltauflagen erfolgt. "Moorburg ist Vattenfalls Elbphilharmonie. Dem Konzern laufen die Baukosten davon", sagte Jens Kerstan, energiepolitischer Sprecher und Vorsitzender der GAL-Fraktion. "Falls der Kohleofen je ans Netz geht, machen die neuen Regeln im europäischen Emissionshandel es höchst unwahrscheinlich, dass er die geplanten Renditen einfahren wird."
Seit dem Energiewende-Beschluss der Bundesregierung wird Moorburg andererseits von der Bundesnetzagentur besondere Bedeutung beigemessen. Nicht zuletzt deshalb hat der Senat die Minderheitsbeteiligung Hamburgs an den Netzen beschlossen. Eine Beteiligung an den Versorgungsnetzen für Strom, Fernwärme und Gas von 25,1 Prozent wird angestrebt.
"Für Hamburg bleibt das Problem, dass der Senat sich mit seinem Deal zur Beteiligung an den Netzen dauerhaft an einen Partner bindet, dem es offenbar an technischer Kompetenz fehlt und der in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckt", bemängelt Kerstan. Braasch und ergänzt: "Da zahlt die Stadt 450 Millionen Euro an ein wirtschaftlich angeschlagenes Unternehmen."



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