Hoya·Hannover. Ngoc Lan, die 20-jährige Tochter, hatte als einziges Familienmitglied in Hoya bleiben dürfen, als ihre Familie am 8. November früh um drei geholt und abgeschoben wurde. "Ein Traum ist für mich wahr geworden", sagte sie gestern. Mit der Rückkehr ihrer Eltern Minh Tuong und Thi San sowie der Geschwister Esther (9) und Andre (6) ist für die ganze Familie ein Alptraum vorüber. Die Eltern und kleinen Geschwister konnten zwar bei den Großeltern am Stadtrand Hanois unterkommen, aber die Kinder litten unter der Trennung, unter dem Klima, vertrugen das ungewohnte Essen nicht.
Ngoc Lan war zunächst ebenfalls von Abschiebung bedroht gewesen, hatte aber wegen ihres Schulabschlusses und weil sie bereits länger als fünf Jahre in Deutschland gelebt hatte, eine eigene Aufenthaltserlaubnis erhalten. Die günstige Prognose hatte sie knapp vor der Abschiebung bewahrt, die ihre ausländerrechtlich lediglich geduldeten Eltern traf - und die kleinen Geschwister mit. Die Ausländerbehörde des Landkreises Nienburg hatte erklärt, es gebe keinen Ausweg mehr, die Abschiebung müsse vollzogen werden. Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) stand ebenfalls dahinter, trat damit heftigen Widerstand los - und setzte sich schließlich dafür ein, die als mustergültig integriert geltende, aber bereits ausgeflogene Familie heimfliegen zu lassen und ihr ein Bleiberecht aus humanitären Gründen zu erteilen. Eine derartige - sogenannte - Rückholung hat es in Niedersachsen bis gestern nicht gegeben.
Blumen, unbekannterweise
Der Vorgang, Menschen abzuschieben, ehe man sie - auf juristisch sauberem Wege, wie das Innenministerium betonte - wieder zurückzuholen versucht, hat dafür gesorgt, dass sich weite Kreise für die niedersächsische Abschiebeproblematik interessieren. So stehen gestern neben den vielen Freunden und Unterstützern der Familie Nguyen auch Holger Wirges am Ankunftsterminal und will seinen Blumenstrauß überreichen - unbekannterweise. Der 43-Jährige war , wie er sagt, spontan aus Wülfingen, 30 Kilometer südlich von Hannover, angereist. "Ich habe davon aus den Medien erfahren und meine, dass man eine Familie, die fast 20 Jahre hier lebt, nicht auseinanderreißen darf", sagt der Wülfinger. Was geschehen sei, fördere die Politikverdrossenheit.
Die Maschine, in der die Nguyens ihre 25-stündige Reise über Frankfurt hinter sich bringen, landet um 10.55 Uhr. Bis endlich das Gepäck auf den Förderbändern liegt und die Passagiere in die Halle treten - die Minuten vergehen wie in Zeitlupe.
Andreas Ruh, Pastor der evangelischen Kirchengemeinde in Hoya, und seine Singgruppe nutzen die Wartezeit zu eine Generalprobe. Schillers "Freude schöner Götterfunken" haben sie einstudiert. "Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein..." schallt, von besonderer Inbrunst getragen, durch das Terminal. Die Erwachsenen können es kaum erwarten, noch aufgeregter sind Celina, Victoria und Duyen, Freundinnen Esthers aus der Klasse 3a. Auf die Reporterfrage, was sie am meisten vermisst habe, wird die Neunjährige wenig später antworten: Meine Schwester und meine Freundinnen.
"So darf ein Gesetz nicht sein, dass Familien auseinandergerissen werden", sagt die Grundschulrektorin der Mädchen und Bürgermeisterin Hoyas, Anne Sophie Wasner. Heike Teichmann, die Leiterin der Kindertagesstätte, die Andre nun wieder besuchen wird, weiß noch genau, wie das war am 8. November, einen Tag vor Andres sechstem Geburtstag, zu dem er schon eingeladen hatte: "Wir haben gesagt, die Familie sei verreist, das Thema Abschiebung kann man so kleinen Kindern nicht nahebringen, das schürt nur Ängste."
Auch Ngoc Lans Eltern können bald wieder ihre Arbeit in einer Baumschule aufnehmen. "Einen guten Mann kann man nicht ersetzen", sagt Seniorchef Jürgen Krebs. Damit meint er selbstverständlich auch Minh Tuongs Frau Thi San. Die Umarmung aber gilt ihm - der schon seit 14 Jahren bei Krebs arbeitet. Ihre Tränen widmen sich die Familie und die Freunde gegenseitig. "Aus einem Schneeball wurde eine Lawine, wir haben es geschafft, sie sind wieder da", sagt Andreas Ruh. "Wir werden noch einen schönen Tag haben mit unseren Freunden, dem Unterstützerkreis, und wir werden auf jeden Fall den Herrn loben", antwortet Ngoc Lan auf Fragen der Kamerateams nach dem ersten Familientag der Nguyens seit langem.


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