„Wir hatten Hunger, Angst und nur die Kleider, die wir am Leibe trugen“, sagt Michael Hanke über seine Flucht im Oktober 1989. Für seine Frau Evelyn, Sohn Steven und ihn war es nicht der erste Anlauf zum Sprung in den Westen. Schon Wochen zuvor hatte die Familie aus Magdeburg einen Wochenend-Ausflug nach Bratislava gemacht. „Wir wollten einfach über die Donau schwimmen und suchten nach der günstigsten Stelle zur Flucht, doch dann kam alles ganz anders.“
Am Ufer der Donau sahen sie Flüchtlinge, die von Uniformierten mit Maschinenpistolen abgeführt wurden. Da sei es mit dem Mut erstmal vorbei gewesen, sagt Evelyn Hanke. „Das Erlebnis hatte uns tief geschockt. Wir kehrten um.“ Erst die Fernsehbilder von Außenminister Hans-Dietrich Genscher, der am 30. September 1989 vom Balkon der deutschen Botschaft in Prag unvergessliche Worte sprach, gaben den Anstoß zu einem zweiten Versuch.
Die Entscheidung zur Flucht stand für das Ehepaar schon lange fest. Über Jahre hatten die Hankes unzählige Ausreiseanträge gestellt – alle blieben erfolglos. Stattdessen besuchten Mitarbeiter der Staatssicherheit das Ehepaar am Arbeitsplatz, um es in zahlreichen Verhören in die Zange zu nehmen. „Wie wollten einfach nur weg“, sagt Michael Hanke.
Am 1. Oktober um zwei Uhr morgens war es dann soweit. „Wir hatten nur das Nötigste eingepackt, um am Grenzübergang nicht aufzufallen“, berichtet Evelyn Hanke. Im Morgengrauen erreichte der orange-rote Lada der Familie den Grenzübergang Zinnwald. Die Grenzpassage nach Tschechien sollte es in sich haben. Der leuchtend rote Lada fiel den Grenzbeamten auf. „Die haben uns richtig auseinandergenommen. Wir mussten alles auspacken und bohrende Fragen beantworten. Und der Fahrzeugunterboden wurde mit Spiegeln abgesucht“, erinnern sich die Hankes.
Zum Glück habe man dabei nicht das Bargeld, Ausbildungszertifikate und Papiere gefunden. „Die steckten nämlich unter dem Autohimmel“, verrät Hanke und winkt ab. Nach Stunden durfte die Magdeburger Familie die Grenze nach Tschechien passieren.
Bei der Ankunft in Prag am späten Nachmittag habe man sich bei der Suche nach der deutschen Botschaft „ganz auf das Gefühl verlassen“. Wie viele andere DDR-Bürger, stellten auch die Magdeburger Familie den Wagen in der Innenstadt ab und setzte zu Fuß den Weg zur deutschen Vertretung fort.
Dort angekommen, passierte zunächst nichts. Das massive Tor blieb den Wartenden verschlossen. Im Laufe des Nachmittags sammelten sich immer mehr Menschen vor dem Portal. Dazu kursierten Gerüchte, die Grenze sei dicht. Als es dunkel wurde, öffnete sich dann doch eine Tür. „Nur Frauen und Kleinkinder durften hinein. Wir Männer mussten draußen übernachten“, erzählt Michael Hanke.
Zu diesem Zeitpunkt warteten vor der Botschaft schon Hunderte; in der Vertretung mehrere Tausend. Evelyn Hanke und ihr dreijähriger Sohn haben im Botschaftsgarten in Zelten übernachtet. Die hygienischen Zustände seien katastrophal gewesen. Das Essen fiel karg aus: Zu den Mahlzeiten gab es Suppe – immerhin.
Das war auch vor der Botschaft so. Mitarbeiter vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) verteilten Suppe an nunmehr etwa 2000 Ausreisewillige, die sich auf dem Vorplatz der deutschen Vertretung drängten. Gegen die Kälte halfen Decken, die ebenfalls von Rot-Kreuz-Helfern ausgegeben wurden. „Ich glaube, wir alle haben nachts gar nicht geschlafen. Es war zu kalt“, versucht sich Hanke zu erinnern.
Die Situation entspannte sich überraschend am dritten Tag. Am Abend des 3. Oktober wurden vor dem Botschaftsgebäude Absperrgitter aufgestellt. Später sammelten sich die Flüchtlinge am Pforteneingang, wo sie mit ihren Familien aus der Botschaft zusammengebracht wurden. „Mit erhobenen Ausweisen vor dem Körper drängten wir zu den Bussen, die uns zum Bahnhof chauffieren sollten“, erinnern sich die Hankes.
Als die Zugfahrt über DDR-Territorium führen sollte, kam es zu Panik unter den Flüchtlingen. „Es war unheimlich. Viele trauten der Situation nicht“, erklärt Michael Hanke. Gerüchte machten die Runde: „Es gab Angebote, ohne Strafe in die DDR zurückzukehren“, schildert Evelyn Hanke die Ereignisse der ungewissen Zugfahrt.
Später, bei einem Zwischenstopp, hätten zivile Mitarbeiter der Staatssicherheit alle DDR-Ausweise im Zug eingesammelt. Die Waggontüren wurden außen abgeschlossen. Erst dann fuhr der Zug weiter.“ Viele Flüchtlinge hätten nach Anfahren des Zuges die Fenster geöffnet und den DDR-Grenzsoldaten ihre restliche Geldmünzen vor die Füße geworfen“, berichtet das Buschhausener Ehepaar. Die Bilder seien unvergesslich.
Auch die Ankunft im Westen werden die Hankes nie vergessen. „Da sah ich Menschen, die uns Süßigkeiten, Obst und sogar Geld in die Hand gaben. Ich konnte das nicht glauben. Das waren einmalig schöne Gesten“, so Michael Hanke.
Nach der Flucht kam die Familie bei Verwandten in Wallhöfen unter. Zwei Wochen später konnte der gelernte Kraftfahrzeugmechaniker in der Auto-Produktion bei Mercedes-Benz in Bremen anfangen. Dort arbeitet er heute noch.
Anlässlich ihres 25. Hochzeitstages wollten die Hankes, die seit vielen Jahren in Buschhausen wohnen, einmal richtig weit weg verreisen. Zur Silberhochzeit gönnte sich das Jubelpaar aus Magdeburg eine Reise nach Bali. Auch zum 20. Jahrestag des Mauerfalls sind sich Evelyn und Michael Hanke immer noch einig. „Es war richtig zu fliehen“, sagen sie.





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